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Geflüchtete aus der Ukraine: Wie dramatisch ist die Lage in München? Chef-Krisenmanager bezieht Stellung

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Von: Helena Grillenberger

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Etwa 12.000 ukrainische Flüchtlinge wurden der Stadt München vom Freistaat angekündigt. Der Leiter des Ukraine-Krisenstabs muss zahlreiche Herausforderungen meistern.

München - Immer mehr Geflüchtete aus der Ukraine kommen nach Bayern. Vor allem München ist eine erste Anlaufstelle. Mehrere hundert Mitarbeiter der Stadtverwaltung sorgen momentan dafür, dass die Flüchtlinge untergebracht werden. Zählt man auch die Freiwilligen dazu, sind es zwischen 2000 und 3000 Menschen, die bei der Versorgung der Flüchtlinge helfen, erklärt Wolfgang Schäuble gegenüber der Abendzeitung.

Der 59-Jährige ist seit zwei Jahren operativer Chef des städtischen Krisenstabs „Corona“. Vor zwei Wochen kam eine weitere Aufgabe hinzu: Der Berufsfeuerwehrmann ist nun auch Leiter des Krisenstabs „Ukraine“ und damit zuständig für die Flüchtlinge, die in München ankommen, für die Hilfsmöglichkeiten sowie den Zivilschutz. Die Tragweite, die die neue Aufgabe mit sich bringt, sei ihm bewusst gewesen, sagt Schäuble weiter. Er sei bereits „bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme 2015 intensiv eingebunden“ gewesen.

Ukraine-Flüchtlinge: München gut vorbereitet

Mit dem ersten Sonderzug, der in München ankam, kamen weniger Flüchtlinge als gedacht. Die Stadt hatte mit rund 1500 gerechnet, 400 waren es nach Polizeiangaben letztendlich. Dennoch: Das ist 15 bis 20 Mal mehr, als normal in einem Zug nach München sitzen. Doch die bayrische Landeshauptstadt war gut vorbereitet: Die Helfer erwarteten die Flüchtlinge bereits am Bahnhof – darunter auch viele vom Stadtjugendamt. „Wir rechnen mit vielen unbegleiteten Kindern“, sagte Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD) gegenüber der AZ.

Mittlerweile betreiben der Arbeiter-Samariter-Bund, der BRK-KV München, BRK-KV Freising, die Johanniter-Unfall-Hilfe, der Malteser Hilfsdienst und die Freiwillige Feuerwehr München in der Riesstraße, Bergsonstraße, Schleißheimer Straße, Ruppertstraße, Astrid-Lindgren-Straße und Marsplatz Notunterkünfte, wie das BRK in einer Pressemitteilung erklärt. Vier weitere seien in Vorbereitung.

Ukraine-Flüchtlinge: Vor allem Frauen und Kinder

Neben einem Schlafplatz bieten die Notunterkünfte Verpflegung, medizinische Versorgung, psychologische Betreuung, Hygieneartikel, Covid-19 Testungen, Informationen und teilweise auch Spielmöglichkeiten für die Kleinsten, so das BRK.

Sporthalle mit Feldbetten
In der Sporthallen der Berufsschulzentren sollen die Flüchtlinge vorerst untergebracht werden. © IMAGO/Andre Lenthe Fotografie

Denn: Es sind hauptsächlich Frauen mit kleinen Kindern, die häufig noch am späten Abend in der Stadt ankommen – der letzte Zug fährt erst kurz vor ein Uhr nachts am Münchner Hauptbahnhof ein. Dann ginge es vor allem darum, dafür zu sorgen, dass die Menschen versorgt und kurzfristig untergebracht seien, erklärt Schäuble.

Corona: Flüchtlinge werden direkt nach Ankunft getestet

Bei der Aufnahme der Flüchtlinge zeigt sich auch, dass sich die Aufgaben des Corona- und des Ukraine-Krisenstabs überschneiden: Direkt nach ihrer Ankunft werden die Flüchtlinge getestet, innerhalb der ersten Tage bekommen sie auch ein Impfangebot. Die Stadt München erklärt auf ihrer Website, die Flüchtlinge aus der Ukraine könnten sich eine kostenlose Corona-Impfung im Impfzentrum Riem sowie den Impf-Außenstellen (Marienplatz, Theresienwiese, Pasing Arcaden und Gasteig) holen. Wer mit einem nicht in der EU zugelassenen Impfstoff geimpft wurde, kann sich außerdem vier Wochen nach der letzten Impfung mit einem in der EU zugelassenen Impfstoff impfen lassen.

