Die 68er in München

Von den Schwabinger Krawallen... hin zur Revolte

Anfang Juni des Jahres 1962 präsentierte eine Jury des Münchner Verkehrsvereins stolz das Motto, mit dem München in Zukunft weltweit werben werde.

Aus 40 000 Vorschlägen hatte einer das Rennen gemacht: „München – Weltstadt mit Herz.“ Zwei Wochen später war es vorbei mit der Münchner Herzlichkeit. In Schwabing regierte der Knüppel.

Es begann an einem lauwarmen Donnerstagabend auf der Leopoldstraße. An jenem 21. Juni 1962 ging bei der Polizei eine telefonische Beschwerde eines Anwohners ein, der sich über die Musik auf der Straße geärgert hatte. Gegen 22.35 Uhr wurde ein Wagen der Funkstreife zum „Tatort“ an der Leopold-/Ecke Martiusstraße beordert.

Dort spielten fünf junge Münchner Freunde (alle unter 20) auf ihren Gitarren und sangen dazu russische Volkslieder. Die Namen der „Ruhestörer“: die Gymnasiasten Michael Erber und Klaus Olbrich, die Lehrlinge Wolfram Kunkel und Hans (Sitka) Wunderlich sowie der junge Schreiner Rüdiger Herzfeldt.

Die Polizisten erklärten den fünf Musikern, sie seien festgenommen und müssten sofort mit aufs Revier. Innerhalb von Minuten eskalierte die Lage: Zuhörer der Gitarrenspieler und hinzu kommende Passanten beschimpften die Polizei und versuchten, die Festnahme der Fünf zu verhindern. In der Süddeutschen Zeitung vom nächsten Tag hieß es: „Noch ehe sich die Polizeibeamten der drängenden Menge erwehren konnten, hatte jemand aus dem Hinterreifen des Funkstreifenwagens die Luft entweichen lassen.“

Die Nachricht von der Festnahme der Musiker verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Schwabing. Nach einer knappen halben Stunde waren bis zu 5000 Menschen auf der Leopoldstraße, blockierten den Verkehr und skandierten Losungen gegen die Polizei. Und die schlug zurück. Mit massivem Knüppeleinsatz und der gefürchteten Reiterstaffel wurden die Leopoldstraße geräumt und 41 Protestierer festgenommen.

Am nächsten Abend gingen die Proteste weiter. Wieder kamen mehrere tausend Menschen auf die Leopoldstraße und blockierten den Verkehr. Und wieder räumte die Polizei mit Knüppel und Festnahmen die Straße.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1962 kam es zum Höhepunkt der Auseinandersetzungen. Diesmal waren 10 000 Menschen auf die Leopoldstraße gekommen, um gegen Polizei und Knüppelgewalt zu demonstrieren. Und wieder wurde geräumt.

Bilanz: Dutzende von Festnahmen, 14 Schwerverletzte, einer davon, der Student Hans Georg Friz, schwebte nach einem Leberriss in Lebensgefahr.

Die Polizei war dazu übergegangen, nicht nur die blockierten Straßen frei zu räumen, sondern stürmte auch die anliegenden Cafés an der Leopoldstraße.

In der konservativen Münchner Presse wurde (allerdings vergeblich) darüber spekuliert, ob es möglicherweise „kommunistische Drahtzieher“ oder zumindest „organisierte Rädelsführer“ bei den Protesten gäbe. Ein Vorwurf, der, wie alle Untersuchungen ergaben, völlig unsinnig war. Besonders ereiferte sich das 8-Uhr-Blatt über die steigende Zahl von Frauen, die auf der Straße demonstrierten. Sie wurden als „kaum viertelschöne Bluejeans-Wurzen“, „drittrangige Jakobinerinen mit bis zum Bauchnabel offenen Blusen und spitzen schlägergeilen Schreien“ abqualifiziert.(Unser Buch-Tipp: Gerhard Fürmetz (Hg.), „Schwabinger Krawalle“, Klartext Verlag Essen, 22,90 Euro)Bis zum 26. Juni 1962 setzten sich die „Schwabinger Krawalle“, wie sie offiziell bezeichnet wurden, fort. Ein Wetterumschwung mit Regen und Niedrigtemperaturen trug maßgeblich zum vorläufigen Ende der Unruhen bei. Nach vorsichtigen Schätzungen hatten sich in den fünf heißen Schwabinger Nächten knapp 30 000 Menschen als aktive Protestierer oder auch nur als Zuschauer beteiligt. Ihnen stand ein Polizeiaufgebot von rund 1000 Ordnungshütern gegenüber.

