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Vierte Corona-Impfung sinnvoll? Münchner Top-Experte beantwortet die wichtigsten Fragen

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Von: Andreas Beez

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Leitet die Deutschland-Studie: Privatdozent Dr. Christoph Spinner
Leitet die Deutschland-Studie: Privatdozent Dr. Christoph Spinner. © Astrid Schmidhuber

Ist es Zeit für die vierte Corona-Impfung? Für viele ist die erste Booster-Impfung schon etwas her. Münchner Corona-Experte Prof. Christoph Spinner beantwortet die wichtigsten Fragen.

München – Auch wenn es so gut wie keine Corona-Beschränkungen mehr gibt: Das Virus wütet derzeit in Deutschland und vor allem in Bayern so heftig wie nie zuvor. Zuletzt steckten sich allein im Freistaat an manchen Tagen mehr als 30.000 Menschen an, bundesweit sogar mehr als 130.000. Zwischen Aschaffenburg und Garmisch lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei weit über 900, in München nur knapp darunter.

Vierte Corona-Impfung: Eskaliert die Corona-Lage im Herbst 2022?

Zwar verlaufen die allermeisten Infektionen milde, aber angesichts der Masse der Patienten steigt auch die Zahl der Corona-Patienten in den Kliniken wieder an. Verschärft wird das Problem vom chronischen Personalmangel in den Krankenhäusern. Viele Pflegekräfte und Ärzte sind derzeit entweder selbst an Covid-19 erkrankt oder haben aus Frust über die Dauerüberlastung während der Pandemie längst das Handtuch geworfen. Experten befürchten deshalb, dass die Corona-Lage spätestens im Herbst wieder eskalieren könnte.

Corona: Soll ich mich ein viertes Mal impfen lassen – und falls ja, wann?

Vor diesem Hintergrund fragen sich viele Menschen: Soll ich mich ein viertes Mal impfen lassen – und falls ja, wann? Macht der Pieks noch vor den Sommerferien Sinn, für wann muss ich einen Termin vereinbaren, wenn ich möglichst gut geschützt auf die Wiesn gehen möchte? Entscheidungshilfe leistet der Münchner Corona-Experte und Privatdozent Dr. Christoph Spinner. Der Infektiologe und Pandemiebeauftragte des Uniklinikums rechts der Isar brennende Fragen rund um die vierte Impfung gegen Covid-19.

Die allermeisten Infektionen verlaufen inzwischen milde. Bringt eine Impfung denn überhaupt noch was?

Corona-Experte und Privatdozent Dr. Christoph Spinner: Ja, denn die vollständige Impfung verhindert vor allem schwere Verläufe. Das bedeutet: Man ist im Vergleich zu Ungeimpften viel besser davor geschützt, ins Krankenhaus oder auf die Intensivstation zu kommen, geschweige denn zu sterben. Das gilt insbesondere für ältere, chronisch kranke und stark übergewichtige Menschen.

Geimpfte sind besser geschützt als Ungeimpfte: Lässt sich diese These wissenschaftlich belegen?

Spinner: Ja. Dazu gibt es inzwischen eine Vielzahl von Studien mit eindrucksvollen Ergebnissen: So sind dreifach im Vergleich zu doppelt Geimpften erheblich besser geschützt. Ihr ­Sterberisiko ist fast zehn Mal kleiner – unabhängig vom Alter.

Lohnt sich die vierte Impfung noch vor den Sommerferien?

Spinner: Sie lohnt sich fast immer, weil eine vierte Impfung das Sterberisiko durch Corona vor allem bei Älteren noch mal deutlich senkt – und zwar um das Dreieinhalbfache, wie Spezialisten in aktuellen Studien berechnet haben. Auch jüngere Menschen profitieren, denn der Booster senkt zumindest vorübergehend das Infektionsrisiko.

Wie lange vor der Wiesn sollte man sich impfen lassen?

Spinner: Den besten Schutz dürfte man etwa zwei bis vier Wochen nach einer Impfung aufgebaut haben.

Vierte Corona-Impfung: Für wen ist der Update vom Booster sinnvoll?

Wer kann die vierte Impfung bekommen?

Spinner: Derzeit wird eine vierte Impfung – auch zweiter Booster genannt – vor allem chronisch kranken und älteren Menschen empfohlen sowie Patienten mit Immunschwäche und deren nahen Kontaktpersonen wie etwa Pflegekräften. Bei der Altersgrenze sind sich Experten uneins: Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die vierte Impfung derzeit Menschen ab 70 Jahren, die EU-Behörden dagegen raten allen jenseits der 60 dazu.

Für welche Menschen ist die vierte Impfung besonders sinnvoll?

Spinner: Für chronische Kranke und Immungeschwächte, aber auch für Menschen in deren Umfeld – also zum Beispiel für Pflegekräfte und für medizinisches Personal. Vor allem bei den Risikogruppen lässt der Schutz schneller nach. Für diese oft älteren und chronisch kranken Menschen sind Auffrischungsimpfungen besonders sinnvoll.

Welche Impfstoffe stehen inzwischen zur Verfügung?

Spinner: Neben den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna gibt es mittlerweile auch Totimpfstoffe (Novavax). Die Vektorimpfstoffe (AstraZeneca, Johnson & Johnson) kommen hingegen nicht mehr zum Einsatz. In Kürze werden weitere, neuere Totimpfstoffe erwartet.

Wird immer noch eine Kreuzimpfung empfohlen (bei jeder Impfung ein anderer Impfstoff), um die Schutzwirkung zu erhöhen?

