Skandal-Theaterstück kommt nach München

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Szene aus dem Theaterstück: Ein alter, inkontinenter Mann muss permanent gewickelt werden – unter Jesu Augen

München - Kunst-Kot vor einem Jesus-Bild: Ein umstrittenes Theaterstück sorgte in Paris für Proteste. Jetzt kommt es nach München. Die tz sprach den Festivalleiter auf die drastischen Bilder an.

Was ist der Grund der Empörung? Man sieht einen alten, inkontinenten Mann, der von seinem Sohn immer wieder von Exkrementen gereinigt werden muss – bis zur Erschöpfung. Und das alles unter dem Antlitz Christi, das den Hintergrund der Bühne ausfüllt und gegen Ende von Jugendlichen mit Handgranaten beworfen wird.
Die Erzdiözese München/Freising will sich nicht äußern, da sie das Stück nicht gesehen hat. Die tz befragte den Chef des SpielArt-Festivals Tilmann Broszat, der das Werk und den Künstler genau kennt.

Herr Broszat, können Sie den Aufruhr in Paris verstehen?

Tilmann Broszat: Nein. Natürlich ist Castelluccis Bildsprache hart, das stört viele. Aber dahinter steckt ja eine Anklage: Wir erfüllen die christlichen Werte nicht mehr.

Oder haben sie noch nie erfüllt?

Broszat: Ja. Das Stück ist nichts anderes als ein weiteres Beispiel der großen Klage, die nach jeder Katastrophe so oft anhebt: Warum hat uns Gott nicht geholfen?

Muss man dazu so drastische Bilder finden?

Broszat: Ich glaube, im Stück werden zwei zen­trale Fragen gestellt. Erstens: Was passiert mit einer überalterten Gesellschaft? Die Szene auf der Bühne ist nichts Anderes, als viele Menschen, die ihre Eltern zu Hause pflegen, täglich erleben: das Bild eines Mannes, der altert, sich dem Tode nähert. Und die zweite Frage: Was passiert mit der Jugend, wohin geht sie? Das Bild der jungen Menschen, die gegen Ende der 50-minütigen Aufführungen Granaten auf Jesu Gesicht werfen, ist eine symbolische Geste: Es ist nichts mehr zu retten.

Könnten Münchner so reagieren wie katholische Hardliner in Paris?

Broszat: Ich glaube nicht. Die Aufführungen fanden schon in vielen Ländern statt, sie ist zwei Jahre alt, und überall wurde sie verstanden – außer in Paris. Aber die Menschen standen ja vor der Tür, sie kennen das Stück gar nicht.

Sie haben jetzt einen guten Werbe-Effekt…

Broszat: Das haben wir nie benutzt. Wir waren erschüttert über die Reaktionen und wollen, dass die Münchner ihren eigenen Zugang finden. Ich bin kein Freund von Skandalisierungen auf der Theaterbühne.

Interview: Matthias Bieber

Karten fürs SpielArt-Festival

Seit 1995 findet das Festival SpielArt alle zwei Jahre statt. Gründer und Chef ist Tilmann Broszat, der mit seinem Team in aller Herren Länder fährt, um neue Trends zu sichten. Für Romeo Castelluccis Stück in den Kammerspielen gibt es noch Karten (Samstag, 20 Uhr, Tel. 54 81 81 81).

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