Eine Familie erzählt - Infotag in Schwabing

Vorsicht vor Brandverletzung: Tee-Drama um Klein-Ella

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Erst wird ihr Teddy untersucht, dann Ellas Arm: Mama Melanie Scheibel und Dr. Carsten Krohn freuen sich über den guten Heilungsverlauf.

München - Es passierte schnell. Zu schnell. Melanie Scheibel ließ ihre Tochter Sekunden aus den Augen, sie verbrennt sich Arm und Schulter. Experten in Schwabing helfen.

Es geht so verflucht schnell – gerade im Alltagsstress: Nur zwei, drei Sekunden hat Melanie Scheibel (31) ihre damals anderthalbjährige Tochter aus den Augen gelassen. „Um den Wasserkocher wegzustellen“, erzählt die Mama aus Unterschleißheim der tz. Doch dieser flüchtige Moment ist leider lang genug, um den Albtraum aller Eltern heraufzubeschwören: Irgendwie bekommt die kleine Ella das Schnürl eines Teebeutels zu fassen und zieht daran. Das Babyflascherl kippt um, die heiße Flüssigkeit läuft über ihre Schulter und ihren Arm.

Es sind gerade mal 150 Milliter, umgerechnet nur siebeneinhalb Schnaps-Stamperl – aber genug, um Ellas Haut schwer zu schädigen. Kein Einzefall: „Schon eine Tasse heißer Tee kann ausreichen, um 10 bis 20 Prozent der Körperoberfläche eines Kleinkinds zu verbrühen“, warnt Dr. Carsten Krohn. Der Leiter des Zentrums für Verbrennungsmedizin in der Schwabinger Kinderklinik und seine Kollegen behandeln jährlich etwa 100 schwer verletzte Mädchen und Buben stationär. Sie werden aus ganz Bayern, Baden-Württemberg und auch aus Österreich eingeliefert – oft begleitet von ihren verzweifelten Eltern, gequält von Sorge und Schuldgefühlen. „Aber Fehler passieren nun mal. Und leider denkt man oft erst dann über Gefahrenquellen nach, wenn der Unfall bereits passiert ist“, weiß Dr. Krohn. Um Eltern und Großeltern darauf aufmerksam zu machen, veranstaltet das Schwabinger Ärzteteam in Kooperation mit der Berufsfeuerwehr heute einen Aktionstag. Zwischen 9 und 16 Uhr gibt’s praktische Tipps, wie man Brandverletzungen vorbeugen kann und was im Notfall zu tun ist.

Aufklärung ist sehr wichtig

Wie wichtig Aufklärung ist, untermauert die Statistik: Bundesweit müssen etwa 30.000 Kinder und Jugendliche nach Unfällen mit heißen Flüssigkeiten oder Flammen zum Arzt; jedes fünfte Opfer verletzt sich so stark, dass es stationär im Krankenhaus landet. Auch Ella ist sofort in die Klinik gebracht worden – mit dem Rettungshubschrauber. Ihre Eltern hatten versucht, die verbrühten Körperstellen mit feuchten Handtüchern zu kühlen, und den Notarzt alarmiert. „Ihr ganzer Arm war voller Blasen, Haut löste sich ab. Ella hat furchtbar geweint und sich erst wieder beruhigt, nachdem sie starke Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen hat“, erinnert sich Papa Sebastian Stange (45).

Als der Unfall geschah, war der BMW-Manager mit seiner Familie gerade in Füssen, der Notarzt kam aus der österreichischen Nachbarstadt Reutte in Tirol. Aus organisatorischen Gründen flog er Ella in die Innsbrucker Uniklinik. Ihre Mama saß hochschwanger mit in der Maschine. Derweil raste der Papa mit dem Auto hinterher. Während der Fahrt bekam er auch noch die Nachricht, dass sich bei seiner Frau Wehen ankündigen – sechs Wochen vor dem Geburtstermin von Ellas Brüderchen Paul. 

Das Töchterchen mit Brandverletzungen in der Klinik, die Frau möglicherweise vor einer Frühgeburt – man kann den emotionalen Stress des Vaters nachfühlen. „Das war keine sonderlich entspannte Autofahrt“, erinnert sich Sebastian Stange. Und Dr. Krohn bringt’s auf den Punkt: „Ich bin immer froh, wenn den Eltern unserer kleinen Patienten auf der Fahrt in die Klinik nicht auch noch etwas passiert. Deshalb gilt: Wenn es irgendwie geht, Ruhe bewahren!“

Schwierige Hauttransplantation

Zum Glück haben sich bei Mama Melanie Scheibel die Wehen vorerst wieder gegeben, und auch der kleinen Ella ging es nach anfänglichen Behandlungsschwierigkeiten in Innsbruck bald besser. Zwei Wochen nach dem Unfall ließen die Eltern ihre Tochter in die Schwabinger Kinderklinik verlegen: „Zu Dr. Krohn und seinem Team haben wir mehr Vertrauen.“ Der erfahrene Verbrennungsmediziner nahm u. a. eine Hauttransplantation vor. Mit einer Art feinem Spezialhobel trug er an Ellas Hinterkopf die oberste Hautschicht ab. „Sie ist nur 0,2 Millimeter dünn und wächst wieder nach“, erläutert Dr. Krohn. Die gewonnene Haut wurde an Ellas Schulter und Arm verpflanzt.

Die süße Maus hat gute Heilungschancen – auch deshalb, weil sie in einem spezialisierten Zentrum behandelt wird. Hier wird das Know-How vieler Experten gebündelt. „Wenn mehr als zehn Prozent der Körperoberfläche betroffen sind, sollte das Kind unbedingt in ein auf Brandverletzungen spezialisiertes Krankenhaus gebracht werden“, rät Paulinchen, eine unabhängige Initiative für brandverletzte Kinder.

Der Schwabinger Experte Dr. Krohn verweist darauf, dass nach Verbrennungen oft monatelange, manchmal sogar mehrjährige Nachbehandlungen nötig sind. „Geduld ist ganz, ganz wichtig. Übrigens nicht nur aus körperlicher Sicht. Denn Verbrennungen sind oft noch lange nicht ausgeheilt, wenn die Haut wieder verschlossen ist. Die Wunden können sich auch tief in die Seele eingraben – sowohl bei den Kindern als auch bei ihren Eltern.“

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