Wenn Sekunden entscheiden

Zu Besuch auf einer Kinderintensivstation: Damit Lotta lebt

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Lotta wurde tot geboren und reanimiert. Sie ist eine Kämpferin. Ihr Plüsch-Eisbär wacht an ihrer Seite.

Auf der Frühchenstation am Klinikum Harlaching passieren jeden Tag kleine Wunder. Wir begleiten eine Krankenschwester, die ihr Leben den Kleinsten widmet.

Julia Weidlich ist eine Fee, ein zierliches Wesen in einem Wunderland. Sie streichelt über Lottas Kopf, Massage-Zeit. Lotta lebt. Seit acht Tagen – auch dank Julia Weidlich. Sie ist Intensiv-Kinderkrankenschwester auf der Frühchenstation am Klinikum Harlaching in München: 27 Jahre, dunkelbraune nach oben gesteckte Haare – dazwischen steckt eine Brille. Ein goldenes Kettchen mit einem kleinen Skorpion hängt um ihren Hals; er ist ein Glücksbringer, den sie von ihren Eltern bekommen hat. Ihr Papa, selbst Arzt, hat ihr von der Arbeit abgeraten. „Harte Schichtarbeit, meinte er“, sagt sie. Und: „Stimmt.“ Der Pflegeberuf sei für viele junge Frauen unattraktiv. Und vielleicht zu wenig geschätzt. Doch Julia Weidlich wollte immer Krankenschwester sein. 

Ihre Eltern bewundern sie heute dafür. Wenn sie mit Freundinnen spricht, sagen einige, ihr Beruf sei schrecklich. Ja, Babys sterben auf ihrer Station: hundert Gramm schwere Wesen, ein paar Stunden alt. Das sei hart, sagt Julia Weidlich. Wenn sie weint, dann alleine vor ihrem Spind – alles andere sei unprofessionell. Doch die schönen Momente seien umso schöner. Die meisten Babys überleben auf der Station. Sie sagt: „Für mich ist es der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann.”

Julia Weidlich (27) ist Intensiv-Kinderkrankenschwester.

Es ist Lottas Leben, um das es geht, und das Julia Weidlich mit retten will. Lotta liegt in einem speziellen Krankenbett: weißes Plastik, Plexiglaswände – mit Löchern auf einer Seite, dass Hände durch passen – ein Deckel aus Plexiglas zum Zuklappen. Warm soll sie es in der Truhe haben. Darin eine lila-farbige Bettdecke mit grinsenden Löwen und Giraffen, dazwischen eingegraben liegt Lotta. Acht Tage alt, 3700 Gramm schwer, 53 Zentimeter groß, Schläuche in der Nase, im Nabel, in den Armen und Füßen. Auf der Schulter liegt eine kleines Plüschtier: ein Eisbär. Hinter Lottas Bettchen hängt ein Plakat an einer Glasscheibe, zwischen weiß-schwarzen Window-Color-Schafen. Darauf steht: „Liebe Lotta, Du gibst mir übermenschliche Kräfte...Danke! In Liebe, Papa.” Ob Lotta überlebt, ist ungewiss. Sie war bereits tot.

Rückblende, acht Tage früher, Mitte Mai: Angelina (39) war entspannt. Angelina ist ein fröhlicher Mensch und Lottas Mama. Der Nachname der Familie soll nicht in der Zeitung stehen. Angelina: dunkelbraune Augen, brauner Teint, schwarze lockige Haare, die genauso flattern beim Gehen wie ihre schwarz-grün-rote Haremshose. Noch trägt Lottas Mama Lotta unter ihrem Herzen. Um Lottas Herztöne zu kontrollieren, fuhr Angelina in die Klinik nach Harlaching. Und um einen Termin für einen Kaiserschnitt auszumachen. Alle freuten sich auf Lotta: Mama Angelina, Papa Georg und Lottas großer Bruder Alex. Die letzten acht Monate waren unkompliziert. Das änderte sich an diesem Tag. Lotta kam. Aber anders als geplant.

