Umzug und Digitalisierung

Suche nach Verschollenen: Neue Ära beginnt

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Ein Mitarbeiter des Deutschen Suchdienstes München (Bayern) zeigt ein Porträtbild eines vermissten deutschen Soldatens.

München - Suche nach den Verschollenen des Zweiten Weltkriegs, die bis heute andauert. Jetzt beginnt für den Dienst eine neue Ära.

Der Leiter des Deutschen Suchdienstes München des Deutschen Roten Kreuzes, Heinrich Rehberg

„Je teurer uns ein Mensch gewesen ist, umso tiefer würden wir ihn verleugnen, wenn wir uns weigerten, an der letzten und gewaltigsten Erschütterung seines Daseins, so wie sie wirklich war, teilzunehmen.“ Dieser Spruch im Eingangsbereich des Deutschen Suchdienstes in München macht deutlich, worum es geht in diesem unscheinbaren Bürogebäude im Münchner Stadtteil Giesing.

Der Deutsche Suchdienst, der dort seinen Sitz hat, spürt Verschollenen nach. Schon 1945 nahm er seine Arbeit auf und sich verzweifelter Familien an, die auf der Suche waren nach Söhnen und Ehemännern, Verlobten und Brüdern. 53 Millionen Karteikarten erzählen das Schicksal von rund 30 Millionen Menschen, von zerrissenen Familien und jahrelanger Ungewissheit - oder vom Schicksal der Kinder, die in den Kriegswirren ihre Eltern verloren und nie wussten, woher sie wirklich kamen.

Wie der Zahn der Zeit an der Chance dieser Familien auf eine Wiedervereinigung nagte, so nagte er auch an diesen Karteikarten der Zentralen Namenskartei.

Vor zehn Jahren begann der Suchdienst, der vom Roten Kreuz betrieben wird, darum mit der Digitalisierung der unglaublichen Datenmenge. Inzwischen ist diese Mammutaufgabe bewältigt: Die Daten sind im Computer, und der Suchdienst ist auf dem Weg in eine neue Ära.

Spätestens Anfang kommender Woche sollen alle Karteikarten in 35 271 Kästen in Umzugskartons verpackt sein. Bis zum Mai sollen sie dann - über zwei Zwischenlager - in eine Außenstelle des Suchdienstes in Hamburg verfrachtet werden. Im Berliner Bundesarchiv war kein Platz, wie der Leiter des Suchdienst-Standorts München, Thomas Huber, sagt.

Wenn die Mitarbeiter künftig Anfragen von Angehörigen bearbeiten, die heute nicht mehr von Eltern und Ehefrauen, sondern von Enkelkindern kommen, brauchen sie dazu nicht mehr einige Stunden, sondern nur wenige Sekunden, sagt Huber. Eine Eingabe, ein Klick - und das Schicksal breitet sich auf dem Computerbildschirm aus.

Es sind Schicksale wie das des Gefreiten Johann, der erst 20 Jahre alt war, als er mit der Maschinengewehr-Kompanie der 297. Infanterie-Division in die Schlacht von Stalingrad zog. Er sollte nie in seinen Heimatort Dachau zurückkehren. Seine Mutter Emilie suchte vergeblich nach ihm. Alles, was ihr blieb, war ein Gutachten mit dem Ergebnis: Ihr Sohn war wahrscheinlich gefallen - wie so viele mit ihm.

Im Jahr 1950 wurden alle Familien aufgerufen, ihre Vermissten zu melden. Plakate mit dem „Aufruf zur Registrierung der Kriegsgefangenen und Vermißten“ hingen überall in Deutschland. Die Zahl stieg nach der Erfassung zwischen dem 1. und 11. März 1950 auf 2,5 Millionen Vermisste. Der Suchdienst erfasste ihre Namen und Daten, legte umfassende Bücher mit Fotos an und diese Heimkehrern mit der Frage vor: „Hast Du ihn gesehen?“ Sechs Millionen Heimkehrer wurden so befragt.

Heute gibt es nach Suchdienst-Angaben noch rund 1,2 Millionen ungelöste Fälle. Weiterhin gibt es aber die Hoffnung, Tausende weitere in Zukunft, auch Jahrzehnte nach Kriegsende, noch klären zu können. Denn in den 1990er Jahren hat der Suchdienst einen großen Schatz gefunden: Die ehemalige Sowjetunion überließ ihm Akten über deutsche Soldaten.

Millionen Datensätze zu Millionen deutschen Kriegsgefangenen kamen in München an, zu den rund 13 000 Anfragen, die der Suchdienst nach Angaben Hubers pro Jahr bearbeitet, kommen rund 16 000 weitere Fälle, die die Mitarbeiter von sich aus wieder aufrollen - um endlich Antworten geben zu können.

dpa

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