Viele Senioren kämpfen noch heute mit ihren Erlebnissen Trauma Krieg

Das Heulen der todbringenden Bomben kurz vor dem Einschlag – Marianne Auer kann es heute noch genau hören.

Ein junges Mädchen war sie damals 1944 – damals als München brannte. Und noch heute zittert die Stimme der 82-Jährigen, wenn sie über das Grauen der Luftangriffe spricht. „Zweimal war ich verschüttet. Einmal direkt am Isartor, im Keller eines großen Kinopalastes“, sagt sie leise. Die Schreie, der Staub, der Schock – die Erinnerungen sitzen tief. Zu tief. „Wir saßen im Dunklen und beteten um unser Leben. Diese Jahre waren die schrecklichste Zeit meines Lebens.“

Marianne Auer ist das, was Psychologen ein Kriegsopfer nennen. Sie hat viel Schreckliches gesehen – verschmorte Leiber, Tote am Wegesrand. Sieben Familienmitglieder hat ihr dieser verdammte Krieg geraubt. Wie viele Freunde kann sie gar nicht sagen. „Noch heute zucke ich zusammen, wenn ich eine Sirene höre“, sagt die Seniorin, die in einem Münchner Altenheim lebt. „Manchmal muss ich mich zwingen, nicht an all das von damals zu denken – sonst geht es mir schlecht.“ Nach all den Jahren, der Schmerz ist noch da.n 1,8 Millionen leiden unter TraumataDer Schrecken des Krieges – Forscher fanden jetzt heraus: Mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs leiden viele alte Menschen in Deutschland wegen der schrecklichen Erinnerungen noch immer an psychischen Störungen. Dies äußere sich unter anderem in Schlafproblemen, Aufmerksamkeitsstörungen oder auch dauernder innerer Übererregtheit, erklärt Andreas Maercker von der Universität Zürich.

Er und sein Leipziger Kollege Elmar Brähler erstellten erstmals in Deutschland eine Studie über die sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Für ihre Untersuchung befragten sie 2400 Männer und Frauen aller Altersgruppen. Vom Unfallopfer über Katastrophenüberlebende bis hin zum Kriegsteilnehmer. Dabei fanden sie heraus, dass rund 2,3 Prozent der Deutschen, also rund 1,8 Millionen Menschen, massiv unter den Folgen eines traumatischen Erlebnisses leiden. „Zu unserer Überraschung ist die PTBS bei den 60- bis 95-Jährigen dreimal so häufig wie bei den jüngeren Altersgruppen“, erläutert Maercker. Studien in anderen Ländern hätten ein völlig anderes Bild ergeben: In den USA, Kanada, Australien, und Mexiko hätten die älteren Menschen die jeweils wenigsten PTBS aufgewiesen.n Bilder, die sich eingebrannt haben Das alles hat natürlich seinen Grund: Die in Deutschland untersuchten älteren Menschen, die unter solchen Störungen leiden, berichteten fast alle von traumatischen Kriegserlebnissen. „So berichten Betroffene zum Beispiel von Panikattacken, wenn sie Feuerwehrfahrzeuge im Einsatz vorbeifahren hören, weil sie als Kinder Bombenangriffe erleben mussten“, erklärt Brähler. Sein Forschungskollege berichtet, Aussagen wie „die Bilder kommen zurück“ seien von den Älteren immer wieder zu hören. In der Erinnerung würden etwa Verluste von Geschwistern oder Freunden neu erlebt, manchmal führe sie zu Schuldgefühlen. n Oft werden Ängste falsch diagnostiziertDieses Durchleben hat teils fatalen Folgen: Die daraus resultierenden psychischen Störungen würden häufig als Depressionen falsch diagnostiziert. Hausärzte als meist erste Ansprechpartner älterer Menschen bei Problemen sollten sensibler dafür werden, dass psychische Störungen ihrer Patienten auf Kriegserlebnisse zurückgeführt werden könnten, mahnen daher die Experten. Auch heute noch werde dies viel zu wenig beachtet. Eine Meinung, die auch der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek teilt. Immer wieder melden sich Senioren bei ihm, die im Heim wohnen und schwere Belastungen durchleben müssen: „Da kommt ein männlicher Pfleger zu einer Dame und bittet sie, sich auszuziehen – damit er sie waschen kann. Man kann sich nicht vorstellen, was da in einem Vergewaltigungsopfer vorgehen muss.“ Es müsse mehr auf die Biografie des Bewohners eingegangen werden. Gute Heime täten das. „So ein Opfer darf nicht von einem Mann versorgt werden.“n Das Leid war zu lange ein TabuthemaWarum die Zahl der Betroffenen hierzulande so hoch ist – dafür haben die Wissenschaftler noch eine Begründung: „In Deutschland hat man sich zu lange nicht mit diesem Problem beschäftigt“, sagt Brähler. Über Jahrzehnte seien der Krieg und die Erlebnisse der Menschen tabuisiert worden. Erst heute nach dem Eintritt in den Ruhestand bilanzierten viele der Betroffenen ihr Leben. „Und dann setzen die PTBS ein“, so die Experten. Dies zu wissen, habe große Bedeutung für die medizinische und psychotherapeutische Versorgung älterer Personen. Insgesamt hatten 24,2 Prozent der Befragten angegeben, schon einmal ein traumatisches Erlebnis gehabt zu haben. Bei ihrer Studie unterschieden die Wissenschaftler zwischen kriegsbezogenen und zivilen Traumata. Zur letzteren Gruppe gehören dabei Erlebnisse wie schwere Unfälle, lebensbedrohliche Erkrankungen, Vergewaltigungen oder Missbrauchserlebnisse als Kind. Bei den letztgenannten Traumata sind Frauen wesentlich häufiger betroffen als Männer. „Jede 50. Frau in Deutschland ist als Kind missbraucht worden“, erklärt Maercker als weiteres Ergebnis der Studie.
Marianne Auer hat über all die Jahre gelernt, mit ihren Kriegserinnerungen zu leben. Erfolgreich damit zu leben. „Es gibt ja viele Menschen, denen ist viel Schlimmeres passiert.“ Trost und Hilfe findet die ehemalige Opernsängerin oft in der Musik. „Dann setzte ich mich hin und lausche“, sagt die freundliche Frau lächelnd. Das Heulen der Bomben ist dann verschwunden …

Quelle: tz

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