Spinner: Kreuzimpfungen kommen nur bei „immun-naiven“, also ungeimpften Personen, infrage. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie spielt die Kreuzimpfung daher kaum noch eine Rolle.

Wie viel Zeit sollte seit der letzten Impfung mindestens vergangen sein?

Spinner: Seit einer Infektion oder einer Impfung mindestens drei Monate – das gilt sowohl für die dritte als auch für die vierte Impfung.

Schützt die vierte Impfung auch vor den neuen Varianten BA.4 und BA.5?

Spinner: Alle zugelassenen Impfstoffe schützen auch vor den zirkulierenden neueren Omikron-Varianten, einschließlich BA.4 und BA.5.

Wieso dauert es eigentlich so lange, bis die Impfstoffe an neue Varianten angepasst werden? Schließlich erklärte der Hersteller Biontech bereits vor einem Jahr, dass dies binnen sechs Wochen möglich sei. Passiert ist bislang noch nichts.

Spinner: Es geht nicht nur um die technische Anpassung. Darüber hinaus müssen die Impfstoffhersteller neue Studiendaten sammeln und den Zulassungsbehörden vorlegen. Dies ist mittlerweile geschehen, die Unterlagen werden geprüft. Doch auch nach einer möglichen Zulassung müssen die Impfstoffe dann erst produziert, von den Behörden beschafft und zur Verfügung gestellt werden.

Ist es nicht sinnvoll, die neuen, an Varianten angepassten Impfstoffe abzuwarten?

Spinner: Nein. Menschen, denen eine dritte oder vierte Impfung empfohlen wird, sollten sich unverzüglich impfen lassen, weil die heute zugelassenen Impfstoffe schon sehr gut vor schwerem Covid-19-Verlauf schützen.

Impfung oder Infektion: Experte klärt über optimalen Schutz vor Corona auf

Spielt es für die vierte Impfung eine Rolle, ob man Corona bereits hatte – und falls ja, zu welchem Zeitpunkt?

Spinner: Stark vereinfacht ausgedrückt zählt jeder Kontakt, sei es Impfung oder Infektion, als Immunereignis. Für einen optimalen Schutz braucht man im Allgemeinen mindestens drei solcher Ereignisse.

Wie verträglich ist die vierte Impfung?

Spinner: Die meisten vertragen sie ähnlich wie die letzten Impfungen. Mit anderen, zusätzlichen Nebenwirkungen ist nicht zu rechnen.

Ab 1. Oktober gilt man erst ab der dritten Impfung als vollständig geimpft. Wie ist das dann bei Kindern?

Spinner: Kinder ab dem zwölften Lebensjahr sollen wie Erwachsene geimpft werden, Fünf- bis Elfjährige nur bei Vorerkrankungen dreimal. Das Risiko schwerer Covid-19-Verläufe ist bei Kindern deutlich niedriger als bei Erwachsenen.

Ist man nach einer überstandenen Infektion besser geschützt als nach einer Impfung?

Spinner: Nein, im Gegenteil! Die natürliche Immunität kann – je nach Schwere der Symptome – unterschiedlich stark ausfallen. Den größten Schutz scheint man zu haben, wenn man bereits an Corona erkrankt war und geimpft ist.

Wie lange hält der aufgefrischte Schutz durch die vierte Impfung voraussichtlich an?

Spinner: Schwer zu sagen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, unter anderem Vorerkrankungen, der Impfstoff und die Frage, ob sie bereits eine Corona-Infektion durchgemacht haben. Neue Studien zu dieser Frage laufen bereits.

Ist eine vierte Impfung auch dann empfehlenswert, wenn der Patient zuvor größere Impfreaktionen erlitten hat?

Spinner: In der Regel sind die Corona-Impfungen sehr gut verträglich. Man sollte bedenken: Bei einer Covid-19-Infektion fühlen sich die Betroffenen häufig einige Tage richtig krank. Insofern würde ich zu einer Impfung raten, außer es sprechen medizinische Gründe wie eine sehr seltene Allergie dagegen.

Nach den ersten drei Impfungen litten viele Menschen an Schüttelfrost und Gliederschmerzen: Müssen sie wieder mit solchen Beschwerden rechnen oder gewöhnt sich der Körper irgendwann an Corona-Impfungen?

Spinner: Tatsächlich gibt es einen gewissen Gewöhnungseffekt, sodass Impfreaktionen beim nächsten Mal in vielen Fällen etwas milder ausfallen dürften.

Intensivmediziner raten Risikogruppen zu einer fünften Impfung: Ist das sinnvoll?

Spinner: Die fünfte Impfung gegen Covid-19 ist bereits seit Monaten Immunschwachen empfohlen, also zum Beispiel Menschen mit Krebs unter Chemotherapie oder nach einer Organtransplantation.

Verträgt sich die vierte Impfung mit der Grippe-Impfung?

Spinner: Beide Impfstoffe sind gut verträglich und können sogar zusammen verabreicht werden. Ansonsten existieren keine spezifischen Empfehlungen mehr zum Abstand zwischen den Impfungen.

Diskussion um vierte Corona-Impfung

Gesundheitsminister Karl Lauterbach löste eine Debatte rund um die vierte Impfung aus. Im Spiegel-Interview sagte Lauterbach: „Wenn jemand den Sommer genießen und kein Risiko eingehen will, würde ich in Absprache mit dem Hausarzt auch Jüngeren die Impfung empfehlen.“ Daraufhin widersprach der Stiko-Chef Thomas Mertens.

Von der Coronavirus-Pandemie haben viele Menschen einfach genug, auch von den Impfungen. Müssen wir jetzt immer wieder geboostert werden?

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