Heute bewegt er ganze Schulkassen

Wie ich mir selbst das Leben rettete

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Rückkehr zur Grosshesseloher Brücke: Hier lebte Udo als Obdachloser

München - Der Alkohol brachte ihn fast um – heute bewegt Udo Biesewski ganze Schulkassen. Die tz stellt einen Menschen vor, der München bereichert – auch wenn er viele Fehler gemacht hat und Hartz IV bezieht.

Warnhinweise auf Zigarettenschachteln, Ausweiskontrollen beim Bier- und Schnapsverkauf, Polizeikontrollen in Kneipen, Gardinenpredigten von Eltern und pädagogisch wertvolle Aufklärungskampagnen aller Art: So versucht unsere Gesellschaft, ihre Jugendlichen für die Gefahren von Alkohol und Drogen zu sensibilisieren. Aber erreicht man mit diesen Appellen an die Vernunft auch die Herzen der jungen Menschen? Udo Biesewski (50) schafft das. Bei seinen Vorträgen in Münchner Gymnasien bewegt der trockene Alkoholiker und frühere Obdachlose ganze Schulklassen. Biesewskis Konzept ist ebenso einfach wie emotional: „Ich erzähle den Schülern offen und ehrlich, wie mein Leben bisher gelaufen ist.“ Wie er schon als Kind durch die Hölle ging. Wie er nach Schicksalsschlägen immer tiefer im Strudel der Sucht versank. Wie er unter der Brücke lebte. Und wie er es trotzdem geschafft hat, sich selbst das Leben zu retten. Die tz stellt einen Menschen vor, der München bereichert – auch wenn er viele Fehler gemacht hat und Hartz IV bezieht.

Andreas Beez

Ich musste mich entscheiden: Willst du sterben, oder willst du leben?

Das Datum hat sich in sein Gedächtnis gebrannt, sogar die Uhrzeit weiß er noch genau. Am 6. September 2002 um 6.15 Uhr stellte sich Udo Biesewski – ausgezehrt von Arbeit, Suff und Spielsucht – selbst vor die Wahl: „Entweder du willst sterben, dann trink’ einfach weiter. Oder du willst leben.“

Der Schwerst-Alkoholiker entschied sich fürs Leben. Er torkelte zur Psychiatrischen Klinik in der Nußbaumstraße und wies sich selbst in den geschlossenen Entzug ein.

Zwei Wochen lang vegetierte er vor sich hin. Phasenweise ans Bett gefesselt, gequält von unerträglichen körperlichen Schmerzen, wie benebelt von Wahnvorstellungen. Aber Biesewski hat die medizinische Teufelsaustreibung durchgestanden. Zehn Wochen blieb der Patient in der Nußbaumstraße, weitere 18 Wochen in einer Rehaklinik. Bis heute hat er keinen Tropfen mehr angerührt.

Selbst dann nicht, als er ein halbes Jahr nach dem Entzug seine Wohnung verlor. Einen Monat lebte er in einem Zelt unter der Großhesseloher Brücke, dann fand er eine neue Bleibe in einem Wohnheim für trockene Alkoholiker. „Ich habe meditiert, Tai Chi gemacht statt zu trinken. Das habe ich in der Reha gelernt.“

Es wäre wohl nachvollziehbar gewesen, wenn Biesewski damals wieder zur Flasche gegriffen hätte. Und ebensowenig verwunderlich ist die traurige Tatsache, dass er überhaupt zum Alkoholiker geworden ist. Denn so viele Schicksalsschläge kann ein einzelner Mensch nur schwer aushalten. Rückblende in einen realen Albtraum: Biesewskis leiblicher Vater ist schon morgens betrunken, bevor er überhaupt zum Arbeiten auf den Bau fährt. Die Eltern trennen sich. Als Udo sechs Jahre alt ist, lernt er seinen Stiefvater kennen. „Er hat mich fast jeden Tag verprügelt. Manchmal nahm er dazu einen Hammer. Einmal hat er so fest zugeschlagen, dass er sich selbst die Hand gebrochen hat“, erinnert sich Biesewski. „Ich musste lernen, Schmerzen auszublenden.“

Mit 15 hat Biesewski seinen ersten Vollrausch, bald lässt er sich regelmäßig volllaufen. Trotzdem macht er eine Lehre, schuftet über zehn Jahre lang im Bergbau in Thüringen. Glücklich ist er nicht. Aber er funktioniert.

Mit Anfang 30 scheint sich sein Leben endlich zum Guten zu wenden. Udo verliebt sich in eine nette Frau. Claudia trinkt zwar auch, aber die beiden schmieden Pläne für ein gemeinsames Leben. Sie verloben sich, Claudia wird schwanger. Zwei Wochen vor dem Hochzeitstermin gerät das junge Paar, enthemmt vom Alkohol, in einen hitzigen Streit. Claudia setzt sich betrunken in ihren Wagen, rast auf der Autobahn mit ihrem ungeborenen Kind in den Tod. „Ich habe mir damals die Schuld an dem Unfall gegeben“, erzählt Biesewski. Vier Jahre später versucht er, sich das Leben zu nehmen, schluckt Tabletten. Der Notarzt findet ihn gerade noch rechtzeitig.

Udo versucht sich aufzurappeln, hört mit dem Trinken auf. Er zieht aus dem Rhein-Main-Gebiet nach München, um noch mal ganz von vorne anzufangen. Hier findet der gebürtige Thüringer wieder einen Job, besucht sogar nebenbei eine Wirtschaftsschule. „Ich habe gearbeitet wie ein Besessener“, sagt Biesewski. Aber vom Alkohol kommt er einfach nicht los. Im Mai 2002 geht er in eine Gaststätte. Die teuflische Sucht braucht nur ein einziges Bier als Türöffner, um die Kontrolle über Udos Leben zurückzugewinnen. „Als ich mich vier Monate später selbst in die Klinik eingewiesen habe, war ich halbtot.“

Schenkten Udo ein neues Gebiss: die Zahnärzte und erfahrenen Implantologen Prof. Hannes Wachtel (l.) und Dr. Wolfgang Bolz

Heute empfindet Biesewski sogar Glück und Zufriedenheit. In unzähligen Therapiestunden hat er gelernt über seine Gefühle zu reden, mit belastenden Erfahrungen umzugehen. Und vor allem hat er verinnerlicht, dass Alkohol Probleme nicht lindert, sondern nur noch größer macht.

Als Verkäufer der Obdachlosenzeitung B.I.S.S. verdient er sein eigenes Geld, seine kleine Wohnung in Solln bezahlt er von Hartz IV. Inzwischen hat er sogar wieder schöne Zähne, die Implantologen Dr. Wolfgang Bolz und Prof. Hannes Wachtel schenkten ihm ein neues Gebiss. So kann er lächelnd und eindrucksvoll Münchner Schülern seine aufrüttelnde Geschichte erzählen: „Ich bin stolz darauf, wie sich mein Leben entwickelt hat.“

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