Das Drama von Venedig

Unglücksgondoliere will Witwe in den Arm nehmen

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Venedig - Unglücksgondoliere Stefano P.(26) ist seit dem schrecklichen Gondel-Unfall von Venedig, bei dem der Münchner Joachim V. ums Leben kam, untröstlich. Sein Anwalt schildert in der tz, wie es seinem Mandanten geht.

Immer wieder tauchen diese schrecklichen Bilder auf – der sterbende Professor Joachim V. , die verzweifelte Ehefrau, das schreiende Mädchen, die schockierten Buben. Die trauernde Familie ist wieder daheim, zurück bleibt der Unglücksgondoliere Stefano P.(26). Er ist untröstlich, er kann nicht mehr.

Anwalt Gabriele Annì

„Seit Samstag isst und schläft er nicht. Er tut nichts anderes als weinen“, sagt sein Anwalt Gabriele Annì der tz. Der Gondoliere sei bei seinem Vater, stehe komplett unter Schock und befinde sich in psychiatrischer Behandlung. Vor allem ein Bild bekomme er nicht mehr aus dem Kopf: wie das dreijährige Mädchen um ihren Papa schreit. P. hat eine Tochter im gleichen Alter.

Der Unglücksfahrer möchte der Familie Vogel jetzt nah sein, P. frage ständig nach ihr. „Er kann sich nicht vorstellen, wie es der Witwe jetzt geht. Aber wenn sie will, möchte er sie gerne treffen“, sagt der Anwalt. „Er will nichts anderes, als sie in den Arm zu nehmen.“ Der Gondoliere möchte so seinen Schmerz zum Ausdruck bringen.

Wenn die Gondeln Trauer tragen

Niemand mache seinem Mandanten Vorwürfe. Er habe sehr umsichtig an dem Steg warten wollen, bis sich das Vaporetto-Chaos aus fünf Linien-Wasserbussen auflöst, sagt Anwalt Annì. Bis zum Unglück habe P. versucht, den Zusammenstoß zu verhindern. Erst durch den Aufschlag sei er aus der Gondel auf den Steg geschleudert worden, mit dem zerbrochenen Ruder in der Hand. Der Anwalt glaubt, dass dadurch Schlimmeres verhindert wurde: Weil der Gondoliere nicht in der Mitte sondern am rechten Bootsrand rudert, hätte die Gondel Schlagseite bekommen und sich umdrehen können.

Der Ermittlungen konzentrieren sich auf den Fahrer des Wasserbusses – doch der schweigt eisern. Möglicherweise geraten aber auch die Piloten der vier anderen beteiligten Vaporetto ins Visier des Staatsanwalts Roberto Terzo. Die Ermittler werten derzeit die Bilder eines Video-Systems rund um die Rialto-Brücke aus. Vielleicht hat ein anderer Wasserbus das Unfall-Vaporetto zu dem tödlichen Manöver gezwungen.

Auch eine andere furchtbare Frage wollen die Ermittler beantworten, schreibt der Corriere della Sera: Eine Obduktion der Leiche soll klären, ob Professor V. wirklich durch die Wucht des Aufpralls starb - oder ob sich der Zustand des Verletzten erst durch die Herzdruckmassage eines Helfers verschlechterte, der noch vor den Sanitätern vor Ort eingriff. Erst danach kann die Leiche zur Beerdigung nach München überführt werden.

Auch aus Sicht seines Berufsstands sei P. nichts vorzuwerfen, sagt Anwalt Annì, der jahrelang die Disziplinarkommission des Gondolieri-Verbands leitete. Die nur 425 und weltweit einzigartigen Fahrer halten ihre Ehre seit Jahrhunderten hoch. Das mache P. so zu schaffen: „Einer seiner Passagiere ist tot.“ Der Anwalt weiß nicht, ob der Gondoliere jemals wird wieder aufs Wasser gehen können.

David Costanzo

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