Insgesamt hatte die Polizei 248 Personen festgenommen, von denen 54 zu Geldstrafen und Gefängnis bis zu 13 Monaten ohne Bewährung verurteilt wurden. Strafbar war in einem dokumentierten Fall sogar das Tanzen von Twist (einem damals angesagten offenen Tanz zur Musik von Chubby Checker) auf der Leopoldstraße – ein 18-jähriges Pärchen bekam vom Münchner Jugendschöffengericht eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten Haft aufgebrummt.

Wesentlich milder ging die Justiz mit den wegen Misshandlung und Gewalttätigkeit angezeigten Polizisten um: Von 143 angezeigten Ordnungshütern wurden vier rechtskräftig zu Geldstrafen verurteilt. Unter den Festgenommenen der Schwabinger Krawalle war übrigens auch ein damals 19-jähriger Münchner Schüler, der später als Top-Terrorist der „Rote Armee Fraktion“ in die Schlagzeilen kommen sollte: Andreas Baader. Er war am 26. Juni 1962 um kurz nach Mitternacht in der Ainmillerstraße festgenommen worden.

Die grundsätzliche Frage, ob es einen direkten Weg von den „Schwabinger Krawallen“ zur 68er-Revolte gibt, muss wohl verneint werden. Oder wie es der Münchner APO-Veteran Heinz Koderer (68), der auch an den „Schwabinger Krawallen“ beteiligt war, ausdrückt: „Es gab damals keine politischen Forderungen. Es war ein spontanes Aufbegehren gegen die alte Ordnungsmacht, die man nicht mehr akzeptierte.“

Rudolf Schröck

München '68 - Traumstadt in Bewegung

Im Februar 1967 zogen Studenten der beiden Münchner Universitäten zusammen mit der Gewerkschaftsjugend durch die Innenstadt, um gegen die geplante Erhöhung der Straßenbahntarife um 20 bis 25 Prozent zu protestieren.

Bald mehrten sich organisierte, aber auch „wilde“ Demos, Umzüge, Sprechchöre, Sit-ins vor dem US-Konsulat, die nun nicht mehr das „Trambahn-Zehnerl“ verdammten, sondern den eskalierenden Vietnam-Krieg.

Auch auf der Bühne wurden neue Töne laut. In der Müllerstraße eröffnete das „action-theater“, dessen Regisseur Rainer Werner Fassbinder hieß. Der junge Martin Sperr spielte im Werkraumtheater einen bösen Strichjungen, nachdem in den letzten 15 Monaten in München fünf Homosexuelle vermutlich von asozialen Jugendlichen ermordet worden waren. Und auf der „Lesebühne“ wurde das erste Anti-Vietnam-Musical aufgeführt.

Auch in der Kunstszene erschienen junge „Provos“, die mit roter Tinte und roter Grütze gegen Autoritäten anrannten. In der Jahresschau im Haus der Kunst griffen radikale Realisten wie der 26-jährige Uwe Lausen das alte Motiv von Macht und Menschenschinderei auf.

Am 1. Juni 1967 kam es nach dem Gala-Abend für Schah Resa Pahlawi von Persien und Gemahlin Farah Diba zu einem Krawall vor der Oper. Der im Frack gekleidete Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber packte einen neugierigen Statisten, den er für einen Rädelsführer hielt, am Hals und überließ ihn Zivilbeamten zu etwas härterer Behandlung.

Später verhalf er ihm zu einem Job, doch der junge Mann kam zusammen mit 15 Kommilitonen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes vor Gericht.

Einen Tag später flog das persische Kaiserpaar von München nach Berlin, wo es mit lautstarken Protesten und „Mörder“-Rufen empfangen wurde. Im Zuge der Demonstrationen wurde am Abend der Romanistik-Student Benno Ohnesorg von Polizeihauptwachtmeister Karl-Heinz Kurras erschossen (der später freigesprochen wurde).

Im Juli löste sich der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) von der Partei, in der es „keine echte Sozialdemokratie mehr gebe“, und driftete ins linke Lager, wo die neuen Bundesgenossen vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und dem Liberalen Studentenbund (LSD) mit offenen Armen aufgenommen wurden. Die Revolte war in München angekommen und hatte sich organisiert – sie nannte sich jetzt „Außerparlamentarische Opposition“, kurz APO.

Karl Stankiewitz

Quelle: tz

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