Imre F. und Uli Hoeneß

Spielsucht: Ein schleichender Prozess

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Uli Hoeneß zockte an der Börse und muss ins Gefängnis.

München - Für Uli Hoeneß und Imre F. führte die Spielsucht zur Katastrophe. Die tz sprach mit dem Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht, Konrad Landgraf, über die Themen Spielsucht und Therapie.

LSG-Geschäftsführer Konrad Landgraf.

Auf den Glücksrausch und die flüchtigen Triumphe folgt der Absturz. Immer! Die haarsträubenden Börsenspekulationen von Ex-Bayern-Bosses Uli Hoeneß (62) sind ein trauriges Beispiel dafür. Und auch den Chemiker Imre F. (43) führte die Spielsucht geradewegs in die persönliche Katastrophe. Im Zustand tiefster Depression und Scham tötete der Münchner am Freitag in Großhadern seine Mutter (76), um ihr die demütigenden Folgen seines finanziellen Ruins zu ersparen. In den 24 bayerischen Beratungsstellen der 2008 gegründeten Landesstelle Glücksspielsucht (LSG) suchten allein im Jahr 2011 bereits 2184 Spielsüchtige und ihre Angehörigen Hilfe, Rat und Therapie. Die tz sprach mit LSG-Geschäftsführer Konrad Landgraf:

Ist Spielsucht eine Frage der Intelligenz?

Landgraf: Keineswegs, wie die aktuellen Fälle beweisen. Spielsucht tritt grundsätzlich in allen Gesellschaftsschichten auf, in bildungsfernen Bevölkerungsgruppen allerdings häufiger.

Wieso werden Menschen spielsüchtig?

Landgraf: Wir sprechen von dem Drei-Faktoren-Modell, bei der die persönliche Disposition, die Lebenssituation eines Menschen und das Suchtmittel zusammenspielen. Wenn sich diese Faktoren ungünstig ergänzen, kann sich Sucht entwickeln. Ein schleichender Prozess, der dem gefährdeten Spieler zunächst Spaß, Erfolg, Anerkennung und Entspannung vorgaukelt. Zuletzt kompensiert er damit sämtliche persönlichen Probleme und flüchtet regelrecht ins Spiel. Dann ist er ein pathologischer Glücksspieler.

Kommt man da alleine wieder heraus?

Landgraf: Es gibt Menschen, die es alleine schaffen. Viele benötigen jedoch eine spezielle Therapie.

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Was können Angehörige tun?

Landgraf: Die hängen in der Regel voll mit drin, weil pathologische Glücksspieler häufig das gesamte Familienvermögen verzocken. Pauschale Lösungen gibt es nicht. In unseren Beratungsstellen werden deshalb individuelle Konzepte entwickelt, die von der breiten Unterstützung des spielsüchtigen Familienmitglieds bis zur zeitweisen Trennung oder Scheidung alles beinhalten können. Auf unserer Homepage (www.lsgbayern.de) gibt es jetzt EfA – Entlastung für Angehörige in Form einer Online-Beratung.

Wie können Arbeitgeber helfen?

Landgraf: Der Arbeitgeber sollte eingreifen, sobald die Sucht eines Mitarbeiters seine Arbeitsleistung beeinträchtigt. In größeren Firmen gibt es häufig eine Suchtvereinbarung zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung, die ein abgestuftes Handlungskonzept vorschreibt. Auch hier steht am Anfang das offene Gespräch und der Therapie-Nachweis bis zu Abmahnung und Kündigung. Menschlich verständlich, aber leider völlig falsch ist es, einem Spielsüchtigen Gehaltsvorschüsse zu gewähren. Er wird damit keine Schulden bezahlen. Er wird es verzocken. Er kann nicht anders, weil er eben ein pathologischer Spieler ist.

Zehntausende Betroffene

In Bayern wird die Zahl der pathologischen bzw. problematischen Glücksspieler auf rund 62.000 geschätzt. Ein abhängiger Spieler hat im Schnitt 24.000 Euro Schulden. Knapp 90 Prozent aller behandelten Spielsüchtigen in bayerischen Sucht-Ambulanzen sind Männer. Besonders gefährdet sind junge Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren. Knapp die Hälfte ist ledig, rund 27 Prozent sind verheiratet. 73 Prozent spielen an Automaten. Sie alle haben Leidenszeiten von im Schnitt 3,5 Jahren hinter sich. Jeder pathologische Glücksspieler reißt im Schnitt zehn bis 15 Menschen mit in den Strudel – vor allem Partner, Geschwister, Kinder oder auch die Eltern.

Dorita Plange

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