Demografischer Wandel schneller als gedacht

Dramatisch! Unterschiede zwischen Stadt und Land immer größer

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Gedränge in München.

München - Die demografischen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen ländlichen und großstädtischen Regionen in Deutschland wachsen noch schneller als erwartet.

Diese Erkenntnis einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung gilt auch für das Bundesland Bayern. In Ballungszentren stieg die Einwohnerzahl von 2008 bis 2013 um 2,8 Prozent an, in Städten mittlerer Größe und Kleinstädten ging sie eher zurück. München liegt mit plus 7 Prozent bundesweit auf Platz 4 hinter Münster (plus 9 %), Frankfurt am Main (plus 7,6 %) und Darmstadt (plus 7,3 %) auf der Liste der Großstädte, in denen die Bevölkerungszahl zunimmt.

Vor allem die mittelgroßen Städte und Gemeinden im Umland von Metropolen wachsen. Rund um München sind das Dachau (+ 8 %), Olching (+ 7,8 %) und Unterhaching (+ 7,7 %). Städtetagspräsident Ulrich Maly (SPD) schildert die dramatische Lage in Städten mit großem Bevölkerungsschwund – in Oberfranken, der Oberpfalz oder in Niederbayern: „Ortszentren veröden, Geschäfte machen dicht ... Häuser stehen leer und zeigen Zeichen des Verfalls.“ Aber auch Wachstum mache nicht zwangsläufig glücklich. „Wirtschaftswachstum kann zur Überhitzung, zur Gentrifizierung von Wohnquartieren und zu steigenden Preisen führen.“ Die tz hörte sich in einigen Rathäusern um.

Infrastruktur hinkt hinterher

Robert Meier (CSU), 2. Bürgermeister der Stadt Olching: "Wir haben in den Neunzigern ein Baugebiet am Schwaigfeld für bis zu 3500 Bürger ausgewiesen. Das ist so gut wie abgeschlossen; wir haben jetzt 27 000 Einwohner. Der Siedlungsdruck bleibt natürlich, wie überall im S-Bahnbereich, aber das Wachstum der letzten 20 Jahre wird sich nicht mehr so fortsetzen. Man hängt mit der Infrastruktur zwangsläufig immer hinter der Entwicklung her. Wir bauen jedes Jahr einen Kindergarten, haben eine Mittelschule für 20 Millionen errichtet. Die Verkehrsbelastung wächst. Die Grundstückspreise sind in den letzten Jahren unheimlich gestiegen."

Medienstandort im Speckgürtel

Betina Mäusel (CSU), 2. Bürgermeisterin von Unterföhring: "Bei uns, im Speckgürtel von München, lässt es sich gut leben und arbeiten: Wir haben im Gemeindegebiet etwa 18.000 Arbeitsplätze bei 10.759 Einwohnern – wir sind Deutschlands Medienstandort Nr. 1. Außerdem zählt zu den größten Arbeitgebern der Allianz-Versicherungskonzern. Attraktiv sind wir auch wegen der Nähe zu München, der Hauptbahnhof ist von Unterföhring aus nur gut zehn Kilometer entfernt. Und zum Flughafen sind es gerade mal vier S-Bahn-Stationen. Daher ist die Nachfrage nach Bauplätzen und Wohnungen hoch – zumal wir mit einem attraktiven Vereinsangebot sowie guten Kinderbetreuungen punkten können; die Grundschule wurde jüngst erweitert und wir werden bald ein eigenes Gymnasium haben."

Ein finanzieller Kraftakt

Margit Kirzinger (SPD), Bürgermeisterin von Waidhaus (2224 Einwohner - 5,88%), an der Tschechischen Grenze: "Wir merken, wie unsere Gemeinde schrumpft. Nach der Grenzöffnung und dem Beitritt der Tschechischen Republik zum Schengen-Raum sind viele Arbeitsplätze in den Behörden bei uns verloren gegangen. Wir können die Wegzüge zwar durch Zuzüge kompensieren – trotzdem haben wir weniger Geburten als Sterbefälle. Und wir haben im Ortskern mit Leerständen zu tun, den wir mit höheren Fördersätzen im Sanierungsgebiet bekämpfen. Gleichzeitig haben wir ein Baugebiet ausgewiesen, auf dem wir seit fast zehn Jahren keinen Bauplatz mehr verkauft haben. Dort vergeben wir jetzt bis 31. Januar das Grundstück für einen Euro. Für unsere Entwicklung bedeutet die Schrumpfung aber einen finanziellen Kraftakt."

Mehr Einwohner dank Kultur und Gewerbe

Andreas Scharf (Bündnis Lechfeld / CSU), Bürgermeister von Graben (Landkreis Augsburg, 3748 Einwohner, +8,48 % zwischen 2008 und 2013): "Wir wachsen im Schnitt pro Jahr um 35 Einwohner. So viele zusätzliche Einwohner brauchen wir aber auch, damit wir unsere zweizügige Grundschule erhalten können. Deshalb weisen wir alle vier bis fünf Jahre ein Neubaugebiet aus. Wir liegen an der vierspurigen B17 zwischen Augsburg und Landsberg am Lech und haben ein starkes Gewerbe, das uns finanziell so weit absichert, dass wir in die weichen Standortfaktoren Kultur und Soziales investieren können. Das weckt natürlich Interesse und führt dazu, dass wir immer eine Liste von 150 Bewerbern für einen Bauplatz in unserer Gemeinde haben."

BW/Mk.

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