Ob sich aber genug Impfwillige finden, „das ist gerade mein kleinstes Problem“, sagt Schäuble. Es brauche einen logischen Ablaufprozess, „sonst zerlegt es uns.“ Unter den Flüchtlingen sei „ein erkleckliches Maß an Angesteckten“, so der Chef des Krisenstabs Corona. Die Menschen, die bei ihrer Ankunft positiv auf Corona getestet würden, können laut Schäuble in einer Notunterkunft isoliert werden. Schwer Erkrankte gebe es aber bisher keine.

Ukraine-Flüchtlinge: Vorerst in Sporthallen untergebracht

Momentan greife man für die Unterbringung der Flüchtlinge unter anderem auf die Sporthallen der Berufsschulzentren zurück. Im Laufe dieser Woche wird die Ankunft mindestens 7000 weiterer Flüchtlinge in München erwartet, dann sollen auch die Messehallen zum Einsatz kommen.

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Der Freistaat habe angekündigt, München solle sich insgesamt auf 12.000 Flüchtlinge vorbereiten. „Die Wahrheit sieht natürlich anders aus“, so der Leiter des Krisenstabs: „Wenn Berlin überläuft und man dort Menschen weiterleiten will, sagt man einfach: Steigt in einen Zug nach München. Das steht dann am Bahnsteig angeschrieben. Wir sind hier im Süden also herausgehobener Anlaufpunkt.“

Ukraine-Krieg: Fünf Millionen Menschen auf der Flucht

Neben den 7000 erwarteten Flüchtlingen diese Woche, gebe es auch noch die Sonderzüge am Samstag. Wie genau es weitergehen soll, könne er nicht sagen. „Derzeit haben wir Ankünfte von rund 1500 innerhalb von 24 Stunden“, sagt Schäuble. In Polen warten demnach weitere 1,5 Millionen Menschen, nach ukrainischen Angaben seien fünf Millionen auf der Flucht.

Während das BRK darum bittet, von Sachspenden abzusehen, da es keine Möglichkeit habe, sie zu lagern, ruft die Stadt München momentan explizit zu solchen auf: Aufgrund der Lieferengpässe, zu denen es derzeit kommen kann, könne die Stadt eventuell nicht alle notwendigen Artikel beschaffen.

Ukraine-Krieg: Stadt ruft zu Sachspenden auf - Übersicht

Um folgende Sachspenden bittet die Stadt:

So kann man ausschließlich diese Artikel bis auf Weiteres täglich von 10 bis 17 Uhr in der Kleinen Olympiahalle (Olympiapark München, Spiridon-Louis-Ring 21) abgeben.

Ukraine-Flüchtlinge: Kinder mussten am Bahnhof schlafen

Schäuble blickt dem, was kommt, optimistisch entgegen. Dennoch beklagt der Krisenstabs-Chef: „Wenn man die Flüchtlingskrise 2015 erlebt hat, ist es bedauerlicherweise ein ewig gleicher Prozess, bis Bund und Länder sich selbst als Betroffene fühlen und die Steuerung so übernehmen, dass es Reglungen gibt. Insofern ist das etwas mühsam.“

Dass letzte Woche trotz Anmeldung der Bahn, wie viele Menschen sich im Zug befinden, Kinder am Bahnhof schlafen mussten, habe daran gelegen, dass wohl eine Voranmeldung nicht durchgegangen sei, erklärt Schäuble. Außerdem seien mehr Menschen in München angekommen, als bisher in den Zügen um diese Uhrzeit. „Das hat vorübergehend für etwas ungute Zustände gesorgt“, so Schäuble. Mittlerweile habe man aber ständigen Nacht- und Weiterleitungsbetrieb, um die Menschen zu ihren Notunterkünften weiterzuleiten. Es gebe allerdings auch Menschen, die den Bahnhof gar nicht verlassen wollten.

Um festen Boden in der gegenwärtigen Situation zu erreichen, müssten die Systeme von Stadt und Freistaat ineinandergreifen, so Schäuble. „Die Kanzlerin hat damals gesagt, wir schaffen das. Der Spruch müsste jetzt auch funktionieren.“ (hgr)

Im Bezug auf die Ukraine-Flüchtlinge gibt es nach wie vor Unklarheiten. Vor dem Amt für Wohnen und Migration in der Werinherstraße (Obergiesing) warteten hunderte Ukrainer warten auf einen Termin.

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