Zukunftsmusik in Giesing

Grünwalder Stadion: Das rät ein renommierter Arena-Architekt

+
Stefan Nixdorf war unter anderem Architekt der Regensburger Continental Arena.

Der Stadion-Architekt Stefan Nixdorf äußert sich zum Umbau der Kultstätte in Giesing – eine Kapazität von 20 000 schließt er nicht aus.

München - Im Grunde ist es Fußball paradox, der sich derzeit auf Giesings Höhen zuträgt: Beim ersten Heimspiel der Löwen in dieser Saison waren zig Reporter aus ganz Deutschland auf der Medientribüne, das Interesse am Neuanfang des TSV 1860 in der Kultstätte Grünwalder Stadion immens. Nach zehn Jahren Zweitliga-Tristesse hatte der Traditionsklub zwar langsam das Image einer grauen Maus, aber immerhin war es ja noch die Zweite Liga. Nun ist man sogar in die vierte Liga abgetaucht – doch plötzlich ist Sechzig wieder Kult, und im Stadion herrscht fast Champions League-Atmosphäre. Der sportliche Niedergang kann die treuen Fans nicht schocken. Ganz im Gegenteil: Es herrscht Aufbruchstimmung.

Für Stefan Nixdorf ist das keine Überraschung: „Ich kann das verstehen: Entweder du versinkst im Dornröschenschlaf oder du kehrst zurück zu den Wurzeln“, sagt der renommierte Stadionarchitekt im Gespräch mit unserer Zeitung. An dessen Schreibtisch sind das Rhein-Energie-Stadion in Köln, die Arenen auf St. Pauli oder in Sinsheim, die Regensburger Continental Arena, der neue Tivoli in Aachen oder die Coface Arena in Mainz entstanden. Nixdorf (49) ist außerdem Autor des Internationalen Standardwerks „Stadium Atlas“. Nixdorf meint, München solle die Welle der Euphorie nutzen und in einer Machbarkeitsstudie und Zielplanung Möglichkeiten für den Umbau des Grünwalder Stadions ausloten.

Das Problem: 1860 ist hier nicht Herr im eigenen Hause. Der Verein braucht die Unterstützung der Stadt. Die Arena ist derzeit nur für 12 500 Zuschauer zugelassen. Nicht nur die Löwen-Fans, sondern viele Fußball-Interessierte verstehen diese drastische Reduzierung nicht. Vor gut zehn Jahren waren es noch 21 700 Zuschauer, in den 90er-Jahren sogar knapp 30 000. Doch die marode Bausubstanz der Westkurve sowie Sicherheitsbedenken und Lärmvorgaben leiten die Stadt bei dieser harten Entscheidung.

Bis zu 20.000 Fans könnten ins Stadion passen

Maßgebliche Politiker, auch OB Dieter Reiter (SPD), haben mehrfach erklärt, bei 15 000 Zuschauern sei das Ende der Fahnenstange erreicht. Ende des Jahres soll der Stadtrat über die Ertüchtigung der statisch maroden Westkurve entscheiden, was das Fassungsvermögen zumindest auf eben diese 15 000 erhöhen würde. Eine Variante für bis zu 18 500 Plätze ist laut Verwaltung nicht genehmigungsfähig. Dafür wäre aus Lärmschutzgründen wohl eine Überdachung notwendig, was die Modernisierungskosten weiter erhöhen würde.

1860-Verwaltungsratschef Markus Drees will im Optimalfall ein Fassungsvermögen von 19 000 erreichen, hat er unlängst verlauten lassen. Gut möglich, dass auch die Politik irgendwann eine neue Offenheit für eine größere Zuschauerzahl entdeckt. Von der SPD gibt es durchaus Signale. Das Stadion ist – Stand jetzt – drittligatauglich, aber nicht zweitligatauglich.

Stefan Nixdorf will sich aus der Ferne Nordrhein-Westfalens nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Vor Jahren hatte er mal ein Spiel von 1860 im Grünwalder Stadion gesehen. Mit der Stadt hatte er ebenfalls vor längerer Zeit ein Fachgespräch über den Standort. Klar sei für ihn: Knapp 30 000 Zuschauer wie in den 90er-Jahren werden an dieser Stelle nicht mehr möglich sein. „Die Löwen-Fans mögen es mir verzeihen. Aber mein Bauchgefühl sagt mir: Das sieht doch eher nach 15 000 aus. Eine Kapazität von 20 000 will ich dennoch nicht ausschließen.“

Darum wird es in Giesing nie wieder so voll wie früher

Der Hauptgrund, dass in Giesing keine Zuschauerzahlen wie einst mehr denkbar sind, ist für Nixdorf eindeutig: „Die Versammlungsstättenverordnung hat sich stark im Sinne der Sicherheit verschärft.“ Und das befürworte er voll und ganz. Zudem seien beim Grünwalder Stadion die Faktoren Lärm und Stellplatz-Anforderung die Knackpunkte. Auch die Anforderungen an Komfort und Technik seien in den vergangenen zwei Jahrzehnten extrem angestiegen. „Seit der WM 2006 haben die Leute in der ganzen Republik einen höheren Anspruch.“ Laut Nixdorf könnte sich 1860 beim Thema Lärmschutz auch nicht auf das Gewohnheitsrecht berufen, weil es das Stadion ja bereits seit über 100 Jahren gibt. „Die Rechtslage ist eindeutig. In Sachen Lärm und Sport hat sich die juristische Sensibilität entscheidend verändert.“

Falls die Stadt eine weitreichende Modernisierung wie die Überdachung der Westkurve befürworten würde, wäre diese Maßnahme in etwa zwei bis drei Jahren umsetzbar – sofern die bauliche Substanz das zulässt, glaubt Nixdorf. Auf die Frage, ob der Umbau des Grünwalder Stadions für einen Architekten eine attraktive oder illusorische Herausforderung sein würde, sagt Nixdorf: „Klare Antwort: Das wäre eine Super-Aufgabe. Zwar nicht leicht – in etwa so, wie einen Freistoß aus 25 Metern in den Winkel zu zirkeln – aber unglaublich spannend.“

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Giesing – mein Viertel“. 

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Achtung, Pendler: Störung bei S7 
Achtung, Pendler: Störung bei S7 
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Sechs Orte in München, an denen wir uns aufwärmen
Sechs Orte in München, an denen wir uns aufwärmen
Weihnachten 2017 wird alles besser - 5 Tipps für ein nachhaltiges Fest
Weihnachten 2017 wird alles besser - 5 Tipps für ein nachhaltiges Fest

Kommentare