Raus aus der Gruft, rein in die Charts

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"Der Graf" von "Unheilig".

München - "Der Graf" von "Unheilig" spricht im tz-Interview über den Erfolg seiner Band.

Ende 2009 ist Unheilig noch ein Fall für Spezialisten der schwarzen Gothic-Szene. Ein Jahr und ein Album später gewinnt die Band aus Aachen den Bambi und den Bundesvision Song Contest, und Herbert Grönemeyer ist seine Uraltbestleistung los: 17 Wochen steht das Unheilig-Album "Große Freiheit" 2010 auf Platz eins der Charts, länger als 1988 Grönemeyers Ö.

Mit entschärftem Rammstein-Sound, der auch ZDF-Zuschauer nicht schockiert, hat "Unheilig" einen neuen deutschen Plattenrekord aufgestellt. Und 2011 soll die Erfolgsgeschichte weitergehen – unter anderem beim Sommernachtstraum am 23. Juli im Olympiastadion. Wir sprachen mit dem Mann, der hinter "Unheilig" steht und sich nur „Der Graf“ nennt – und der im Interview alles andere als gruftig und morbid wirkte, sondern sich als bemerkenswert sympathischer und bescheidener Gesprächspartner entpuppte.

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Die wichtigste Frage zu Beginn: Wie spricht man Sie an? „Herr Graf“ klingt irgendwie merkwürdig.

Der Graf: Ach, am besten einfach mit „Graf“ und per Du, da fühle ich mich am wohlsten.

Alles klar. Was geht dir durch den Kopf, wenn du aufs Jahr 2010 zurückblickst? "Unheilig" gibt es seit zehn Jahren, bis 2009 ohne größeren Erfolg – und plötzlich ist alles explodiert.

Der Graf: Es ist unfassbar, was in diesem einen Jahr alles passiert ist. Im Februar kam "Geboren um zu leben" als Single raus – für uns war es allein schon Wahnsinn, dass der Song überhaupt im Radio lief. Jahrelang hat man uns gesagt, vergesst es, mit dem Namen "Unheilig" kommt ihr sowieso nie ins Radio. Und dann fährst du Auto und hörst plötzlich dein eigenes Ding – das Gefühl lässt sich kaum beschreiben. Und danach ist die ganze Geschichte von Woche zu Woche und Monat zu Monat immer größer geworden, nicht zuletzt mit der komplett ausverkauften Tour. Und wir hatten Angst, ob wir die Hallen mit 3000 Leuten überhaupt vollkriegen.

Du musstest sieben Alben lang auf den Durchbruch warten.

Der Graf: Im Nachhinein bin ich froh, dass es so lange gedauert hat – umso mehr kann ich schätzen, was jetzt gerade passiert. Denn ich kenne es auch ganz anders. Wenn du als Vorband auf der Bühne stehst, teilweise in richtigen Löchern, ohne Dusche, ohne Heizung in der Garderobe, ist das richtig heftig. Du kommst klatschnass von der Bühne, kannst dich nur schnell abtrocknen, hetzt im Auto zum nächsten Auftritt, wirst krank, dir kommt alles aus Nase und Rachen raus. Das waren harte Lehrjahre. Und du weißt nicht: Kommt der Erfolg in fünf, sechs Jahren – oder kommt er überhaupt nie?

Viele glauben, dass hinter deinem Erfolg ein Masterplan der Plattenfirma steckt, nach dem Motto: Wir nehmen eine Soft-Version von Rammstein, der Graf nimmt sich die schaurigen Gothic-Kontaktlinsen raus, lackiert sich die schwarzen Fingernägel ab …

Der Graf: … und schon ist der Erfolg da. Das glauben immer nur alle. Aber die Wahrheit ist: Es gab keinen Masterplan. Meine Kontaktlinsen trage ich schon seit drei Jahren nicht mehr, weil es auf Dauer höllisch wehtut, diese Dinger in den Augen zu haben. Und die Nägel sind seit vier Jahren nicht mehr lackiert, weil es mir irgendwann zu blöd war, jeden Morgen im Hotelzimmer zu sitzen und die Finger schwarz zu lackieren. Und "Große Freiheit" haben wir ganz normal produziert, wie die vorherigen Alben auch. Einziger Unterschied war, dass wir "Geboren um zu leben" als Single noch einmal aufgenommen haben. Hier hat die Plattenfirma dafür gesorgt, dass wir mit Profis arbeiten konnten, die wissen, wie man eine Gitarre und ein Schlagzeug aufnimmt. Das war toll, so mussten wir nicht selbst rumdödeln. Aber es gab keinen Druck, keine Einschränkungen von der Plattenfirma. Das hätte auch gar nicht funktioniert, denn wenn man bei mir versucht, Druck auszuüben oder meine Musik zu verdrehen, werde ich extrem empfindlich.

Beim Bundesvision Song Contest hast du dich bei deiner Mutter bedankt – ungewöhnlich für einen harten Gothic-Rocker.

Der Graf: Das war mir als extremer Familienmensch total wichtig. Meine Eltern haben mich zehn Jahre lang unterstützt, als nichts weiterging. Das ist für Eltern auch nicht leicht, wenn sie ständig von anderen Leuten hören, mein Sohn ist jetzt Direktor, meiner wurde schon wieder befördert – und wenn sie selber sagen müssen, mein Sohn macht Musik ...

Und was für Musik!

Der Graf: Stimmt, er macht auch noch diese merkwürdige Gothic-Musik. Deshalb war Bundesvision für mich total wichtig, weil ich wusste, die zwei sitzen zu Hause vor dem Fernseher, die haben jetzt greifbar vor Augen, dass es doch richtig war, dass sie ihren Sohn immer unterstützt haben. Die sind stolz wie Oskar.

Beim Sommernachtstraum spielst du im Olympiastadion. Was verbindest du mit München?

Der Graf: Das Deutsche Museum hat mich schwer beeindruckt, als ich als Kind öfter hier Urlaub gemacht habe. Und die Brezn sind so was von lecker, und nicht so steinhart wie im Rest von Deutschland. Ich freu mich auf euch – und auf eure Brezn!

Interview: Jörg Heinrich

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