Parzellen-Gau im Münchner Norden

Schwarzbau-Vorwürfe in Unterföhring: Gartenlauben sollen weg

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In Unterföhring an der Grenze zu München gibt es ein paar Grundstücke, die als Gartenfläche genutzt werden. Doch nun müssen die Zäune rundrum weg. Im Bild: Peter Haiser (45) Lieselotte Mauritz (76), Otto Mauritz (73) und Franz Mauritz (76).

Endlos weite Wiesen, gesäumt von Weiden und eine abgeschiedene Ruhe. Die Frühlingssonne strahlt auf alte Apfelbäume und Büsche. Doch es ziehen dunkle Wolken auf: Ein Schreiben vom Landratsamt sorgt für Aufruhr.

München - Das „Moos“ in Unterföhring ist ein Paradies - aber offenbar nicht mehr lang... Die Familien, die dort zum Teil schon 50 Jahre lang ihre kleinen Grundstücke liebevoll bepflanzen, müssen ihre Gärten räumen. Der Vorwurf: Schwarzbau! Franz Mauritz (76) aus Aubing ist einer der Grundbesitzer. „Ich habe die Wiese von meinen Eltern geerbt. Sie waren Heimatvertriebene. Für die Generation war es wichtig, ein Stück Land zu haben, auf dem man sich zur Not selbst versorgen kann.“ Schon immer sei das karge „Moos“ zwischen Unterföhring und Aschheim im Münchner Norden eine Region gewesen, wo sich „kleine Leute“ niederließen, erzählt der Gerichtsvollzieher in Rente. 

26 Leute erwarben vor etwa 50 Jahren die kleinen Parzellen. „Sie pflanzten dort für ihre Familien, setzten Obstbäume, bauten Zäune und fanden das stille Glück des eigenen Gartens.“ Richtig gewohnt hat hier nie jemand, größere Bauten als Gartenhäuserl zum Lagern von Spaten & Co. oder einen kleinen Hühnerstall gibt es nicht. „Wir haben die Gemeinde nie auch nur einen Cent gekostet. Wir wollten immer Ruhe und Frieden.“ 

Grüne Oase: Das müssen Kleingärtner wissen

Unterföhrings Bürgermeister Kemmelmeyer beschwichtigt

Doch heuer im Januar kommt plötzlich ein Schreiben vom Landratsamt München: Die Einzäunung der Grundstücke sei „formell illegal und auch materiell rechtswidrig“, da der Grund laut Flächennutzungsplan als „Fläche für die Landwirtschaft“ gelte. Durch Zaun und Gartenhäuserl werde die „natürliche Eigenart der Landschaft“ beeinträchtigt, und die „Verunstaltung des Orts- und Landschaftsbildes“ sei „nicht von der Hand zu weisen“. Das Landratsamt fordert, die „Bauten“ zu beseitigen, ansonsten übernehme dies das Amt - „kostenpflichtig und zwangsgeldbewehrt“. Die Grundbesitzer sind erschrocken und empört. Mauritz: „Diese Schreiben sind unmenschlich! Ein Nachbar ist 92, eine Nachbarin 82, sie hat schon zwei Herzinfarkte hinter sich. Sie können sich vorstellen, was so ein Brief bei ihnen auslöst...“ 

Hier liegt das kleine Paradies der Hobbygärtner.

Unterföhrings Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (51, Parteifreie Wählerschaft) sagt, er verstehe, dass die Grundstückseigentümer entrüstet sind. „Aber der Außenbereich ist nun einmal ein sensibles Thema.“ Jagdpächter hatten die Gemeinde darauf hingewiesen, dass Rehe wegen der Zäune nicht ungehindert wandern können. Dann hatte das Landratsamt die „Bebauung“ rechtlich geprüft und Verstöße gegen die Bauordnung festgestellt. Grundsätzlich sei die Gemeinde daran gebunden, Vorgaben des Landratsamts einzuhalten, so Kemmelmeyer: „Mir liegt es ja auch fern, gleich die große Keule zu schwingen und mit der Planierraupe anzurücken.“ 

Die Gemeinde hat nun alle Betroffenen zur heutigen öffentlichen Sitzung des Bauausschusses eingeladen, wo das Thema ausführlich besprochen werden soll. Franz Mauritz hofft, dass letztlich nicht nur kalte Paragraphen gelten, und dass es für die geliebten alten Gärten einen Bestandschutz geben wird. „Man darf die Menschlichkeit nicht vergessen!“ 

Einen schweren Schlag gibt es auch für Penzberger Schrebergärtner: Eineinhalb bis zwei Jahre könnte es dauern, bis diese ihre Gärten offiziell wieder nutzen dürfen.

Andrea Stinglwagner

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