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Sirenen, Bomben, Flucht: Ukrainer berichten nach ihrer Ankunft in München vom Krieg

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Von: Cornelia Schramm

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Von der Ukraine bis nach München sind Kateryna (links) und Nastia geflohen
Von der Ukraine bis nach München sind Kateryna (links) und Nastia geflohen – gestern sind sie angekommen. © Privat

Die Menschen in und um München packen gerade an. Viele spenden, manche holen sogar Flüchtlinge an der Grenze ab. Zwei Geflohene berichten vom Ukraine-Krieg.

München - Kateryna Rustamova weiß jetzt endgültig, was Krieg bedeutet. Ihre große Schwester Yara hat die 20-Jährige noch, von ihren Eltern konnten sie sich aber nicht mehr verabschieden. Am Mittwochmorgen (2. März) sind sie in München angekommen, zusammen mit 14 Frauen, die vor dem Ukraine-Krieg geflohen sind.

Eine Woche ist es her, dass Kateryna und Yara (22) die heftig umkämpfte ukrainische Hauptstadt Kiew verlassen haben. „Seit der Krieg angefangen hat, habe ich jeden Tag geweint“, sagt Kateryna. Sirenen rissen sie am 24. Februar aus dem Schlaf, weil Bomben fielen. Sie, Yara und deren Lebensgefährtin Dascha flüchteten wie tausende Kiewer in die U-Bahn. „Am nächsten Morgen haben uns unsere Eltern keine Wahl gelassen“, sagt Kateryna. „Ein Verwandter von Dascha hat angeboten, uns an die polnische Grenze zu fahren und Yara hat mich gedrängt, mitzukommen.“ Weg, einfach nur weg – das war die Bitte ihrer Eltern.

Ukraine-Krieg: Münchner Familie nimmt neun Flüchtlinge auf

Kateryna, Yara, Dascha und sechs weitere Frauen hat Familie Yelina jetzt in München aufgenommen. Lyuba Yelina fuhr am Wochenende von Karlsfeld im Kreis Dachau mit Helfern an die rumänisch-ukrainische Grenze, um Freunde und Verwandte abzuholen. Als sie und ihre Gäste gestern ihr Elternhaus betraten, stapelte sich da schon Kleidersack an Kleidersack – ihr Spendenaufruf hat Wirkung gezeigt.

Kateryna ist das Nesthäckchen einer Großfamilie, die auf dem Land in der Region Chernigov zwischen Kiew und der Grenze von Belarus lebt. Vor der Flucht da noch vorbeizufahren, wäre viel zu gefährlich gewesen. „Wir telefonieren jeden Tag mit unseren Eltern und vier Geschwistern“, sagt Kateryna und fängt dann an zu weinen. Seit Montag ist ihr Dorf besetzt. „Die Mobilfunkverbindung hält noch, alle Straßen und Bahnlinien sind aber zerstört.“ Ihre Familie muss nun mit dem auskommen, was sie hat. Für ein paar Tage reichen Wasser und Lebensmittel. Auf die Straße wage sich niemand, weil offenbar auch auf Zivilisten geschossen wird, erzählen die Schwestern.

Ukraine-Konflikt: Zwei Kriege in acht Jahren – „ich will nur, dass das aufhört“

„In meinen Leben habe ich den Krieg schon zweimal erlebt“, sagt Kateryna. „Meine Familie ist 2014 aus Luhansk geflohen.“ Da war das Nesthäkchen zwölf Jahre alt. Vor wenigen Tagen besuchte sie noch die Kiewer Schauspielschule – bis wieder Krieg ausbrach. „Ich will nur, dass das aufhört“, sagt sie, „und dass man unserem Land hilft.“ Bis dahin unterstützen sich die Frauen in München gegenseitig. Auch auf den Straßen von München solidarisieren sich zehntausende Menschen mit der Ukraine. „Es gibt Höhen und Tiefen“, sagt die Helferin und gebürtige Ukrainerin Lyuba Yelina, die seit 2001 in Deutschland lebt. „Im Auto und als klar war, dass Chernigov besetzt ist, wurde viel geweint.“

Weiter hoffen, etwas anderes bleibt ihnen nicht übrig. „Ich bin geflohen, um das Leben meiner Tochter Sarah zu retten“, sagt Nastia Boiko, die auch bei den Yelinas lebt. „Ich komme aus Odessa und meine Eltern leben auf dem Land, wo es gerade noch ruhig ist.“ Dass das so bleibt hofft sie inständig und bangt bis dahin mit um Katerynas Familie. Ihr Handy behält jede im Blick, hoffentlich hält das Netz im Kriegsgebiet* noch lange. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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