Rund fünf Prozent der Autos erfüllen Normen nicht

Umweltzone: 150 000 Fragen an die Stadt

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Die Behörden erwarten einen immensen Beratungsbedarf.

Über Sinn und Unsinn der Umweltzone wurde schon viel diskutiert. Doch das Rathaus macht ernst.

Ab 1. Oktober 2008 ist die Stadt innerhalb des Mittleren Rings für alte Autos tabu. Das soll die Feinstaubbelastung senken. Allerdings gibt es jede Menge Ausnahmen, was für Verwirrung sorgt. Das Rathaus wappnet sich schon mal für 150 000 Anrufe.

Am Dienstag beschäftigt sich der Kreisverwaltungsausschuss mit den Details. Unter anderem sollen 14 neue Personalstellen im Kreisverwaltungsreferat und 10 neue Stellen im Baureferat genehmigt werden, die sich um die Umsetzung der Umweltzone kümmern sollen. Diese Stellen braucht die Stadt, um die zu erwartenden Ausnahmegenehmigungen zu bearbeiten und den offenbar enormen Informationsbedarf der Bürger zu decken. Das Kreisverwaltungsreferat geht von einem riesigen Beratungsbedarf aus. Das Amt schätzt die Zahl der Anrufe auf 100 000 bis 150 000!

Wer bekommt eine Ausnahmegenehmigung?

Von rund 734 700 Fahrzeugen in der Stadt erfüllen exakt 35 293 die Abgasnormen nicht. Das sind rund fünf Prozent. Die Stadt rechnet mit rund 16 000 Ausnahmegenehmigungen. Die bekommen etwa Bewohner der Umweltzone, wenn sie sich aus finanziellen Gründen kein neues Auto kaufen können. Es gibt aber auch Ausnahmen für Fahrzeuge von außerhalb, wenn sie den Lebensmittelhandel oder Apotheken und Krankenhäuser beliefern. Auch Handwerker und soziale Dienste bekommen Einfahrtsgenehmigungen. Für Oldtimer, die älter als 30 Jahre sind, gibt‘s ebenfalls Ausnahmen.

Was kostet die Umweltzone den Autofahrer?

Anwohner sollen für eine Ausnahmegenehmigung 50 Euro bezahlen, Gewerbetreibende in der Umweltzone 120. Diese Genehmigungen sind auf ein Jahr befristet. Gewerbetreibende von außerhalb sollen zwischen zehn Euro für eine Woche und 200 Euro für ein Jahr bezahlen. Münchens Autofahrer müssen übrigens für die Plaketten zusammen nochmals rund fünf Millionen Euro auf den Tisch legen. Die Plaketten kosten 5 bis 20 Euro. Man bekommt sie etwa beim TÜV, in der Kfz-Werkstatt oder unter www.umwelt-plakette.de

Was kostet die Umweltzone die Stadt?

Der Stadt kostet die Einführung der Umweltzone eine dreiviertel Million Euro, davon entfallen zehn Prozent auf Sachkosten wie etwa für 337 neue Schilder, die an allen Einfallstraßen entlang des Mittleren Rings aufgestellt werden müssen.

Was bringt die Umweltzone?

Die Stadt rechnet mit bis zu 17 Prozent weniger Abgasen innerhalb des Mittleren Rings. Die Straßen, in denen die Feinstaubbelastung am höchsten ist, werden allerdings kaum davon profitieren: Denn etwa die Landshuter Allee wie auch der übrige Mittlere Ring liegen schon außerhalb der Umweltzone. Eine Untersuchung des Landesamtes für Umweltschutz ergab, dass die hohen Feinstaubwerte vor allem auf unschädliches Streusalz und Rollsplit zurückzuführen sind. Die FDP-Stadträtin Nadja Hirsch hat darum ihre Zweifel an der Umweltzone: „Aufwand und Ergebnis stehen in keinem Verhältnis.“ Auch ADAC-Sprecher Axel Arnold hält nicht viel von der Regelung: „Besitzer älterer Fahrzeuge, die nicht mehr umgerüstet werden können, werden quasi enteignet.“ Vor allem Rentner müssten ihre meist wenig gefahrenen Autos verkaufen. Auch Conrad Meyer, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes in München, ist mehr als skeptisch. „Die meisten Münchner Hotels liegen innerhalb der Umweltzone. Die Gäste aus dem Ausland haben aber kaum eine Möglichkeit, sich die Umweltplakette zu besorgen.“ Wer ohne dieses „Pickerl“ erwischt wird, zahlt künftig 40 Euro Bußgeld und bekommt obendrein einen Punkt in Flensburg.

In diese Städte geht’s nur mit einer Plakette

Die Schwaben sind bekanntlich ein sauberes Völkchen. Darum hat man im „Ländle“ nicht nur die Kehrwoche erfunden, sondern ist auch beim Thema Umweltzonen ganz vorne dabei. Und zwar mit weitem Abstand: Während die Bayern noch diskutieren, haben Stuttgart, Mannheim, Reutlingen, Ilsfeld, Leonberg, Ludwigsburg, Schwäbisch-Gmünd und Tübingen die stinkerfreien Zonen bereits realisiert. Pforzheim, Pleidlesheim, Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe und Mühlacker wollen umweltbelastende Autos ebenfalls aussperren – geplant ist den meisten Fällen eine Pickerlpflicht ab 2010.

Im Freistaat planen München, Augsburg und Neu-Ulm Umweltzonen. Im restlichen Deutschland schaut es noch ziemlich mau aus mit den Pickerl-Zonen: In gerade einmal vier anderen Städten darf man nur noch mit einem grünen Aufkleber in die Innenstadt oder einzelne Viertel einfahren: Berlin, Hannover, Köln und Dortmund haben die Anti-Feinstaub-Regelung bisher eingeführt. Andere schadstoff-belastete Großstädte wie Hamburg, Bremen, Dresden oder Essen haben dazu noch keine Anstalten gemacht.

Johannes Welte

Quelle: tz

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