Lotta war 13 Minuten lang tot

Irgendetwas stimmt nicht, tuschelten die Ärzte, als sie über Angelinas Bauch mit dem Ultraschall-Gerät fuhren. Die Herztöne passten nicht. Es ging schnell, sehr schnell, zu schnell für Angelina. Sie wurde auf ein Bett gelegt, Lottas Herztöne blieben aus. „Zwanzig Gesichter über mir brüllten durcheinander“, erzählt Angelina. Ärzte, Schwestern, irgendwo dazwischen ihr Mann Georg. Kabel, Schläuche. Der Gang zum OP sauste an Angelina vorbei, helles Licht, irgendwer schrie: „Ready to cut!“, übersetzt: „Fertig für einen Not-Kaiserschnitt!“ Angelina schnaufte, dass es jeder hörte, sie blinzelte in die Gesichter, sie war bei vollem Bewusstsein. „Nein! Nein! Nicht ready to cut“, dachte sie, wollte sie schreien. Eine Maske senkte sich auf ihr Gesicht, Angelina wurde ohnmächtig.

Ohne modernste Technik auf der Intensivstation würde Lotta sterben. Solange sie nicht selber atmet, muss sie hier bleiben.

Lotta wurde tot aus Angelinas Bauch geschnitten. 13 Minuten war sie tot. Sie wurde reanimiert, erfolgreich. Das Gehirn bekam zu lange keinen Sauerstoff, es kam zu einer Gehirnblutung. Der Not-Kaiserschnitt hat Lottas Leben gerettet, doch die Blutung hat wichtige Areale beschädigt. „Irreparable Schäden“, sagen die Ärzte.

Julia Weidlich verstreicht Creme auf Lottas Stirn, ihre Haut soll nicht trocken werden. Lotta zittert, ihr Körper zappelt, sie schnappt nach Luft: Krampfanfall. Julia Weidlich legt die Hand zwischen die bunten Kabel, Schläuche und Elektroden auf Lottas Körper. Sie atmet ruhig, das spürt Lotta. Lottas Stirn glänzt, die Maschinen um Lotta, die sie mit am Leben halten, surren und piepen, es riecht nach warmem Desinfektionsmittel. Draußen am Spielplatz schreit ein Kind. Die Stunden vergehen, es wird Nacht.

In speziellen und abgeschirmten Bettchen liegen die Frühchen auf der Station.

Dass Lotta vielleicht nicht überleben wird, weiß Julia Weidlich. Das hat ihr Job so an sich, dieses Wissen. Der Tod huscht durch den Gang mit grau-gesprenkeltem PVC-Boden. Vorbei an bunten Schildkröten, Elefanten und Schafen an den Glasfenstern der Zimmer. Julia Weidlich weiß, dass einige ihrer jungen Patienten sterben werden, ohne dass es die Ärzte aussprechen. Bei Lotta hieß es, dass sie nicht mehr operiert werde, erzählt sie, obwohl in Lottas Gehirn noch Blut laufe. Das reicht als Antwort. Aber: „Lotta kämpft“, sagt die 27-Jährige. Wer in Lottas dunkle Augen schaut, kann sehen, wie sehr. So wie Papa Georg es sieht. Er wacht seit acht Tagen jede Nacht neben Lotta. In einem Stuhl mit rotem Lederbezug versucht er ein paar Stunden zu schlafen, seine Arbeit tagsüber – er ist Unternehmensberater – Nebensache. Wenn die Geräte um Lotta piepsen, erschrickt er. Lotta atmet zu wenig. Julia Weidlich kommt und legt Lotta in eine andere Position. Lotta sei eine Kämpferin, sagt Georg. Klar, auf dem Plakat neben ihr, an der Window-Color-Glasscheibe, steht es rosa auf grau: „Lotta – beiß dich durch!“ Daneben gemalt Lottas Schutzengel mit gelben Locken.

