50 Jahre Münchner U-Bahn

Vogel über U-Bahn: Wir wären im Verkehr erstickt!

+
Auch mit fast 89 noch ein großer Fan der U-Bahn: Alt-OB Vogel.

München - Er war der U-Bahn-Pionier im Münchner Rathaus: Alt-OB Hans-Jochen Vogel erzählt im tz-Interview, wie zufrieden er heutzutage mit der U-Bahn ist und wie er das Projekt einst auf den Weg gebracht hat.

Als Oberbürgermeister von 1960 bis 1972 ist Dr. Hans-Jochen Vogel der Münchner U-Bahn-Pionier im Rathaus. Im tz-Interview schildert die SPD-Ikone, die am Dienstag 89. Geburtstag feiert, wie dieses Projekt auf den Weg gebracht und es zum Verkehrsrückgrat der Stadt wurde.

Herr Dr. Vogel, sind Sie immer noch ein fleißiger U-Bahnnutzer?

Vogel: Natürlich. Ich habe hier vom Augustinum eine gute Verbindung. Wenn ich in die Stadt muss, steht mir die U6 zur Verfügung. Zum Haderner Stern habe ich früher zu Fuß fünf Minuten gebraucht. Jetzt sind es sieben oder acht, ich bin altersgemäß noch im Soll.

Sie waren mit dem Spatenstich der Geburtshelfer unserer U-Bahn. Wie zufrieden sind Sie 50 Jahre später damit?

Vogel: Ja, das bin ich nach wie vor. Das war ja keine einfache Entscheidung, die wir damals getroffen haben. Doch die U-Bahn ist zusammen mit der S-Bahn seit dieser Zeit das Rückgrat des öffentlichen Personennahverkehrs. Ohne U-Bahn wäre die Stadt wohl an ihrem Verkehr erstickt.

Heute zeigt sich der Münchner meist als Universal-Verweigerer: Keine Olympischen Spiele, keine 3. Startbahn – große Skepsis gegen die 2. Stammstrecke. Wie war das früher?

Vogel: Die Finanzierung und die Trassenführung waren die schwierigen Fragen damals, nicht der Widerstand aus der Bürgerschaft. Da gab es keine mit der heutigen Situation vergleichbaren Proteste. Es wurde anerkannt, dass München diese U-Bahn und diese S-Bahn braucht.

Warum sagen die Münchner heute so gern Nein?

Los geht’s: Vogel (2.v.r.) beim erstem Rammschlag am 1. Februar 1965.

Vogel: Also jetzt konkret zum Bürgerentscheid über Olympia 2022: Das war ja erstens eine knappe Mehrheit. Und zweitens hat sich der Charakter der Spiele im Vergleich zu 1972 in finanzieller und ökonomischer Hinsicht seitens des IOC massiv verändert. Die TV-Rechte haben dem IOC damals rund 50 Millionen Mark eingebracht, heute geht es um 3,5 Milliarden!

Und in den anderen Fällen Startbahn und Stammstrecke?

Vogel: Ich kann mir da kein sicheres Urteil mehr erlauben. Ich kenne zu wenig Umfragen und auch nicht die Stimmung in den Bürgerversammlungen. Gelegentlich habe ich aber schon eine Bitte ...

Ich finde, die darf der Alt-OB auch äußern!

Vogel: Menschen, die Einspruch erheben, sollten zunächst einmal bedenken, was sie durch ihre Klage für sich bewirken wollen. Und was an Vorteilen für eine große Anzahl von Menschen aufb diese Weise verzögert oder sogar unmöglich gemacht wird. Denn nicht alles, was das Recht erlaubt, muss man ja unter allen Umständen tun.

Mehr Gemeinwohl vor Egoismus also!

Vogel: Diese Abwägung zwischen dem eigenen Nachteil und dem allgemeinen Vorteil, die würde ich mir manchmal etwas ausgeprägter wünschen.

Denken die Münchner zu sehr nur an sich selbst?

Vogel: Da sehe ich gerade glücklicherweise auch gewisse Gegenanzeichen. In der Flüchtlingsfrage haben die Menschen hier in München in einer Weise geholfen, die noch vor nicht allzu langer Zeit so nicht zu erwarten gewesen wäre. Da muss ich nur an die Asyldebatte von 1992 denken!

Auch mit den Montagsdemos gegen die Pegida- Bewegung haben die Bürger große Zeichen gesetzt!

Vogel: München hat so gehandelt, wie ich es von München erwartet und – Entschuldigung – auch für selbstverständlich gehalten habe. Es ist erfreulich, in welch großer Zahl die Leute für ein farbiges und buntes München eintreten.

Zurück zur U-Bahn. Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen: Die Verlängerung der U5 nach Pasing gilt als beschlossene Sache. Ist es eine sinnvolle Erweiterung?

Vogel: Wenn wir von der Zukunft des ÖPNV-Netzes sprechen, geht es mir vor allem um die 2. Stammstrecke. Es ist jetzt wirklich genügend Zeit mit Verhandlungen, Gesprächen, Überlegungen und Zusicherungen vergangen. Jetzt ist es hoch an der Zeit, dass mit dem Bau der Röhre begonnen wird.

Ist sie alternativlos?

Vogel: Ja! Denn nur sie bringt für das Gesamtnetz die Entlastung, die jetzt dringend erforderlich ist. Das wird durch Unfälle und Störungen auf der jetzigen Strecke beinahe täglich deutlich. Da muss jetzt gehandelt werden. Und: Ja, die U5-Verlängerung ist sicher auch eine sinnvolle Ergänzung und Kosmetik des Angebotes.

Bei der 2. Stammstrecke wird gern zwischen Stadt, Land und Bund der schwarze Peter hin und her geschoben!

Vogel: Damals zu meiner Zeit gab es eine gute Kooperation innerhalb des Stadtrats, aber auch mit Land und Bund. Das ist wichtig, wenn Großes geschaffen werden muss. Außerdem hat man früher zeitliche Vorgaben eingehalten und man ist zu den vorgesehenen Zeiten fertig geworden.

Stefan Dorner

Auch interessant

Meistgelesen

MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring

Kommentare