1. tz
  2. München
  3. Stadt

Aus für nächstes Traditionsgeschäft: „Man arbeitet nicht so hart, um am Ende alles zu verlieren“

Erstellt:

Von: Julian Limmer

Kommentare

Scharfe Messer sind ihr Leben: Doch ihr Geschäft in der Innenstadt muss Antonia Tanzer jetzt zusperren.
Scharfe Messer sind ihr Leben: Doch ihr Geschäft in der Innenstadt muss Antonia Tanzer jetzt zusperren. © Schlaf

Wieder verliert München ein echtes Traditionsgeschäft: Nach 117 Jahren schließt der Messer-Laden Hans Nahr im Ruffinihaus. Am Ende waren es viele unglückliche Umstände, die das Ende einläuteten.

München – Kurz vor dem Ende läuft das Geschäft noch einmal glänzend: Draußen vor dem Schaufenster am Ruffinihaus warten Kunden in Scharen auf den „letzten Schnitt“, den Ausverkauf; drinnen im Licht der Vitrinen glänzen sie, die edlen Messerklingen. Chefin Antonia Tanzer (65) streift mit den Fingern über die Messergriffe aus Pistazie, Buche, Wacholder – viele davon hat sie selbst mitgestaltet: „Die meisten sind Unikate, echte Handarbeit“, sagt sie. Dafür seien früher sogar arabische Scheiche, reiche Russen und betuchte Kunden aus anderen Regionen der Welt zu ihr gekommen. Doch das sei vorbei – zuletzt machte sie fast nur noch Verluste. Sie muss ihr Fachgeschäft „Hans Nahr“ (Sendlinger Straße 1) schließen. Wieder ein Traditionsladen, der aus München verschwindet!

Münchner Traditionsgeschäft muss schließen: „Man will am Ende nicht als Sozialfall enden“

Zum Schluss kamen viele unglückliche Umstände zusammen, die zum Aus des 117 Jahre alten Geschäfts führten. Ein provisorischer Umzug, Corona und jetzt der Ukraine-Krieg – zu viel für die Unternehmerin: „Man arbeitet nicht so hart, um am Ende alles zu verlieren. Deshalb muss ich aufhören“, sagt Tanzer. Nach all den Jahren, den vielen Stunden für den Laden wolle sie am Ende nicht als Sozialfall enden.

Zum Schlussverkauf war noch einmal viel los im Messer-Laden Hans Nahr.
Zum Schlussverkauf war noch einmal viel los im Messer-Laden Hans Nahr. © Schlaf

Vor knapp 28 Jahren übernahm Tanzer das traditionsreiche Geschäft Hans Nahr, damals noch bekannt für Haushaltselektronik: Rasierer und Glühbirnen zierten das Schaufenster. Als die Konkurrenz auf diesem Feld wuchs, reagierte die Geschäftsfrau. Sie spezialisierte sich auf ein besonders scharfes Sortiment – hochwertige Messer, die bei ihr schnell mal von 100 bis 5000 Euro kosten können. „Man muss das Ohr immer am Kunden und an der Zeit haben“, sagt sie. Das klappte lange gut: Das Geschäft lief, die Gewinne sprudelten.

(Unser München-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Isar-Metropole. Melden Sie sich hier an.)

Der provisorische Umzug war der Anfang vom Ende

Doch vor einigen Jahren änderte sich das: Anfangs hätten sich die Kunden aus Arabien rar gemacht. Doch richtig schlimm sei es erst geworden, als sie umziehen musste. Die Stadt ließ das Ruffinihaus 2018 sanieren, alle Händler wurden umquartiert. „18 Monate waren wir im Stadtmuseum. Die Umsätze brachen um 60 bis 80 Prozent ein“, sagt sie. Auch wenn das Ausweichquartier nur ein paar Straßen weiter entfernt lag: Die Laufkundschaft blieb aus. „Wir wurden einfach nicht mehr so gut gefunden.“

Als sie nach der Renovierung wieder zurück durfte, das Geschäft langsam wieder anlief, kam Corona. „Hilfen gab es keine, weil unser Umsatz wegen des Umzugs zuvor so stark eingebrochen war.“ Bei der Miete sei die Stadt ihr auch nicht entgegengekommen. Und auch die gute Qualität wurde zum Hindernis: „Wer einmal ein Messer von mir kauft, der legt es ein Leben lang nicht mehr aus der Hand.“ Gut für die Kunden, schlecht fürs Geschäft. Der Berg an Ausgaben wuchs, die Rücklagen schrumpften.

„Das fängt man irgendwann nicht mehr auf“, sagt sie. Zum 4. Februar 2023 ist jetzt endgültig Schluss – zumindest im Ruffinihaus. Für ihre Stammkunden will sie weiter da sein: Köche besuchen, Käufer beraten und die Präsenz ihres Online-Shops (messer-exclusive.de) ausbauen. „Ich bleibe“, sagt sie. Nur eben nicht hier.

Auch interessant

Kommentare