Schon 32 bekannte Opfer / Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs

Verein zockt Demenzkranke ab

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Er wehrt sich erfolgreich gegen den Abzock-Verein: Berufsfeuerwehrmann Alfred S. (58) kämpft für seine Mutter.

München - Keine Frage: Die Masche ist gut. Sehr gut sogar. Seit mehreren Monaten ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft gegen einen Münchner Verein, der mit höchst infamen Methoden Senioren zu Spenden nötigt.

Denn die Opfer sind überwiegend dement und damit häufig so vergesslich, dass sie schon Minuten später nicht mehr wissen, ob und was sie da unterschrieben haben.

Die Angehörigen von 32 bekannten Opfern haben bereits Anzeige erstattet. Die Dunkelziffer aber muss um ein Vielfaches höher liegen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs und Urkundenfälschung. Sowohl der Vereinsvorsitzende Erich B. (66) als auch zwei verantwortliche Werber (46 und 48 Jahre), die die Drücker-Kolonnen auf den Weg schicken, sind einschlägig amtsbekannt. Dennoch stecken die Ermittlungen derzeit fest. Denn die Männer bewegen sich geschickt in einer juristischen Grauzone.

Der Verein ist nicht gemeinnützig und darf keine Spendenquitttungen ausstellen. Er unterhielt früher Geschäftsräume in Neuhausen und ist mittlerweile in einen Johanneskirchner Bauernhof umgezogen. Die Drücker bekommen Adressenlisten der Senioren, die sie besuchen müssen. Es besteht der Verdacht, dass diese Listen aus früheren Haustürgeschäften stammen. In einigen Fällen sollen die Unterschriften von damals für aktuelle Zahlscheine gefälscht worden sein – stets zugunsten des seltsamen Vereins, der sich geradezu aufopfernd um die Belange bedürftiger Senioren zu kümmern scheint. Das jedenfalls behaupten die Drücker, die allerhand Serviceleistungen (Fensterputzen, Einkaufen, Gesellschaft leisten, etc.) anbieten, vor allem aber um Spenden bitten. Gern endet ihre Betteltour mit den Worten: „Sie könnten auch einmal in eine solche Lage geraten und sind dann froh, wenn Ihnen geholfen wird, nicht wahr?“ Na klar, da möchte man sich nicht lumpen lassen.

Die Senioren zahlten Beträge zwischen 60 und 480 Euro, in Einzelfällen sogar 1000 Euro! Die Gesamtsumme beläuft sich derzeit auf mindestens 10 000 Euro. Sonderliche Serviceleistungen waren nie feststellbar – jedenfalls konnten sich die Opfer später nicht mehr so genau daran erinnern. Das ist kein Wunder: Die älteste Seniorin ist bereits 93 Jahre alt.

dop.

So dreist wurde meine Mutter (85) ausgenommen

Routinemäßig sah Alfred S. (58) Ende September die Kontoauszüge seiner in Giesing lebenden Mutter Franziska (85) durch, die körperlich recht rüstig , aber eben schon erkennbar an Altersdemenz erkrankt ist. Dabei entdeckte er entsetzt, dass auf dem Konto seiner Mutter gerade noch 187, 20 Euro waren. Damit hätte sie noch nicht mal mehr ihre Miete zahlen können! Alfred S. blätterte zurück – und dann sah er es: Ein ihm unbekannter Verein hatte am 10. September 420 Euro und nur eine Woche später weitere 1000 Euro abgebucht. Per einfachem Zahlschein. Einspruch zwecklos!

„Ach Muttl, was hast Du denn da unterschrieben?“ fragte er mit sanftem Vorwurf. Franziska S. konnte sich daran nicht mehr erinnern. Wohl aber an den „netten jungen Mann“, der ihr für nur 50 Euro eine Putzhilfe versprochen hatte und für sie sogar den Zahlschein ausfüllte – wofür der „nette junge Mann“ weitere 50 Euro berechnete. Nicht eine einzige Quittung, geschweige denn einen Vertrag oder eine Vereinsbroschüre hatte er der alten Dame da gelassen. Alfred S. war außer sich: „Niemand macht so etwas mit meiner lieben, alten Mutter!“

Stillschweigend löste er vorsichtshalber das Konto auf und ersetzte den fehlenden Betrag aus eigener Tasche: „Meine Mutter hätte diese bodenlose Gemeinheit gar nicht verstanden. Sie ist der liebste Mensch auf der Welt und glaubt nur an das Gute. “

Und dann heftete er sich an die Spuren dieses „sauberen Vereins“. Über das Konto fand er die Kontaktdaten des 1. Vereins-Vorsitzenden Erich B. (66) heraus, dem er Mitte Oktober einen geharnischten Brief schrieb – mit Kopie an OB Christian Ude, den Verbraucherschutz und die Polizei, bei der er Strafantrag gestellt hatte. Das zeigte Wirkung: Fünf Tage später erhielt er einen nicht persönlich unterschrieben Brief des Vereins („Mit Erstaunen und Betroffenheit lesen wir Ihren Beschwerdeberief..“). Zwar distanzierte sich der Verein von der „Vorgangsweise der Agentur“, blieb aber dabei, dass bereits eine Putzkraft bei Franziska S. gewesen sei. An diesen Besuch kann sich Franziska S. aber nicht erinnern. Den zweiten Betrag in Höhe von 1000 Euro rechtfertigte der Verein damit, „dass Ihre Mutter im laufenden Jahr weitere Dienstleistungen in Anspruch nehmen wollte.“

Der letzte Brief stammt vom 10. November. Darin entschuldigt sich Erich B. erstmals persönlich im Namen des Vereins und erklärt sich bereit, die Gesamtsumme von 1420 Euro zurückzuüberweisen. Den Vertrag mit der betreffenden „Werbeagentur“ habe er zum Jahresende gekündigt. Zudem wolle er „diese Angelegenheit baldmöglichst ohne Gerichtsverhandlung zu Ende bringen.“ Zu spät, Herr B. Viel zu spät!

dop.

Quelle: tz

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