Untergiesing: Ein Viertel kämpft für faire Mieten

+
Mit einer bunten Parade demonstrierten am Samstag rund 300 Untergiesinger gegen die Luxussanierungen in ihrem Stadtteil. Veranstaltet wurde die Aktion von den Münchner Kammerspielen

München - „Alle wollen Untergiesing.“ Lautstarke 60er Fans, Trachtler, Punks und Untergiesinger in verrückten Kostümen protestierten am Samstag gegen Luxussanierungen und steigende Mieten im angestammten Arbeiterviertel.

„Alle wollen Untergiesing.“ Lautstarke 60er Fans, Trachtler, Punks und Untergiesinger in verrückten Kostümen protestierten am Samstag mit einem bunten Parade quer durchs Viertel gegen Luxussanierungen und steigende Mieten im angestammten Arbeiterviertel.

 Aufgerufen hatte Alt-Punk Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen), der für die Münchner Kammerspiele die Aktionsreihe „München Komplett“ inszeniert. So bunt der Marsch war, so ernst ist die Lage. „Der Stadtteil befindet sich unter enormen Aufwertungsdruck“, so Max Heisler von der Aktionsgruppe Untergiesing. „Gab es bislang bei uns noch bezahlbare Mieten, machen jetzt Investoren Kasse.“ Manchmal sind es auch Erben, die ihr Eigentum sanieren. Hier einige Beispiele…

Erhöhung nur um 60 Prozent

In diesem Wohnblock in der Arminiusstraße ist eine Wärmesanierung geplant

In der Untergiesinger Arminiusstraße steht den Bewohnern eines Mehrfamilienhauses wegen einer Wärmesanierung eine 60-prozentige Mieterhöhung ins Haus. „Das Haus wurde 2012 von der Erbin übernommen, dauraufhin mussten wir schon 20 Prozent mehr zahlen“, sagt ein Mieter.

Jetzt soll der Bau von 1959 saniert werden und auch größere Balkone bekommen. Hinzu kommen neue Türen, Elektroleitungen und ein Spielplatz im Innenhof. Außerdem sollen im Dachgeschoss zwei neue Wohnungen entstehen. Die Besitzerin will 474 288 Euro der Umbaukosten auf die 13 Mietwohnungen umlegen.

So soll ein Rentnerpaar statt bisher 752 Euro künftig 1199 Euro für seine 110-Quadratmeter-Wohnung bezahlen. „Ich lebe hier seit 50 Jahren, das ist meine Heimat, die Mietsteigerung ist zu viel für uns“, so die Rentnerin. Sie bessert innerhalb der Wohnung in einem kleinen Frisiersalon ihre Rente auf. Eine bezahlbare Ersatz-Wohnung sei kaum noch zu finden, ein Umzug käme teuer. Den 447 Euro Mietsteigerung stünden derzeit nur 40 Euro monatlich für Heizung und Warmwasser gegenüber. „Da können wir nicht viel sparen“, so der Ehemann.

Die Münchner Au: Ein Dorf mitten in der Stadt!

Die Münchner Au: Ein Dorf mitten in der Stadt!

„Wir wollen unseren Beitrag zur Kohlendioxid-Reduktion leisten und die Ziele der Bunderegierung zum Atomausstieg unterstützen“, erklärt die Vermieterin. Deshalb bekomme das Haus eine Wärmedämmung. Derzeit seien die Zinsen günstig. Und weiter: „Wir wollen unser Haus für unsere Kinder zukunftsfest machen.“ Sie verstehe, dass die Mieter sich wegen der Mieterhöhung ärgern, aber: „Die Miete war bislang sehr moderat. Auch nach der Sanierung bewegen wir uns innerhalb des Mietspiegels. Und irgendwie müssen wir die Wärmesanierung auch finanzieren.“

Johannes Welte

Untergiesinger Brennpunkte

„Das Viertel befindet sich derzeit unter enormem Aufwertungsdruck“, sagt Maximilian Heisler von der Aktionsgruppe Untergiesing. Viele Bürger hätten Angst, dort bald nicht mehr leben zu können. Hier einige Beispiele:

Rock Capital: Die Grünwalder Immobilienfirma kaufte vor zwei Jahren den Wohnblock der landeseigenen GBW am Candidplatz mit 240 Wohnungen und erhöhte als erstes die Mieten um 20 Prozent, berichtet Heisler. Nun hat die Firma eine Sanierung des Blocks beantragt. So sind der Anbau von Balkonen, Wintergärten und Aufzügen geplant. Heisler: „Ein klarer Fall von Luxussanierung. Viele langjährige Bewohner werden die Miete künftig kaum noch bezahlen können.“

Birkenau: In der alten Untergiesinger Kutschersiedlung wurden voriges Jahr zwei alte Kutscherhäuschen abgerissen. Stattdessen entstehen hier nun Eigentumswohnungen in modernem Design. Heisler berichtet von Kaufpreisen von bis zu 7000 Euro pro Quadratmeter.

Burg Pilgersheim: Das urige Wirtshaus in der Pilgersheimer Straße musste nach dem Hausverkauf 2009 schließen, jetzt ist dort ein Mexikaner. Der neue Eigentümer ließ eine Kastanie im Wirtsgarten fällen und Balkone anbauen.

Auch interessant

Meistgelesen

Jetzt bestätigt: Dieser Flagship-Store kommt bald in die Innenstadt
Jetzt bestätigt: Dieser Flagship-Store kommt bald in die Innenstadt
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
FCB-Meisterfeier: Sperrungen, Kontrollen und keine U-Bahn 
FCB-Meisterfeier: Sperrungen, Kontrollen und keine U-Bahn 

Kommentare