Schweres Zugunglück in Tschechien: Rund 30 Verletzte, mehrere Tote - Zug startete in Deutschland

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Nach geglückter Not-OP darf 27-Jährige auf komplette Heilung hoffen

Arm bei Unfall abgerissen: So tapfer kämpft Stefanie

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Stefanie Kuhr aus Hopfen im Allgäu sitzt nach der Not-OP auf der Liege eines Untersuchungszimmers.

München - Bei einem Autounfall wurde Stefanie Kuhr der Arm abgerissen. Nach geglückter Not-OP in der Uniklinik München darf die 27-Jährige auf eine komplette Heilung hoffen.

Stefanie Kuhr (27) erinnert sich an jedes Detail, an jenem Morgen des 19. Junis: Sie sieht noch, wie der Regen strömt, das Wasser auf der Autobahn große Pfützen bildet. Der BMW, auf dessen Beifahrersitz sie sitzt, fährt schnell, zu schnell. Mehrmals überschlägt sich das Auto, bis es im Gebüsch liegen bleibt. Zuletzt hatte sie mit der Hand am Fenster herumgespielt. Sie glaubt, ihren erhobenen Arm noch zu sehen. Sie will ihn zu sich ziehen. Doch der Schmerz ist unerträglich. Der Ärmel ihres Pullovers ist leer.

Sehr zufrieden mit der Heilung: Stefanie Kuhr und ihre Ärzte Dr. Peter Biberthaler imd Dr. Stephan Deiler.

Heute sitzt die junge Frau aus Hopfen im Allgäu auf der Liege eines Untersuchungszimmers. Lächelnd streicht Stefanie mit den Fingern über ihren rechten Unterarm. Ganz behutsam, als würde sie etwas liebkosen, das sehr zerbrechlich ist. „Wie geht’s?“, fragt Dr. Peter Biberthaler, Oberarzt der Chirurgischen Klinik und Poliklinik Innenstadt in München. Stefanie blickt konzentriert. Die Finger ihres rechten Arms bewegen sich sachte. „Großartig“, sagt Biberthaler mit einem Lächeln, das Freude und Stolz verrät. Die Computer-Tomografie wird heute zeigen, ob das Metallgestell, das bisher noch Stefanies Arm von außen stützt, entfernt werden kann. Es ist ein weiterer wichtiger Schritt auf ihrem langen Weg.

Als die Chirurgen der Uniklinik Stefanie zum ersten Mal sahen, lag der schreckliche Unfall auf der A 95 kaum eine Stunde zurück. Eine Kinderärztin und ein Bundeswehrsoldat hatten an der Autobahn sofort angehalten. Auch die Fahrerin, Stefanies Chefin, war nicht schwer verletzt und konnte Hilfe holen. Die Ärztin schnürte der jungen Frau den rechten Oberarm ab, versuchte sie abzulenken. „Schau auf deine Beine“, sagte sie. Doch die schwer Verletzte fleht: „Bitte, sucht meinen Arm! Er gehört zu mir!“

In der Uniklinik kommt die junge Frau sofort in den Schockraum. Das Wiederannähen eines abgerissenen Körperteils ist auch für die moderne Medizin eine Herausforderung. Sensationelle Eingriffe wie die Transplantation von zwei Armen, die Medizinern des Klinikum rechts der Isar dieses Jahr gelang, sind dagegen technisch weitaus einfacher. Die Ärzte können jeden Schritt exakt planen.

Bei einer Replantation ist die Situation dagegen jedes Mal eine völlig andere. Elf Stunden liegt Stefanie auf dem OP-Tisch. Die Uhr tickt. Wird ein Körperteil länger als ein paar Stunden nicht mit Blut versorgt, kann Gewebe absterben. Stefanie würde ihren Arm nie wieder bewegen können oder ihn sogar ganz verlieren. Der Eingriff ist kompliziert. Stefanies Arm ist knapp über dem Ellbogen abgetrennt, der Knochen gesplittert.

Der Eingriff verläuft gut. Als Stefanie einen Tag später auf der Intensivstation erwacht, blickt sie erneut auf ihre rechte Seite. Ihr Arm ist wieder da. Auch ihre Eltern sind im Zimmer und ihr Lebensgefährte. Sie sieht ihn in blauer OP-Kleidung am Fuß ihres Bettes stehen. „Ich dachte, er ist mein blauer Engel“, sagt sie. Auf die tapfere Frau warten jetzt drei neue Operationen. Die Ärzte setzen ein Knochenstück aus Stefanies Hüfte in ihren Oberarm. Vom Oberschenkel transplantieren sie zweimal ein Stück Haut. Eine Elektrotherapie reizt die Muskeln, als Stefanie den Arm noch nicht bewegen kann. Massagen verhindern, dass das Gewebe an den Nahtstellen verklebt. Dann folgt Physiotherapie, mehrere Stunden täglich.

Jeden Tag muss die junge Frau selbst ihre Wunden desinfizieren. Denn noch dringen Metallstäbe in ihren Arm. Sie verbinden das Stützgestell mit dem Knochen. So kann dieser in Ruhe heilen, und Stefanie kann ihren Arm bewegen.

Ist das Gestell entfernt, geht die Arbeit weiter. Mehrere Stunden wird Stefanie jeden Tag mit ihrem Arm arbeiten, um jede neue Bewegung ringen. „Ich habe ihm sogar einen Namen gegeben“, erzählt sie. „Er heißt jetzt Annabelle. Ich finde das klingt schön und würdig“, sagt Stefanie und lacht. So können sich Freunde nach „Annabelle“ erkundigen – und nicht nur nach dem angenähten Arm.

Dass sie diesen eines Tages wieder gut bewegen kann, davon ist die lebensfrohe junge Frau überzeugt. Doch sie weiß, dass der Weg noch Jahre dauern kann. Ihre nächsten Ziele sind allerdings klar: „Ich will wieder Auto fahren“, sagt sie dem Münchner Merkur. Außerdem freut sich Stefanie auf Silvester. Dann will sie mit den Menschen anstoßen, die sie auf ihrem Weg begleitet haben. Mit einem Glas Sekt in der rechten Hand.

Sonja Gibis

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