Stadtteil-Serie

Viertelbewohner erzählen: So verwandelt sich Untergiesing

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Wahre Liebe: Christl Estermann betreibt seit 24 Jahren das Löwenstüberl. 

Wie sich München wandelt, welche Traditionen Bestand haben und welche Großprojekte anstehen - das erzählen uns Viertelbewohner in unserer großen Stadtteil-Serie.

München - Dass durch unsere Stadt ein Fluss fließt, ist ein großes Glück für alle Münchner. Besonders für die, die direkt an der Isar wohnen – wie die Anrainer des östlichen Isarufers. Doch die Lage birgt auch ­Nachteile: Dagibt‘s Lärm und Grillrauch, die den Bewohnern das Leben schwer machen. Und in ­Harlaching kämpfen die Menschen gegen die massive Bebauung. Die Liebe zum Stadtteil verbindet. Auch in Giesing, wo sich viele über die Rückkehr der Sechzger freuen. Den Löwen wurde auch ein Part in einem neuen Buch über die „Tela“ gewidmet. Auch ein Giesinger Projekt. Sie sehen, liebe Leser, der Osten ist voll im Fluss. Wo neue Ideen entstehen und alte bewahrt werden, lesen Sie hier.

Ihr Herz schlägt für die Löwen

Wenn Christl Estermann über den Abstieg spricht, kommen ihr immer noch die Tränen. „Für mich war es ganz schlimm“, sagt die Löwenstüberl-Wirtin. Seit 24 Jahren betreibt die 75-Jährige die Fan-Kneipe an der Grünwalder Straße neben dem Trainingsgelände des Vereins. Ende letzten Jahres erschütterte ihre Entscheidung, aufhören zu wollen, Fans und Gäste. Doch die Rückkehr der Löwen in ihr altes Stadion änderte alles – Christl machte weiter: „Ich konnte nicht loslassen.“

Meistens geht es gesittet zu im Stüberl. „Man braucht ein Gespür für die Leute. Man muss gut zuhören können, aber auch mal durchgreifen.“ Bevor der ehemalige 1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser sie ins Stüberl holte, betrieb sie die Fußballkneipe C2, auch an der Grünwalder Straße. „Da waren Sechziger- und Bayern-Spieler da. Unter den Spielern hat es nie Probleme gegeben.“ Auch im Sechzger-Stüberl ging ein und aus, was Rang und Namen hat: Werner Lorant, Thomas Häßler, Hans-Dieter Seelmann, Bernhard Winkler. „Viele kommen heute noch…“

Die Übernahme des Stüberls 1994 war ein perfekter Zeitpunkt: Die Sechziger waren nach 13 Jahren wieder in der Bundesliga, und es brummte wieder so richtig am Löwen-Gelände. „Das waren tolle Zeiten damals. 2000 war ich mit Herrn Wildmoser in Parma. Wir haben zwar verloren, aber die Stimmung im Stadion werde ich nie vergessen.“ Immer wenn die Löwen auswärts spielten, stand Christl mit einem gemieteten Bus am Stüberl bereit. „Wenn es keine Karten mehr gab, habe sie alle Hebel in Bewegung gesetzt, um doch noch welche aufzutreiben. „Ich hatte einen guten Draht zu Herrn Wildmoser.“

Heute habe sich vieles verändert. Von Investor Ismaik hat Christl aber eine bessere Meinung als viele Fans. „Wenn er nichts übrig hätte für die Löwen, hätte er nicht so viel Geld reingesteckt.“ Die Rückkehr in die alte Heimat ist für sie Balsam auf die Seele. „Wir haben uns in der Allianz-Arena nie wohl gefühlt.“ Aber: „Wir müssen uns spielerisch verbessern“, sagt sie streng.

Christl hofft, dass das Stadion ausgebaut wird. „Früher standen wir zu 40 000 im Stadion.“ Doch weil Teile gesperrt sind, fasst das Stadion momentan nur 12 500 Zuschauer. Ein Ausbau für 15 000 ist im Gespräch. „Und das wird immer noch zu wenig sein. Wir brauchen mehr Plätze, damit mehr Fans Karten kriegen.“ Doch das ist Zukunftsmusik. Sicher ist für Christl nur eins: ihre 100-prozentige Treue zu den Löwen.

Umfrage: Was halten Sie von der Rückkehr der Löwen?

Bärbel Polack (66), Rentnerin: Ich finde es einfach nur lästig: Die Hooligans grölen, die Straßen sind zugeparkt – und man kann nicht U-Bahn fahren, wenn ein Spiel ist. Und das auf Kosten der Steuerzahler! Ich finde, der Verein müsste in die Pflicht genommen werden. Wenn das Stadion jetzt wirklich auch noch ausgebaut wird, müssen zumindest unbedingt mehr Parkplätze geschaffen werden.

Kenny Adams (40), angestellt im Einzelhandel:

 Wenn Spiele sind, ist es das sehr hinderlich für die Anwohner. Beim letzten Derby bin ich gar nicht heimgekommen, weil die Polizei die Straßen gesperrt hat und sich die Massen durch die Straße geschoben haben. Viele Fans sind aggressiv und schlagen sich. Das muss nicht sein. Ich fand es gut, als die Sechziger in der Allianz-Arena gespielt haben.

Charlotte Pfuhler (90), Rentnerin: Ich wohne seit 1938 in Giesing und bin schon immer für die Sechzger gewesen. Die Löwen gehören einfach zu Giesing dazu. Bei den Bayern geht es ja nur ums Geld. Früher, als der Beckenbauer noch gespielt hat, haben die auch schöne Spiele gemacht. Aber jetzt hat das ja nichts mehr mit Sport zu tun, es geht nur noch ums Geld. Die Sechzger sind viel bodenständiger. Ich freue mich, dass sie wieder da sind.

Peter Hein (47), Industriemechaniker: Es ist doch schön, wenn sich was tut im Viertel. Ich hatte jetzt sogar Karten für ein Spiel im Grünwalder. Das erste Mal. Ein Arbeitskollege meines Bruders hat sie besorgt. Das ist das Einzige, was schade ist: Es ist schwer, an Karten zu kommen. Wenn das Stadion ausgebaut wird, dann müssten gleich mehr Plätze ­ entstehen. 

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Daniela Schmitt

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