Unheimlicher Kreuzzug legt Stadtverkehr lahm

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Fundamentalistische Abtreibungsgegner trugen am Samstag auch weiße Kindersärge durch die Stadt.

München - Wie sind die denn drauf? Diese Frage stellten sich am Samstag Passanten und Autofahrer in der Innenstadt, die am Samstagnachmittag auf einen Kreuzzug der unheimlichen Art trafen.

Rund 500 Männer und Frauen, viele von ihnen noch sehr jung, aber beseelt von einer Mission, die jahrelang nicht sonderlich ernstgenommen, nun jedoch plötzlich Zulauf hat. Es sind christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner, die jedes Jahr im Mai mit weißen Kreuzen durch die Stadt ziehen, den Innenstadt-Verkehr lahmlegen und zu provokativen und zuweilen auch geschmacklosen Aktionen greifen.

Das Kreisverwaltungsreferat hat Anfang der Woche bereits dem Münchner Verein Lebenszentrum e.V. mit einem Verbotsbescheid untersagt, abtreibungswilligen Frauen vor einer Arztpraxis in der Fäustlestraße auf der Straße für Zwangsberatungen aufzulauern. „Tausend Kreuze für das Leben“, war am Samstag das Motto des als Demonstration angemeldeten „Gebetszuges“ des Vereins der Lebensschutzorganisation EuroProLife. Quer durch die Innenstadt ging der Zug vom Sendlinger Tor über das Isartor und die Maximilianstraße bis zur Universität am Geschwister-Scholl-Platz. Auf der Luitpoldbrücke warfen die Fanatiker rund 30 rote Rosen in die Isar, riefen dazu symbolisch Kindernamen und läuteten für jedes das Totenglöckchen.

Der Zug wurde eng begleitet von Polizeikräften. In der Vergangenheit war es immer wieder zu heftigen Konfrontationen mit Gegendemostranten gekommen. Im Jahr 2008 kam es gar zu einer gespenstischen Allianz mit rund 40 polizeibekannten Neonazis. Das braune Gewäsch über die „wachsende Gebärfreudigkeit ausländischer Familien“ schien die Abtreibungsgegner nicht weiter zu stören – wohl jedoch der Umstand, dass die Herren mit den kahlen Schädeln partout nicht auf der Straße niederknien und beten wollten.

Heuer blieb, abgesehen von langen Staus, alles ruhig. Im Westend vor der Abtreibungspraxis Stapf in der Fäustlestraße waren die Abtreibungsgegner häufig sehr präsent. Dort lauerten selbsternannte „Gehsteigberater“ den Patientinnen am Praxiseingang auf. Während der eine betete, sprach der andere Frauen an („Wollen Sie wirklich töten?“), drückte ihnen am Daumen lutschende Plastik-Föten und blutige Schock-Bilder in die Hand. Viele der ohnehin schon schwer belasteten Frauen reagierten mit Nervenzusammenbrüchen.

Das KVR hat diese höchst unchristlichen Praktiken nun per Bescheid unterbunden. Die „Gehsteigberater“ dürfen nur noch gegenüber der Praxis stehen. Sebastian Groth, KVR-Abteilungsleiter für Sicherheit und Ordnung: „Wir sind der Meinung, dass Beratungsgespräche in die Hände von Ärzten gehören. Alles andere greift ins Persönlichkeitsrecht und die Intimsphäre der Frauen ein. Sie haben das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.“ Die Abtreibungsgegner kündigten an, notfalls bis vors Bundesverfassunsgericht gegen den KVR-Bescheid zu klagen.

Dorita Plange

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