Die quälende Suche nach Gerechtigkeit

Vier Jahre NSU-Prozess: So leiden die Familien der Münchner Opfer

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Die Familie Familie Boulgarides bei einem Gedenkmarsch im Jahr 2015.

Vier Jahre NSU-Prozess! Am Samstag jährte sich das Mammut-Verfahren erneut. Wie geht es den Familien der Münchner Opfer? Und wann ist endlich ein Ende mit Urteil in Sicht? Darüber sprechen die Anwälte der Münchner Nebenkläger in der tz. 

München - Vier Jahre NSU-Prozess! Am Samstag jährte sich das Mammut-Verfahren erneut. 362 Mal hat das Oberlandesgericht mittlerweile verhandelt. 54 Millionen Euro hat das Verfahren bis heute gekostet. Aber noch immer gibt es kein Urteil. Und noch immer hoffen die Familien der Opfer auf Gerechtigkeit – und ein hartes Urteil gegen die Hauptangeklagte Beate Zschäpe. Viele Fragen bleiben bis heute. Wie gut lief die Aufklärung der Morde? Wie geht es den Familien der Münchner Opfer? Und wann ist endlich ein Ende mit Urteil in Sicht? Darüber sprechen die Anwälte der Münchner Nebenkläger in der tz. 

„Können nicht zufrieden sein“

„Nur die wenigsten hätten erwartet, dass der Prozess so lange dauert“, sagt Rechtsanwalt Navuz Yarin. Er vertritt die Familie des ermordeten Theodoros Boulgarides. „Mit der Aufklärung können wir natürlich nicht zufrieden sein. Man fasst heute die Neonazis, die zum Teil in schwerste Verbrechen verwickelt sind, mit Samthandschuhen an – im Gegensatz zu den Opfer-Familien.“ Diese hätten über Jahre hinweg Maßnahmen wie Telekommunikations-Überwachung oder Hausdurchsuchungen erleben müssen. „Sie sind sauer“, sagt Narin. „Denn ausgerechnet die Behörden, die die Familie über Jahre zu Unrecht beschuldigt haben, weigern sich jetzt, offenkundige NSU-Unterstützer zu vernehmen.“

Von Beginn an hatte Yavuz Narin den NSU als Neonazi-Netzwerk gesehen, die Bundesanwaltschaft aber als abgeschottetes Trio. Auch daran scheitere die umfassende Aufklärung, die Kanzlerin Angela Merkel nach Auffliegen des NSU versprochen hätte: Die Helfer und Helfers-Helfer zur Verantwortung zu ziehen.

Hunderte Münchner gedenken Mordopfer Boulgarides

Beate Zschäpe spiele für die Familie Boulgarides wie auch für den NSU-Prozess „nur eine untergeordnete Rolle“, sagt Yarin. „Gerade, weil sie nicht die einzige Täterin war. Sie ist nur die einzig greifbare.“ Mit einem Urteil rechnet er nach der Sommerpause des Prozesses, spätestens im September. „Wir sind mit der Beweisaufnahme schon lange weitestgehend durch.“ Verzögert hätten vor allem die Verteidiger das Verfahren: etwa durch Befangenheitsanträge. „Im Fall des Angeklagten Wohlleben etwa deshalb, weil am 4. Juni seine Vorstrafen getilgt werden.“ Um Beate Zschäpe war zuletzt ein Gutachter-Streit entbrannt. Voller Hoffnung sei die Familie Boulgarides trotzdem: „Sie wünschen sich Gerechtigkeit.“

Yavuz Narin

Die blutige Spur der Terrorgruppe NSU

„So viel rechtes Gedankengut“

Erschossen – im eigenen Laden. So starb Gemüsehändler Habil Kilic am 29. August 2001 in der Bad Schachener Straße (Ramersdorf). Barbara Kaniuka vertritt seine Familie, als eine der wenigen Anwälte im NSU-Prozess war sie bei jedem Verhandlungstag anwesend. „Ich hatte mit zwei bis zweieinhalb Jahren gerechnet“, sagt sie. Doch der Prozess zieht sich – zum Leid der Angehörigen. „Wenn ich zurückblicke, was in den vergangenen Wochen passiert ist: Das ist auch gar nicht so richtig greifbar. An einigen wenigen Terminen wurden Sachverständige gehört, ansonsten dümpelt es vor sich hin – mit Beweisanträgen, Beschlüssen, Befangenheitsanträgen.“ Und immer wieder vielen Unterbrechungen!

Die Taten an sich sind aufgeklärt, glaubt Kaniuka. Aber die Anwältin hätte sich gewünscht, dass „dem einen oder anderen Beweisantrag nachgegangen worden wäre“ – etwa in Bezug auf die Vernichtung von Geheimdienstakten oder Vorgänge mit V-Leuten.

Ihr Fazit nach vier Jahren Prozess? „Es gab sehr belastende Tage. Die Auftritte der Angehörigen der Opfer haben mich mitgenommen.“ Und: „Ich habe in diesem Verfahren gelernt, wie viel rechtsradikales Gedankengut es in diesem Land noch gibt. Das war mir in diesem Ausmaß nicht klar gewesen.“ Zugesetzt haben der Anwältin vor allem die Vernehmungen von Zeugen aus der rechten Szene: Sie hatten sich „mit einer Dreistigkeit auf Gedächtnislücken berufen haben, die an die Grenze der Aussage-Verweigerung ging.“ Als unerträglich empfand Kaniuka einige „menschenverachtende Äußerungen“ und das Bekennervideo. Sie sagt: „Der Prozess hat bei mir Spuren hinterlassen.“

Barbara Kaniuka

NSU-Mord: So qualvoll starb der Gemüsehändler

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