Unter Tramhäuschen begraben: "Wie beim Terroranschlag"

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Der Bus donnerte in das Tramhäuschen und machte es platt. Drei Menschen wurden begraben, wie durch ein Wunder haben alle überlebt.

München - Am Morgen des 11. Januar rammt ein Schulbus ein Pasinger Tramhäuschen, drei Frauen werden unter den Trümmern begraben und entkommen nur knapp dem Tod. Jetzt spricht eine der Betroffenen:

Silvia L. (49) ist ein sehr aktiver Mensch. Die Diplom-Sportlehrerin ist seit 20 Jahren Leichtathletin und Hürdenläuferin. Sie fährt gern Motorrad, ist wettkampferprobt und nervenstark. In diesen Tagen jedoch ihr ist fast alles zuviel, die Welt zu laut und zu schnell: „Ich bin mir gerade selbst ganz fremd“, sagt sie über sich. Das ist mehr als verständlich: Denn Silvia L. war eine der drei Frauen, die am Morgen des 11. Januar in dem Pasinger Trambahn-Wartehäuschen standen, das von einem Schulbus gerammt und zum Einsturz gebracht wurde. Begraben unter den Trümmern, trennten sie nur noch 30 Zentimeter vom sicheren Tod. Ein schweres Trauma, mit dem sie nun fertig werden muss. Denn die Erinnerung an die schrecklichen Minuten kehrt immer wieder zurück.

Silvia L. (49) steht noch immer unter Schock.

Silvia L. wohnt in Pasing und muss nur wenige Schritte zu der Haltestelle Westbad in der Agnes-Bernauer-Straße laufen. Jeden Morgen nimmt sie dort die 19er-Tram, um zu ihrer Arbeitsstelle in die Stadt zu fahren. So war es auch an jenem Mittwoch vergangener Woche. Um 8.10 Uhr stand die gebürtige Spanierin im Wartehäuschen  dicht neben der glläsernen Trennwand. Den Schulbus selbst, der plötzlich mit beiden linken Reifen auf die Haltestelle und direkt auf sie zuraste, sah sie nicht kommen: „Plötzlich rieselte mir etwas über die linke Schulter. Um mich herum war überall zersplittertes Glas und Metall. Ich lag auf dem Boden und über mir stand etwas riesiges Weißes!“ Das war der Bus, der nur um Haaresbreite vor ihr zum Stehen gekommen war.

Völlig verwirrt blickte Silvia L. um sich: „Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ein Attentat? Ein Terroranschlag? Galt der Anschlag gar mir? Wer sollte mir so etwas antun wollen?“, schoss er ihr durch den Kopf. „Ich fühlte mich wie in einem Mafia-Film.“ Etwas Warmes rieselte über ihr Gesicht. Es war Blut, das ihr aus den Schnittwunden an Kopf und Stirn rann: „In meiner Nähe sah ich eine ältere Frau. Sie lag auf dem Bauch und rührte sich nicht. Ich wusste nicht, ob sie noch lebt. Das war brutal.“ Die dritte Verletzte - eine 32-Jährige - schrie die ganze Zeit im Schock. Da erwachte Silvia L.‘s Lebenswille: „Es fühlte sich an, als ob ich unter einem flachen Bett läge. Und ich wollte sofort da raus!“ Mit dem linken Arm hob sie das verbogene Dachteil über sich an. Auf dem anderen Arm robbte sie aus dem schmalen Spalt ins Freie: „Da kamen schon lauter Leute angelaufen und haben geholfen.“

Busfahrer kracht in Trambahnhäuschen - Bilder

Busfahrer kracht in Trambahnhäuschen - Bilder

Silvia L. und eine zweite Frau (32) konnten die Klinik nach ambulanter Versorgung wieder verlassen. Die 55-Jährige dagegen liegt noch immer im Krankenhaus. Gegen den ebenfalls verletzten Schulbusfahrer (72) ermittelt die Polizei. Eine plötzliche Erkrankung, ein Infarkt oder Anfall, scheidet als Ursache offenbar aus. Möglicherweise war er für kurze Zeit abgelenkt. Er war allein im Bus, hatte die Kinder kurz zuvor abgesetzt. Silvia L. ist zur Zeit noch krank geschrieben, soll Abstand gewinnen: „Ich spreche viel mit meinem Freund und meiner Familie. Der Arzt hat gesagt, dass meine gute Fitness mir sehr geholfen hat.“ Auch eine Anwältin steht ihr jetzt zur Seite. Mit der Bewältigung des Traumas jedoch muss Silvia L. allein fertig werden. Sie hat sogar schon versucht, wieder mit der Tram in die Stadt zu fahren: „Es ging mir aber nicht gut dabei.“ Die Unfallstelle ist längst abgeräumt. Nichts erinnert mehr an ihren Albtraum: „Als ob nichts gewesen wäre. Das ist alles so irreal!“ Dorita Plange

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