tz zu Besuch bei der Tiertafel

Vierbeiner in München: Ein Herz für Tiere in Not

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Josefine N. (44) lebt von Hartz IV. Sie holt sich bei der Tiertafel regelmäßig Futter für ihre Hündin Sissi ab.

München - 2013 waren in München 32.640 Vierbeiner gemeldet. Was der Besitzer dem Hund bieten kann, ist in der Stadt der Gegensätze sehr unterschiedlich. Die tz hat die Tiertafel besucht und Hunde, die ein Luxusleben führen.

München ist auf den Hund gekommen: Im vergangenen Jahr waren 32.640 Vierbeiner bei der Stadt gemeldet, so viele wie noch nie. Klar: Jedes Frauchen oder Herrchen gibt seinem tierischen Freund Liebe. Was der Besitzer dem Hund darüber hinaus bieten kann, ist in der Stadt der Gegensätze aber sehr unterschiedlich. Die tz hat in der heutigen Folge die Tiertafel besucht und mit bedürftigen Hundehaltern gesprochen. Auf der anderen Seite erzählen zwei Hundebesitzer, wie sie ihre Tiere so richtig verwöhnen:

Ihre Mischlingshündin Sissi bedeutet Josefine N. (44) alles. Ihr Mann starb bei einem Verkehrsunfall, ihren Job hat sie wegen Krankheit verloren. „Sissi ist die treuste Seele“, sagt die Münchnerin und streichelt der Hündin über den Kopf. „Sie hält immer zu mir.“ Doch das Geld sitzt knapp: Die Münchnerin lebt von 400 Euro Hartz IV im Monat. Seit zwei Jahren kommt sie deshalb zur Tiertafel: „Ich weiß nicht, wie ich mich und Sissi sonst über die Runden bringen sollte.“

Vor dem alten Stellwerkhäuschen in der Implerstraße stehen die Menschen Schlange: Jeden zweiten Samstag gibt die Münchner Tiertafel hier über 1000 Kilo Tierfutter aus, rund 500 Münchner werden unterstützt. „Wir sorgen dafür, dass in Not geratene Tierhalter ihre vierbeinigen Freunde behalten können“, sagt Andrea de Mello, die Leiterin der Tiertafel. Unter den Bedürftigen sind vor allem Hartz-IV-Empfänger, Obdachlose und alte Menschen, deren kleine Rente für sie selbst kaum reicht. „München ist eine reiche Stadt – aber viele Menschen leben am Rande des Existenzminimums“, sagt Andrea de Mello. Gerade in einer solchen Situation ist das geliebte Haustier oft der einzige Lebensinhalt – es strukturiert den Tag, ist Ersatz für Familie und Freunde. „Dem Tier ist es egal, ob sein Herrchen krank oder arbeitslos ist“, sagt Andrea de Mello. Oft stellen die Tierhalter eigene Bedürfnisse zurück, damit es dem Tier gut geht: „Dann kriegt etwa beim Abendessen der Hund die Wurst, das Herrchen isst das trockene Brot.“

Tierärztin bietet regelmäßige Sprechstunde an

Die Tiertafel finanziert sich nur über Futter- und Geldspenden, zehn Münchner helfen ehrenamtlich im Team. Neben ihrem Vollzeitjob als Sekretärin arbeitet Andrea de Mello 25 Stunden die Woche für die Tiertafel. „Diese Hilfe ist einfach nötig. Und es kann so schnell gehen, dass man selbst auf andere angewiesen ist“, erklärt die Münchnerin. Wer zur Tiertafel kommt, muss einen Nachweis über seine Bedürftigkeit mitbringen, etwa den Renten- oder Hartz-IV-Bescheid. Auch eine Tierärztin bietet regelmäßig eine Sprechstunde an. Die Tiertafel hilft aber nur Tierhaltern, deren Tiere schon vor der Not in der Familie waren. „Eine Neuanschaffung in einer Situation, wo selbst dem Menschen kaum genug zum Leben bleibt, können wir nicht unterstützen“, erklärt Andrea de Mello.

Das ausgegebene Futter reicht jeweils für eine Woche – die restlichen sieben Tage bis zur nächsten Ausgabe müssen die Halter selbst überbrücken. „Wir wollen es den Tierhaltern leichter machen, aber die Verantwortung tragen sie selbst.“ Seit 2008 gibt es die Tiertafel in München. Das in die Jahre gekommene Stellwerkhäuschen ohne Strom und fließendes Wasser soll allerdings in den nächsten Jahren abgerissen werden. Die Verantwortlichen sind dringend auf der Suche nach einer neuen Bleibe: „Wir würden uns freuen, wenn uns jemand helfen kann.“

Die Tiertafel ist auf Spenden angewiesen: Tiertafel Deutschland e.V., Bank für Sozialwirtschaft, Konto-Nr.: 133 90 00, BLZ 100 205 00, Verwendungszweck: Spende München. Futterspenden­annahme jeden Donnerstag von 19 bis 20 Uhr in der Ausgabestelle, Implerstr. 1 (Eingang Kapellenweg). Auch ehrenamtliche Helfer werden gesucht (Kontakt: 0162/135 30 52).

Die kleine Rente reicht nicht für Hundefutter

Renate S. und ihre Hündin Kira.

