Das Sterben der Traditionslokale

Das Unions-Bräu in Haidhausen wurde 1885 gegründet.

München - Tradition oder Umsatz? Immer mehr Traditionsbetriebe verlieren den Kampf gegen die Zahlen. Die tz gibt einen Überblick.

Nun verkündete Wirt Wiggerl Hagn das Aus für seine Gastwirtschaft Unions-Bräu am Max-Weber-Platz. Seit fast 120 Jahren wird in dem urigen Wirtshaus mit Bierkeller und Brauerei Bier gebraut. 45 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs – und München eine der letzten Wirtshausbrauereien der Stadt!

Das Unionsbräu ist kein Einzelfall. Immer wieder müssen Traditionsbetriebe schließen, weil der Umsatz nicht mehr stimmt. Laut Bayerischem Hotel- und Gaststättenverband machen in München jährlich 20 Prozent der Lokale dicht oder wechseln den Betreiber – häufig wegen roter Zahlen! Sprecher Frank-Ulrich John: „Wir bedauern das Sterben der Traditionswirtshäuser außerordentlich. Mit jeder Gaststätte stirbt ein Stück Tradition, um die uns viele außerhalb Bayerns beneiden.“

Die tz hat sich in München umgesehen. Welche Betriebe schließen mussten – und wo es Rettung gab:

1000 Plätze und kaum Gäste

Aus für das Unions-Bräu in Haidhausen! Wiggerl Hagn gibt sein Traditionshaus in der Einsteinstraße auf. Grund: Der Vertrag zwischen der Stadt als Eigentümer und Löwenbräu als Pächter läuft aus – die Brauerei hatte Hagn das Lokal weiterverpachtet. „Ich glaube nicht, das mein Vertrag nochmal verlängert wird“, sagt Wiggerl Hagn, der den 1885 gegründeten Betrieb seit 1991 führt.

Problem: Das Unions-Bräu schreibt seit Jahren rote Zahlen. Das hat viele Gründe: „Mit 1000 Sitzplätzen ist das Lokal zu groß, der Bierkeller wird kaum noch besucht, außerdem müsste die Einrichtung renoviert werden“, sagt Hagn. „Ich würde gerne bleiben, aber in verkleinerter Form oder mit einem anderen Konzept. So trägt sich das Lokal nicht.“

Die Brauerei bzw. der dahinterstehende US-Konzern Anheuser-Busch bedauert, dass Hagn das Haus nicht weiterführen kann. Sprecher Oliver Bartelt: „Wir haben weiterhin großes Interesse an dem Objekt – verständlicherweise aber unter positiven wirtschaftlichen Verhältnissen.“ Nach Ostern stehen weitere Gespräche zwischen der Stadt und der Brauerei an. Doch der Wirt hat wenig Hoffnung. Er sucht bereits eine neue Gaststätte im Zentrum.

Umsatz stimmte nicht

Die Hundskugel in der Altstadt musste ebenfalls schließen. Das Wirtshaus wird in einen Seniorentreff umgebaut.

Sie war Münchens älteste Wirtschaft und gehörte Modezar Rudolph Moshammer: Die Hundskugel in der Hotterstraße. Im letzten Jahr hatte Wirtin Barbara Sigg den Pachtvertrag gekündigt, weil der Umsatz ins Tal rauschte. Lange war unklar, was mit dem 1440 gegründeten Wirtshaus passieren sollte. Ende des Jahres kaufte der Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer das Lokal von Mosis Erben Walter Käßmeyer. Er will die Hundskugel in einen Seniorentreff für seine Stiftung Sternenstaub umbauen: Ab Spätsommer/Herbst sollen sich im Erdgeschoss Studenten für ein Stipendium von monatlich 400 Euro um einsame Senioren kümmern. In den oberen Stockwerken wird die Verwaltung der Stiftung einziehen.

Auch hier blieben die Besucher aus

Das Wirtshaus im Grün Tal schloss Ende 2011 seine Pforten.

Auch das Wirtshaus im Grün Tal am Herzogpark musste Ende des letzten Jahres schließen. Grund: Der Betrieb rentierte sich nicht, zu wenig Besucher kamen. Eine Bürgerinitiative versuchte sogar, das Traditionshaus, das seit 1892 existiert, mit eigenem Kapital zu retten – vergeblich. Schweren Herzens gab die Wirtsfamilie Kuffler das Wirtshaus auf. Die Schörghuber Bau-und-Immobilien-Gruppe will auf dem Gelände nun exklusive Wohnungen bauen. Gestern rollten auf dem Gelände die Bagger an. „Wir haben mit dem Abriss begonnen“, sagt Schörghuber-Sprecher Bernhard Taubenberger der tz. Wieviele Wohnungen auf dem 3350 Quadratmeter großen Areal entstehen sollen, ist noch nicht bekannt.

Hier steht die Großsanierung an

Die Geschichte vom Donisl am Marienplatz geht bis 1315 zurück.

Muss der Donisl am Marienplatz schließen oder nicht? Lange wurde über die Zukunft der Münchner Traditionsgaststätte spekuliert. Nun steht fest: Donisl bleibt! Ende des Jahres läuft der Vertrag mit der Pächter-Familie Wildmoser aus – das wollte der Eigentümer, die Schörghuber-Gruppe, für eine große Veränderung nutzen. Schließlich gab es seit dem Zweiten Weltkrieg keine Sanierung mehr, auch eine andere Nutzung des Hauses stand zur Debatte. „Wir haben viele Möglichkeiten geprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir die Gaststätte belassen“, sagt Schörghuber-Sprecher Bernhard Taubenberger. Allerdings steht eine große Renovierung an: Die Gasträume müssen modernisiert werden, die Haustechnik ist veraltet.

Christina Schmelzer

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