So (un)gerecht ist unser Lohn: tz-Report

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Straßenreiniger ist ein Knochenjob

München - Über Geld spricht man nicht. Doch für die tz brechen die Münchner mit dem großen Tabu-Thema. Sie verraten, was sie in ihrem Job verdienen und sagen, ob sie das gerecht finden oder nicht.

Die Streiks im Öffentlichen Dienst sind beendet, mit einem Abschluss von 6,3 Prozent erhöht sich das Gehalt der Angestellten in den nächsten zwei Jahren. Doch wie (un-)gerecht ist eigentlich Münchens Lohn? Kann man davon leben? Wer muss auf sein Geld achten? Und wie viel würden die Menschen gerne verdienen? Die tz hat sich umgehört – und mit sieben Menschen über das (Tabu-)Thema Geld gesprochen.

Christoph Lang, Antonia Wille

Straßenreiniger: Es ist ein Knochenjob

Nettoeinkommen: 1650 Euro im Monat. Ende des Jahres gibt’s ein 13. Monatsgehalt als Bonus. Für Wochenend- und Feiertagsdienst wird eine Zulage bezahlt.
Selbsteinschätzung: „Ich finde nicht, dass mein Gehalt gerecht ist, denn nach Miete und anderen Abgaben wie Versicherungen bleibt kaum noch etwas zum Leben übrig. Straßenreinigung ist ja auch ein richtiger Knochenjob. Ich bin bei jedem Wind und Wetter draußen.“

Wunschgehalt: „2000 Euro netto im Monat wäre angemessen. Dann könnte ich den Kindern mal ein schönes Geburtstagsgeschenk kaufen.“

Im Vergleich: „Ich finde – im Vergleich zu den großen Bossen – verdienen wir Straßenreiniger zu wenig. Unser Job ist hart. Im Vergleich dazu haben es die großen Bosse richtig angenehm.“

Celal Yelten (31) aus München

Getränkeauslieferer: Schweißarbeit

Bruttolohn: 2100 Euro pro Monat. Bis zu 500 Euro Prämie, bei körperlich anstrengenden Lieferaufträgen.

Selbsteinschätzung: „Gerecht ist was anderes: Ich bin es zwar gewohnt, körperlich schwer zu arbeiten. Viele Neue hören schnell wieder auf, weil sie woanders mehr Geld für weniger Schweiß bekommen.“

Wunschgehalt: „Ich fände 3500 Euro brutto gut. Ich muss auch dran denken, Rücklagen zu schaffen. Irgendwann kann ich nicht mehr so schwer tragen.“

Im Vergleich: „Wir Arbeiter sind in der Realität der Großverdiener nur Zahlen auf dem Geschäftsbericht. Dabei würde ohne uns die Firma kein Geld verdienen.“

Nihat Albojaci (56), München

Bäckermeister: Liebe meinen Job

Nettoeinkommen: 2000 Euro pro Monat. Im September und Oktober gibt’s dank der Wiesn etwa 2000 Euro zusätzlich.

Selbsteinschätzung: „Natürlich frage ich mich ständig, ob es das sein kann: Ich arbeite 80 Stunden pro Woche und verdiene gerade mal so viel wie ein Angestellter. Aber was soll ich machen? Ich liebe meinen Beruf.“

Wunschgehalt: „4000 Euro würde ich für den Aufwand gerne verdienen.“

Im Vergleich: „Wenn ich das Gehalt der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner sehe, denke ich oft, dass ich etwas falsch gemacht habe. Eines weiß ich aber: Tauschen möchte ich nicht.“

Artur Hermann (48) aus München

Fluglotse: Hohe Verantwortung

Bruttolohn: 8100 Euro. Ein Aufschlag für zusätzliche Belastung durch den starken Flugverkehr am Standort München ist enthalten, dazu kommt ein jährlicher Bonus.
Selbsteinschätzung: „Ich halte mein Gehalt – so wie es momentan ist – für gerecht. Als Fluglotse ist man täglich einem großen Stress und einer großen Verantwortung ausgesetzt.“

Wunschgehalt: „Grundsätzlich würde ich nichts an meinem Gehalt ändern. Nimmt der Flugverkehr noch mehr zu, sollte man über eine Arbeitszeitverkürzung nachdenken.“

Im Vergleich: Ich finde das Jahresgehalt von unserem Flughafen-Chef Michael Kerkloh gerechtfertigt (370 000 Euro). Er macht einen tollen Job – und hat wahnsinnig viel Verantwortung.

Eric Läntzsch (28), München

Polizeikommissar: Mit Gehalt gut leben

Nettoeinkommen: rund 2400 Euro inklusive Kindergeld. Urlaubsgeld gibt es nicht, dafür aber Weihnachtsgeld (ungefähr 60 Prozent des Nettolohns). Zudem gibt es Zulagen für Schichtdienst oder für Feiertagseinsätze.
Selbsteinschätzung: „Ich bin seit 20 Jahren bei der Polizei und habe mich vom Mittleren bis zum Gehobenen Dienst hochgearbeitet. Mein Job macht mir wahnsinnig Spaß, trotzdem ist es ein bisschen ungerecht, dass ich nun genauso viel verdiene, wie ein Polizeihauptmeister. Schließlich habe ich jetzt mehr Verantwortung. Man kann mit unserem Gehalt sicherlich gut leben, aber große Sprünge kann man als Familie gerade in München auch nicht machen.“

Thomas Fohr (39), München

Krankenschwester: Bald Pflegekrise

Nettoeinkommen: 1250-1300 Euro mit allen Zulagen bleiben von den 2200 brutto.
Selbsteinschätzung: „Ich liebe meinen Job, finde mein Gehalt aber nicht gerecht, gesehen an der Ausbildung und an der Arbeit. Hinzu kommt, dass die Menschen immer mehr Ansprüche stellen. Eine bessere Entlohnung ist dringend notwendig.“

Wunschgehalt: „1000 Euro mehr im Monat wären okay. Schließlich mache ich viele Fortbildungen. Wir steuern geradewegs in eine Pflegekrise –und das nicht zuletzt, weil das Gehalt so niedrig ist.“

Im Vergleich: „Im Vergleich mit Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) verdiene ich zu wenig. Aber auch er sollte mehr verdienen.“

Johanna S. (57) aus Trostberg

Kindergartenleiterin: Beruf aufwerten!

Bruttogehalt: 3665 Euro inklusive einer Zulage für den Standort München von 100 Euro. Dazu kommt im November eine Jahreszuwendung von 80 Prozent des Bruttogehalts.

Selbsteinschätzung: „Mein Gehalt muss man kritisch betrachten. Ich verdiene mehr als eine durchschnittliche Erzieherin, im Vergleich aber immer noch relativ wenig. Ein Abteilungsleiter in der Wirtschaft hat am Monatsende deutlich mehr übrig. Wichtig wäre es, dass der Beruf der Erzieherin aufgewertet wird. Uns geht sonst der Nachwuchs aus.“

Wunschgehalt: „Ein Wunschgehalt habe ich nicht, aber etwas mehr halte ich schon für gerechtfertigt.“

Petra Nalenz (54), München

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