Renate S. (73) hat bei der Tiertafel die Futterration für Hündin Kira (6) abgeholt. Geldsorgen treiben die Rentnerin regelmäßig zu Ausgabestelle in die Implerstraße: „Mir ging es mal sehr gut, finanzielle Nöte kannte ich nicht.“ Die gebürtige Münchnerin führte einst mit ihrem Mann eine Firma. Doch die Ehe scheiterte, der Mann begann zu trinken, das Unternehmen ging den Bach runter. Nach der Scheidung machte sich die gelernte Steuerfachgehilfin selbständig. Doch als sie in Rente ging, der Schock: Weil sie als Familienangehörige von ihrem Ehemann angestellt war, bekommt sie nur 457,60 Euro Rente. „Und das, obwohl ich mehr als 46 Jahre lang ins Sozialsystem eingezahlt habe.“ Sie ist auf die Futterspenden angewiesen. Ihren Hund wegzugeben, käme für die 73-Jährige niemals in Frage: „Ich lebe alleine, habe niemanden mehr. Kira bedeutet alles für mich.“

„Ohne die Tiertafel könnte ich mir meinen Sam nicht leisten“

Robert B. und sein Schäfermischling Sam.

Robert B. (38) lebt von Hartz IV: 375 Euro bekommt der Münchner jeden Monat. „Ohne die Tafel könnte ich mir meinen Sam nicht leisten.“ Der Schäfermischling (4) ist für ihn wie ein bester Freund. „Wie er sich freut, wenn ich heimkomme –das kann man sich nicht vorstellen.“ Dass es Menschen gibt, die für ihre Hunde Tausende von Euro ausgeben, kann er nicht nachvollziehen. „Die sollen lieber was an die Tiertafel spenden. Hier kommt es bei denen an, die es wirklich nötig haben“, sagt der 38-Jährige. „Dem Hund ist es doch egal, ob er im Luxus lebt – Hauptsache, man kümmert sich gut um ihn.“

Christina Meyer

Rudi darf ins Hundehotel

Carolin S. mit Windhund Rudi.

Auf geht’s in die tierischen Ferien! Windhund Rudi (Rasse: italienisches Windspiel) weiß, wo es für ihn hingeht, wenn Frauchen Carolin S. (43) die Koffer packt: ins Canis Resort in Freising, ein Hundehotel mit Luxus-Standard. Pro Nacht zahlt die Dessous-Boutique-Inhaberin 80 Euro.

Im Resort wohnt Rudi in einer gut 45 qm großen Dog Lodge. Zum Austoben wartet eine 350-qm-Spielwiese. Für das Wohl sorgen Hundesitter, Tierärzte und Physiotherapeuten. Carolin S. sagt: „Hier ist Rudi sehr gut versorgt.“

Der neueste Schrei im Canis Resort: Wellness-Behandlungen für den Hund wie Massagen, Akupressuren und Magnetfeldtherapie. 15 Minuten Physotherapie kosten 15 Euro. Wer sein Tier baden, föhnen und frisieren lassen will, zahlt ab 105 Euro.

Einen Haarschnitt hat der Münchner Hund Rudi mit seinem kurzen Fell nicht nötig. Und um die bei seiner Rasse nötige Zahnreingung und das Krallenschneiden kümmert sich sein Tierarzt. Viele Luxusgegenstände besitzt der kleine Windhund nicht. „Aber die Lammfelltasche, die ich für 300 Euro habe schneidern lassen, ist einfach praktisch, weil ich Rudi auch in die Arbeit mitnehme.“

Die Münchnerin findet, dass Rudi es verdient, verwöhnt zu werden: „Er ist ein toller Freund für meine drei Kinder. Außerdem hat er meinen Mann und mich dazu gebracht, jeden Abend gemeinsam spazieren zu gehen. Dadurch haben wir mehr Zeit für uns.“

nba

Hunde-Tasche für 680 €

Herrchen Florian S. mit seinen französischen Bulldoggen Chochou (3) und Roxy (1)

Wenn die französischen Bulldoggen Chochou (3) und Roxy (1) über die Maximilianstraße tippeln, sind sie ein beliebtes Fotomotiv für Touristen. Die Hunde führen gerne ihre Cashmere-Pullis, Lodenmäntel oder die glitzernden Swarovski-Halsbänder aus – und Herrchen Florian S. (60) ist sicher: „Die Hunde merken, wenn sie schön angezogen sind. Dann sind sie richtig stolz.“

Der frühere Golfsport-Händler Florian S. aus Haidhausen schaut bei seinen Lieblingen nicht aufs Geld. „Hunde haben einen besseren Charakter als Menschen. Sie halten mich körperlich fit, außerdem spüren sie sofort, wenn es mir nicht gut geht.“ Der Dia­betes-Patient ergänzt: „Wenn ich Unterzucker habe, riecht Chouchou das und weckt mich.“

Die passende Ausstattung kommt von Hounds Lane, der Luxus-Boutique für Hundebarf in der Maximilianstraße. Hier hat Florian S. bereits ein Hundebett mit Daunenpolsterung für 350 Euro gekauft, eine Tragetasche von Mary’s Nap mit Kunstfell für 680 Euro, 16 verschiedene Halsbänder ab je 100 Euro, eine Hunde-Daunenjacke für 155 Euro sowie einen Napf für 98 Euro.

Ein richtig schickes Objekt in der Boutique ist ein Hocker von einer Möbelfirma in Paris. „Da kann der Kunde Fotos seiner Hunde drauf drucken lassen“, erklärt Chefin Gabrielle Feldhahn. Kostenpunkt: 1200 Euro. Eines ihre exklusivsten Produkte ist ein rosa Himmel-Hundebett – für 2300 Euro.

nba

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