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„Es ist herzzerreißend“: Münchner Arzt bringt mehr als 30 Ukraine-Flüchtlinge in Sicherheit

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Von: Sophia Oberhuber

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Der Münchner Arzt Erwin Lüddecke (6.v.r.) brachte Dutzende Ukrainer in Sicherheit.
Der Münchner Arzt Erwin Lüddecke (6.v.r.) brachte Dutzende Ukrainer in Sicherheit. © privat

Ein Münchner Paar bringt Dutzende Menschen aus dem ukrainischen Kriegsgebiet nach Deutschland. Eine Geschichte von Hilfsbereitschaft, die Hoffnung macht.

München - Eigentlich würde Erwin Lüddecke jetzt in seiner Schwabinger Privatpraxis oder in seiner zweiten Praxis nahe Mühldorf am Inn Patienten betreuen. Stattdessen organisiert er Kleinbusse, macht Corona-Schnelltests und verteilt Medikamente an der rumänisch-ukrainischen Grenze. Die Verlobte des Münchner Arztes, Kateryna Oksenenko, stammt aus der Ostukraine. Mehr als 30 ukrainische Verwandte, Freunde und Bekannte hat das Paar in den vergangenen Tagen an der Grenze empfangen und nach Deutschland in Sicherheit gebracht.

„Wir konnten es zu Hause nicht mehr aushalten. So haben wir das Gefühl, zumindest ein wenig Beistand zu leisten. Auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist“, erzählt der 57-Jährige, als wir ihn telefonisch erreichen. Vor einer Woche schloss der Arzt seine beiden Praxen, packte Verbandsmaterial, Decken und Benzinkanister ein. Zusammen mit seiner Verlobten machte er sich auf den Weg an die ukrainische Grenze, um dort auf Familie und Freunde zu warten. Denn Oksenenkos Verwandte in der Ostukraine befanden sich plötzlich in der von Russland kontrollierten Zone – und damit mitten im Ukraine-Krieg. „Die Raketen fliegen über ihren Köpfen, und sie können froh sein, den Tag zu überleben“, berichtet Lüddecke.

Ukraine-Krieg: „Die Kinder sind einfach nur erschöpft“

Viele entschlossen sich deshalb zu fliehen. Das sei gefährlich, weiß Lüddecke. „Fahren kann man nur tagsüber. Benzin ist Mangelware. Die Straßen sind schlecht.“

Oksenenko blieb mit der Familie und Freunden, die ebenfalls flohen, telefonisch im Kontakt. Eigentlich wollte das Paar die erste Gruppe an der polnischen Grenze treffen. Doch dort warteten die Flüchtenden tagelang auf die Ausreise. Also ging es weiter an die rumänische Grenze. Dort konnten Lüddecke und Oksenenko erste Gruppen in Empfang nehmen. „Es ist herzzerreißend. Die Väter, Männer, Brüder bringen ihre Frauen und Kinder an die Grenze und wissen, dass sie nicht rüberdürfen“, berichtet der Mediziner. Lüddecke und seine Verlobte organisieren Hotels, damit sich die Geflüchteten erst einmal ausruhen können. „Die Kinder sind einfach nur erschöpft.“

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Ukraine-Krieg: Paar aus München berichtet von Welle der Hilfsbereitschaft für Geflüchtete

Von vielen Seiten schlage ihnen eine Welle der Hilfsbereitschaft entgegen, berichtet das Münchner Paar. Ob von Versicherungsunternehmen, die sie für Verwandte kontaktiert haben, oder dem polnischen Fahrer, der eine Gruppe von 20 Geflüchteten vor einigen Tagen Richtung Mühldorf fuhr. Für die Strecke von 2800 Kilometern wollte der Fahrer nur die Benzinkosten bezahlt bekommen.

Lüddeckes Sohn ist inzwischen mit einem Lastwagen, der mit Hilfsgütern beladen ist, auf dem Weg zur ukrainischen Grenze. Auch ein weiterer Bus mit 30 bis 40 Plätzen ist unterwegs, um Ukrainer abzuholen und nach Deutschland zu bringen. Zehn Geflüchtete kommen im Haus des Arztes unter. Einige reisen weiter zu anderen Verwandten in Deutschland. Das Münchner Paar wird noch einige Tage an der Grenze bleiben und versuchen, weitere Familienmitglieder, Freunde und Bekannte in Sicherheit zu bringen. VON SOPHIA OBERHUBER

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