Ein Wunder mit 320 Gramm

Es gibt Wunder auf der Frühchen- und Kinderintensivstation. Vor Jahren hieß das Wunder Victoria: 320 Gramm leicht – so wie eine große Tafel Schokolade. Sie passte in eine Handfläche. Victoria überlebte. Lotta soll das auch schaffen. Acht Intensiv-Zimmer gibt es auf der Frühchenstation. Die Atmosphäre des Gebäudes, das von außen wie eine alte Uni-Mensa aussieht, ist anders als die typischer Krankenhausstationen, auf deren Gängen Besucher und Patienten hetzen. Es ist entschleunigt. Julia Weidlich ist gerne hier. Die Schicksale aus der Arbeit nimmt sie nicht mit nach Hause – nicht mehr. Das musste sie lernen. Irgendwann werde es Routine, sagt Weidlich. „Nein, Routine ist zu hart. Man kann alles besser verarbeiten, das trifft es.“ Ob sie selbst Familie will und Kinder? Sie will Kinder und Familie. Trotz der Schicksale, die sie hier erlebt. Ob sie als Mutter weiterhin als Intensiv-Krankenschwester auf der Frühchenstation arbeiten kann, weiß sie nicht. Was sie weiß: Die Arbeit hier hat es in sich.

Lottas Plakat an der Glaswand zwischen Window-Color-Schafen.

Medikamente werden in zehntel- oder hundertstel Millilitern verabreicht; Fehler sind unentschuldbar und fatal. Ein Tropfen zu viel tötet ein Baby. „Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle“, sagt Julia Weidlich. „Eltern vertrauen uns das Leben ihres Kindes an.“ So wie Lottas Eltern. Dieses Vertrauen zu geben, sei schwierig, sagt Lottas Mama. Angelina vertraut Julia. Julia und das ganze Team seien Feen und Elfen, sagt Angelina, zierliche Wesen, mit unglaublicher Kraft. Sie erleben alles, was die Eltern empfinden: Ängste, Freude, Trauer, Leid – persönliche Grenzen verschwinden. Dass Lotta lebt, sei ein Glück, sagt Angelina: „Es gibt Stunden, da willst du über alles reden. Und dann gibt es Momente, da willst du nur weinen.” Vor Lotta zu weinen, helfe ihr nicht, sagt Angelina. Lotta brauche Freude.

„Wir lassen Lotta entscheiden“

Dass Lotta bleibende Schäden hat, ist ihr bewusst. „Das zu wissen, war anfangs ein Schock“, sagt Angelina. Jetzt sei das egal, solange Lotta selbstständig atmet und überlebt. Was aber, wenn Lotta nicht selber atmet? Wenn Lotta wieder beatmet werden muss, wie die ersten Tage? Angelina und Georg haben darüber gesprochen. Angelina sagt: „Wir lassen Lotta entscheiden, wenn es dazu kommt.“ Wenn Angelina spricht, schaut Julia Weidlich sie nur an. Sie sitzt auf einem Hocker vor ihr, die Hände liegen in ihrem Schoß. Sie nickt. Ein Kühlschrank in dem Aufenthaltsraum der Station surrt. Vieles auf der Station muss nicht ausgesprochen werden. Es passiert. Ein kleines Stück von Angelinas Schneidezahn fehlt. Es ist weggebrochen, als die Ärzte sie vor acht Tagen auf das Bett geworfen, intubiert und Lotta tot aus ihrem Körper geschnitten haben. Das sei egal, sagt sie. Hauptsache Lotta lebt, immer noch.

Hat während der Stunden, die er neben Lotta verbringen durfte, auch über Gott nachgedacht. Und Gänsehaut bekommen.

Christoph Hollender, 28, Volontär bei der Ebersberger Zeitung

Alter, die Jugend! Eine Volontärs-Beilage

Dieser Text ist Teil der Beilage Alter, die Jugend!“. Die Volontäre von Münchner Merkur, tz und Merkur.de haben sich auf die Suche nach Geschichten gemacht, die das Verhältnis der jungen Leute zum Alter und anders herum erzählen. Hier geht es zum Überblick über alle Artikel.

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