Mysteriös

Wie verschwindet ein tonnenschwerer Grabstein?

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„Man bekommt den Eindruck, da wird der wahre Sachverhalt vernebelt“: Robert und Wilhelm Baumann an dem Grab ohne Stein.

München - Ein drei Tonnen schwerer Grabstein am Münchner Waldfriedhof verschwindet plötzlich. Ob die Verwaltung den Stein versehentlich abräumen ließ oder ob ihn Unbekannte gestohlen haben, ist offen. Dennoch will die Stadt den Grabstein ersetzen. Immerhin ist in diesem Fall viel schief gelaufen.

Als Wilhelm Baumann kurz nach Ostern das Familiengrab auf dem Waldfriedhof besucht, um wie jedes Jahr zu dieser Zeit die Frühlingsblumen zu pflanzen, trifft den 88-Jährigen fast der Schlag. Der zwei Meter hohe, drei Tonnen schwere und geschätzt 10 000 Euro teure Grabstein aus römischem Travertin, der seit 1957 das Grab schmückte, ist spurlos verschwunden. Im Büro des Waldfriedhofs erfährt Baumann, der Grabstein sei „auf dem Schrott“. Denn: Die Grabnutzungsgebühr sei nur bis 1998 entrichtet worden. Und wenn diese ausbleibe, werde das Grab aufgelöst. „Da haben mir vor Schreck die Füße gewackelt“, erzählt der 88-Jährige. Als sich jedoch herausstellte, dass ein Geldbetrag bei der Stadt eingegangen war, sei der Mitarbeiter sichtlich nervös geworden und habe ihn zu einer Kollegin geschickt. Doch auch die konnte Wilhelm Baumann bislang keine befriedigende Erklärung für das Verschwinden des Steins liefern. Eineinhalb Tage hat die Friedhofsverwaltung nach eigenen Angaben im Fundus abgeräumter Steine gesucht. Ohne Erfolg. Der Stein bleibt verschwunden.

Robert Baumann, der Neffe Wilhelm Baumanns und Nutzungsberechtigte des Familiengrabes, ist verärgert. Wochenlang hat er die Friedhofsverwaltung aufgefordert, den Fall zu klären: „Aber man bekommt den Eindruck, da wird der wahre Sachverhalt zumindest vernebelt. Einer deckt den anderen und es wird einfach nicht eingestanden, dass man den Stein versehentlich hat abräumen lassen.“ Für den Rechtsanwalt stellt sich der Sachverhalt so dar: Die Nutzungsgebühr, die er Ende 2010 überwiesen hat, sei falsch berechnet worden. Sie entsprach nur dem Betrag, der alle 15 Jahre für ein Einzelgrab fällig wird, nicht aber für ein Familiengrab wie das der Baumanns.

An diesen ersten Fehler der Verwaltung schlossen sich in Baumanns Augen weitere an, die schließlich zur Entfernung des Steins geführt hätten. So sei aufgrund der angeblich nicht gezahlten Nutzungsgebühr schon im Februar 2012 eine Abräumverfügung getroffen worden. Anders als im Regelfall üblich, sei er aber weder schriftlich noch mittels eines eingeschweißten Hinweises am Grab über die bevorstehende Räumung informiert worden. Dennoch habe die Stadt wahrscheinlich in diesem Frühjahr kurz vor dem Besuch seines Onkels den Stein entfernt oder durch einen Steinmetz entfernen lassen. Der Rechtsanwalt stellt daraufhin eine Strafanzeige - gegen Unbekannt. Die Staatsanwaltschaft sieht zwar von einem Ermittlungsverfahren ab, glaubt aber: „Es spricht viel dafür, dass nicht ein Dritter, sondern die Friedhofsverwaltung München den Grabstein aufgrund eines internen Fehlers entfernt hat.“

Die Gräberverwaltung sieht das anders. Dort ist man überzeugt, dass sehr wohl ein Unbekannter den Stein abgeräumt hat. Katrin Zettler, Sprecherin des zuständigen Referates, erklärt: „Die Stadt verfügt zum einen nicht über entsprechendes Gerät, um einen derart schweren Stein zu heben. Zum anderen wurde der Grabhügel nach Entfernung des Steins nicht eingeebnet. Das ist aber in der Regel ein direkt mit der Demontage verbundener Arbeitsprozess.“ Dass Robert Baumann nie über die eingeleitete Abräumverfügung informiert wurde, zeige außerdem, dass sie nie durchgeführt worden sei. „Weil aber eine Reihe von Fehlern in der EDV und im Management passiert sind, die die Mitarbeiter bedauern, werden wir versuchen, bis spätestens Allerheiligen einen adäquaten Stein aus unserem Fundus zu finden, zu beschriften und aufzustellen“, verspricht Zettler.

Für die Baumanns ist das die beste aller möglichen Lösungen. „Mir ging es immer nur darum, dass der alte Zustand wieder hergestellt wird“, erklärt Robert Baumann, „und da wir nicht davon ausgehen, dass der Stein von 1957 nochmal auftauchen wird, sind wir mit einem gleichwertigen Stein, auf den die Namen unserer Verstorbenen graviert werden, zufrieden.“ Wer aber hat nun den tonnenschweren Stein vom Familiengrab entfernt? Es bleibt unaufgeklärt und ist laut Katrin Zettler der erste Fall dieser Art in München. Sie verweist darauf, dass die 29 städtischen Friedhöfe für jedermann zugänglich seien und dass sich die auf ihnen beschäftigten rund 100 Steinmetze nur mit einer Plakette am Auto ausweisen müssten. Um aber über jeden Zweifel erhaben zu sein, werde nun die Antikorruptionsstelle eingeschalten, erklärt Zettler.

Susanne Böllert

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