Aktivisten fahnden im Internet

Verwaiste Wohnungen: die Leerstands-Liste

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In München stehen zahreiche Häuser leer - die Bürger können mithelfen, diese zu finden und wieder als Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

München - Die Gorilla-Aktion in der Müllerstraße war nicht die letzte des Projekts "Goldgrund". Nun fahnden die Aktivisten im Internet nach leerstehenden Häusern in München, um Druck auf die Stadt zu machen.

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Die affengeile Renovierungsaktion in der Müllerstraße ist der Hit. Bis Mittwochabend klickten 110 000 Menschen das Web-Video an, in dem man sieht, wie Aktivisten in Gorilla-Kostümen eine Wohnung in einem leerstehenden städtischen Wohnhaus renovieren. Und dienächste Aktion ist schon geplant: eine Liste im Internet, bei der jeder Bürger leerstehende Wohnungen melden kann. Kultur-Impresario Till Hofmann, der hinter dem Projekt Goldgrund steht, sagt: „Wir wollen, dass die Münchner uns leer stehende Häuser melden, damit wir Druck auf die Stadt und private Besitzer machen können, damit diese Wohnungen wieder genutzt werden.“ Wer ein leer stehendes Haus kennt, sollte eine E-Mail an info@goldgrund.org schicken.

An der Müllerstraße hat die Idee mit dem öffentlichen Druck bereits funktioniert. OB Christian Ude (SPD) machte sich ein Bild vor Ort, lobte die Arbeit – und wies das Kommunalreferat an, auch die restlichen Wohnungen im Haus herzurichten. Die Stadt wollte es ursprünglich abreißen und einen Neubau errichten. Jetzt wird aber auch geprüft, wie viel ein Erhalt kosten würde. Ude schrieb bei Facebook, dass dann „eine Abwägung vorgenommen werden kann, ob die Kosten in einem angemessenen Verhältnis zu dem angestrebten zusätzlichen Wohnraum stehen“.

Münchens SPD-Chef Hans-Ulrich Pfaffmann sieht das anders, er glaubt: „Nach Lage der Fakten steht schon fest, dass das Sanieren des Bestands, vor allem mit aktuellen energetischen Maßnahmen, fast unmöglich ist.“

Hofmann ging die Sache praktisch an. Er hatte mit Fußballstar Mehmet Scholl, Kabarettist Dieter Hildebrandt, Regisseur Marcus H. Rosenmüller und anderen Künstlern die Bleibe flott gemacht. Und er ist sicher: Das geht auch anderswo. Denn die Stadt lässt insgesamt über 174 Wohnungen leer stehen (einige Beispiele unten). Hofmann: „Da könnte man Leute reinlassen und sie die Wohnungen gegen einen Mietnachlass selbst herrichten lassen.“ Die Grünen fordern eine städtische Task-Force, um nach leerem städtischen Wohnraum zu fahnden – für CSU-Rathauschef Josef Schmid ein „Offenbarungseid rot-grüner Wohnungspolitik“.

tz-Stichwort: Zweckentfremdung

Das Sozialreferat achtet mit zehn Bediensteten auf die Einhaltung der Zweckentfremdungssatzung. Damit werden Leerstände von Wohnungen mit Bußgeldern geahnt, ebenso Umwandlungen in Büros oder Praxen. 2011 führte das Amt damit 180 Wohnungen wieder ihrem Zweck zu. Die Bußgelder betragen bis zu 50 000 Euro. Ob die Stadt selbst Bußgelder zahlt, ist unbekannt.

Diese zehn städtischen Häuser stehen leer

  • Eversbuschstraße 155: Die zwei Wohnungen stehen seit 1985 und 2001 leer. Das Kommunalreferat will es abreißen und den Grund verkaufen.
  • Gollierstraße 84, 84a, 86: Hier stehen 19 Wohnungen leer, seit mindestens 2010, das genaue Datum ist unbekannt. Heuer soll hier saniert werden.
  • Milchstraße 11: Dieses Haus in der Au steht seit mindestens 2010 leer, genaue Daten gibt es nicht. Die GWG erarbeitet jetzt ein Sanierungskonzept.
  • Schussenrieder Straße 3: Diese Villa in Langwied steht seit 2006 leer. Das Haus hat keinen Wasseranschluss mehr, es soll verkauft werden.
  • Obere Grasstraße 6: Im schönsten Giesing verfällt dieses Häusl. Das Erdgeschoss steht leer. Die Stadt prüft, ob der Bau verkauft wird.
  • Aribonenstraße 22: Dieses denkmalgeschützte Haus in Ramersdorf steht leer, seit wann, ist unbekannt. Die MGS bereitet derzeit die Sanierung vor.
  • Thierschstraße 10: Mitten im Lehel steht dieses Haus mit sechs Wohnungen leer. Seit wann, ist unbekannt. Die Gewofag soll es generalsanieren.
  • Weinbauernstraße 19: Seit 2010 steht dieses Haus bis auf eine Wohnung leer. Hier bereitet die MGS, eine Sanierungsfirma der Stadt, ein Konzept vor.
  • Westendstraße 151: Dieses Haus von 1902 bekam die GWG vor über zwei Jahren mit fünf leeren Wohnungen von der Stadt. Es wird der Erhalt geprüft.
  • Isoldenstraße 19: In diesem SWM-Werkshaus in Schwabing stehen vier Wohnungen leer. Sie werden 2014 nach einer Sanierung neu vermietet

Johannes Welte

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