Nach Urteil

Hörner, Heiligenschein - alles überpinselt

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Durchblick verloren im Steuerdschungel: Bayern-Präsident Uli Hoeneß nach dem Gerichtsurteil.

München - Uli Hoeneß’ Lebenswerk FC Bayern bleibt – doch das Bild des mustergültigen Deutschen ist endgültig Geschichte. Er hat viele gerettet, doch es bleibt die Frage: Wer rettet ihn?

Der Hausherr öffnet die Tür in Pantoffeln des FC Bayern. Kariertes Hemd, schwarze Hose, und die Füße stecken in schlichten Schlappen, rot-weiß mit dem Emblem des Rekordmeisters auf den Zehenspitzen. Man muss unweigerlich schmunzeln bei so einem Mix aus Bodenständigkeit, Gemütlichkeit, Pragmatismus.

Uli-Hoeneß-Prozess: Live-Ticker vom Tag nach dem Urteil

Später, auf der Terrasse seines Anwesens hoch über dem Tegernsee, wird der Hausherr seinem Hund Kuno Kuchen ins Maul stecken, ganz heimlich, weil Gattin Susi sonst wieder schimpfen muss. Auch diese spitzbübische Ader lässt schmunzeln. Mehmet Scholl sagte einmal, sollte er wiedergeboren werden, am liebsten als Hund bei diesem Hausherren oben am Tegernsee. Denn Uli Hoeneß, der Mann in den Bayern-Pantoffeln, sorgt dafür, dass jeder ein Stück Kuchen abkriegt. Sogar, wenn es verboten ist.

Die Menschen in Deutschland haben sich in diesen gut 40 Jahren, in denen Uli Hoeneß im Licht der Öffentlichkeit steht, ein facettenreiches Bild zusammenpinseln können. Er hat genug Stoff geliefert, dass ihn der eine oder andere mit Hörnern, Spitzbart und Pferdefuß versieht, doch er hat auch genug Gutes getan, dass andere seinen pausbäckigen Charakterkopf von einem hellen Heiligenschein einkreisen würden. Hoeneß war die Abteilung Attacke des FC Bayern, aber auch der gute Mensch von München.

Denkmal, Idol, Legende. Alles überholt. Alles überpinselt.

Am Donnerstag, kurz nach 14 Uhr, endete im Sitzungssaal 134 im Münchner Justizpalast alles, was diesen Uli Hoeneß bisher ausgemacht hat. Oder zumindest nahezu alles. Sein Lebenswerk FC Bayern wird bleiben, das nimmt ihm keiner mehr.

"Vater Teresa vom Tegernsee"

Aber was bleibt ihm ansonsten, nachdem er zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt wurde, nachdem ihm, den sie im Klub zurecht „Vater Teresa vom Tegernsee“ genannt haben, das Gefängnis droht?

Uli Hoeneß hat sich alles erarbeitet in seinem Leben, er stieg vom Metzgersohn aus Ulm in München auf, zunächst zum kickenden Weltstar, zum Siegfried der gegnerischen Strafräume, später zum Top-Manager, zum Macher einer Weltmarke.

Er hat sich persönlicher Schicksale angenommen, hat Gerd Müller und Lars Lunde gerettet, hat seine „Dominik-Brunner-Stiftung“ gegründet, hat seine Freiheiten, die er als wohlhabender und vom Schicksal umschmeichelter Mensch genießen durfte, sinnvoll für die Allgemeinheit genutzt. Noch im letzten Jahr widmete ihm der „Spiegel“ ein mehrseitiges Porträt, mit dem Tenor: „Der mustergültige Deutsche“.

Aber irgendwann verlor Uli Hoeneß die Übersicht, offensichtlich, entwickelte eine geheime Leidenschaft: Zockerei an der Börse. 28,5 Millionen Euro schleuste er dabei am deutschen Fiskus vorbei. Seitdem bekannt ist, dass er sich deswegen vor Gericht verantworten müsse, zieren plötzlich andere Aufnahmen seines Gesichts die Titelblätter: Hoeneß mit schlecht ausgeleuchteten Konturen.

Es wurde ein zwielichtigeres Bild gezeichnet. Gestern früh, am Tag der Urteilsverkündung, erschien die „Bild“ mit einer Schlagzeile, in der sich das Blatt „im Namen aller ehrlichen Steuerzahler“ als Stimme des Volkes inszenierte, sie lautete ganz unverblümt:

"Sie haben sich selbst ans Messer geliefert"

„Verknackt Hoeneß!“ So kam es nun. 3 Jahre, 6 Monate.

Was ändert sich für Uli Hoeneß, wenn seine Revision nicht greift? Seine Demission als Klubchef wird als eine reine Formsache gesehen. Wer zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, sollte keinen Verein leiten, das muss sogar treuesten Sympathisanten einleuchten. Der Mensch Uli Hoeneß und all seine Verdienste werden immer eine Rolle spielen, man wird ihn noch viele Jahre rühmen – aber dass der Rechtsstaat all das mit 28,5 Millionen hinterzogenen Euro in Hoeneß’ Sinne verrechnet, wäre nicht vertretbar. „Herr Hoeneß, Sie haben sich selbst ans Messer geliefert“, sagte Richter Rupert Heindlnach dem Urteilsspruch, auch das ist eine rätselhafte Randnotiz eines mysteriösen Prozesses – dass der Rettungsversuch im Desaster endete.

Uli Hoeneß, 62, hat schon vieles überstanden. Er überlebte als Einziger von vier Passagieren einen Flugzeugabsturz, und Ende der 70er auch einen Unfall im Jaguar seines Spezls Sepp Maier. Die beiden waren auf dem Weg nach Bamberg, es pressierte, ein Reifen platzte. Der Wagen jagte ungebremst in ein Wäldchen Jungbirken. Sie hatten richtig Glück, die zwei.

Als sie abgeholt wurden, kauerte Hoeneß kreidebleich auf dem Rücksitz. Ein paar Jahre später verunglückte Maier erneut mit einem Auto. Hoeneß rettete ihm das Leben, indem er einen Klinikwechsel anordnete. „Ein paar Stunden später wär’ ich sonst tot gewesen“, sagt Maier bis heute.

Uli Hoeneß, der immer geschaut hat, dass jeder etwas vom großen Kuchen des Lebens abbekommt, hat viele gerettet. Plötzlich lautet die große Frage: Wer rettet ihn?

Andreas Werner

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