Serie: Die verborgenen Schätze des Deutschen Museums 

Bücher, die die Welt erklären

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In der Schedel’schen Weltchronik hat Bibliotheksleiter Helmut Hilz eine Ansicht der Stadt München aufgeschlagen.

Einen seltenen Einblick in die Museumsbibliothek des Deutschen Museums gewährt deren Leiter, Helmut Hilz. Rund eine Million wertvolle Bände sind in der Abteilung zu finden.

Wer die Ausstellungen des Deutschen Museums komplett betrachten will, wird mehr als einen Tag brauchen. Und selbst dann hat er nur einen Bruchteil dessen gesehen, was sich in 93 Jahren in den Beständen des weltgrößten Wissenschafts- und Technikmuseums angesammelt hat. In dieser Serie stellen wir Schätze vor, die den Besuchern zumindest derzeit verborgen bleiben. Heute: die Schedel’sche Weltchronik und das „Astronomicum Caesareum“, zwei Schmuckstücke in der Museumsbibliothek.

Ein wahrhaft gewichtiges Zeugnis aus der Geschichte des Buchdrucks

Es ist ein wahrhaft gewichtiges Zeugnis aus der Geschichte des Buchdrucks, und es zählt zu den wertvollsten unter rund einer Million Bänden, die das Deutsche Museum in seiner Bibliothek hütet. Bibliotheksleiter Helmut Hilz zieht weiße Handschuhe an und schlägt die lederbezogenen Buchdeckel vorsichtig auf. Zum Vorschein kommt ein Werk, das man als frühen Vorläufer der Online-Enzyklopädie Wikipedia bezeichnen könnte. Hier ist, reich illustriert mit rund 1500 Holzschnitten, auf 596 Seiten aus Hadernpapier all das verzeichnet, was man vor fünf Jahrhunderten über die Welt zu wissen glaubte.

Hartmann Schedel (1440 – 1514) sei Arzt in Nürnberg gewesen, erzählt Hilz. Und er war wohlhabend genug, sich in den Pionierzeiten des Buchdrucks ein solch aufwendiges Werk leisten zu können. Immerhin, so Hilz, zähle die 1493 in Nürnberg erschienene Chronik „neben der Gutenberg-Bibel zu den am aufwendigsten gestalteten Büchern der Inkunabel-Zeit“.

Das hatte seinen Preis. „In der Literatur findet man Angaben, wonach der Preis für ein Exemplar der Weltchronik damals einem Haus in der Nürnberger Innenstadt entsprochen hat“, berichtet Hilz.

Zwei Prunkstücke der Museums-Bibliothek: die Schedel’sche Weltchronik (im Vordergrund) und das Astronomicum Caesareum. Der Gesamtbestand der Bibliothek umfasst rund eine Million Bände, die in langen Regalreihen im zweiten Stock des Museumsgebäudes hochwassersicher lagern.

Nur 500 Exemplare wurden gedruckt, die Mehrheit in lateinischer Sprache. Gerade einmal 100 Exemplare ließ Schedel mit deutschen Texten drucken. Ein halbes Jahrtausend später ist die Zahl der noch erhaltenen Werke, so Hilz, „recht überschaubar geworden“. Und stolz merkt der Bibliothekschef an: „Wir haben hier eines der seltenen Exemplare in deutscher Sprache.“ Der Aufdruck auf dem Einband, den meist vom Käufer passend zur eigenen Bibliothek anfertigen ließ, zeigt, dass das Buch im 16. Jahrhundert einem Heinrich von Biera gehörte.

Schedel hat für seine Chronik gesammelt, was an Wissen verfügbar war. Er begann, gestützt auf das Alte Testament, mit der Erschaffung der Welt und schlug einen Bogen bis in die damalige Gegenwart, die mit zahllosen Stadtansichten den größten Raum einnimmt. Heutige enzyklopädische Maßstäbe dürfe man aber nicht anlegen, sagt Hilz lächelnd. „Da ist sehr viel künstlerische Freiheit drin.“ Die Ansichten aus der näheren Umgebung – etwa Würzburg, Regensburg, Passau und München – seien noch relativ verlässlich. „Aber je weiter die Motive weg liegen, umso mehr Fantasie steckt drin.“ Lissabon, Konstantinopel oder Mantua hätte man anhand der Abbildungen in Schedels Chronik wohl schon damals nur mit Mühe erkannt.

Herr über eine Million Bücher: Helmut Hilz im Depot

Doch technisch bewegen sich die Drucke auf hohem Niveau. „Man nimmt an, dass Albrecht Dürer an der Herstellung der Holzschnitte beteiligt war“, sagt Hilz. „Aber man ist sich da nicht ganz sicher.“

Neben den Stadtansichten hat Schedel auch „alle möglichen Könige dargestellt, die in der Geschichte eine Rolle gespielt haben“, wie Hilz berichtet. Hier trickste der Verleger, wohl um Geld zu sparen: Es gab nur eine begrenzte Anzahl unterschiedlicher Figuren, die immer wieder auftauchen. „Nur die Kolorierungen unterscheiden sich“, berichtet der Bibliothekschef. In einer Zeit, als viele Bücher noch als Handschriften erschienen, nutzte Schedel so die Möglichkeiten der Drucktechnik.

Auch eine Weltkarte ist in der Chronik enthalten. Amerika sucht man darauf aber vergebens. Dass jenseits des Atlantiks ein eigener Kontinent lag, erkannte erst 1507, 14 Jahre nach Druck der Weltchronik, der Italiener Amerigo Vespucci.

Wirtschaftlich war das aufwendige Werk ein Flop: Wegen des hohen Preises war es alten Quellen zufolge schwer verkäuflich. Die heute noch existierenden Exemplare dagegen sind begehrt und fast schon wieder so teuer wie damals: Ein hervorragend erhaltenes Exemplar wurde 2010 in London für rund 850 000 US-Dollar versteigert.

Peter T. Schmidt

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