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„Wacht auf! Die Alten sind nicht mehr die Alten“

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Marianne Koch fordert ein Umdenken.
Marianne Koch fordert ein Umdenken. © Sigi Jantz

Zweifelsohne ist Dr. Marianne Koch ein Phänomen. Zum einen schon mal, weil es in ganz Bayern wohl nur wenige Persönlichkeiten gibt, die so beliebt sind wie die einst weltberühmte Schauspielerin.

Das mag an der herzlichen Freundlichkeit der gebürtigen Münchnerin liegen. Doch das ist nicht alles: Was viele Menschen auch an der 76-jährigen Medizinerin schätzen, ist ihre Kompetenz. Wenn es um Themen wie Gesundheit, Ernährung oder Alter geht, ist Marianne Koch anerkannte Expertin. Ihre Bücher wie Körperintelligenz oder Die Gesundheit unserer Kinder sind Renner, wie auch die Hörfunk- und TV-Sendungen der Wahl-Tutzingerin. Die tz sprach mit Marianne Koch – über das Bild der Alten in unserer Gesellschaft, über bewusstes Leben und würdevolles Altern:

Frau Dr. Koch, macht Ihnen die Altersentwicklung in unserem Land Sorgen? Schon in gut 20 Jahren ist jeder Dritte über 60 …Marianne Koch: Meine Sorgen beziehen sich nur auf die Renten, die dadurch viel länger gezahlt werden müssen und für die sich die Politik Lösungen einfallen lassen muss. Sonst aber sehe ich diese Entwicklung nur positiv. Es ist ja nicht so, dass die Menschen länger gebrechlich sein werden, sondern dass sie eine längere Zeit vor sich haben, die sie mit etwas Glück körperlich und geistig fit, voll Vitalität und Lebenslust verbringen können. Und als nützliche Bürger der Gesellschaft.

Der Begriff des „alten Menschen“ ist in unserer Gesellschaft aber oft negativ belegt.Weil wir immer noch Tag für Tag durch Medien und Werbung eingehämmert bekommen, dass nur wer jung – und möglichst auch schön – ist, ein Recht auf Erfolg und Liebe hat. Eine völlig idiotische Einstellung, die es in anderen Kulturkreisen nicht gibt, die aber zu einer brutalen Diskriminierung und Verunsicherung älterer Leute geführt hat.

In Ihrem Buch Körperintelligenz sagen Sie: „Hey, wacht auf. Die Alten sind nicht mehr die Alten!“ Was meinen Sie genau damit?Ein 60-Jähriger steht heute meist noch fit und tatkräftig mitten im Leben und kann, gerade im Team mit Jüngeren, wertvolle Arbeit leisten. Und eine 75-Jährige muss keineswegs gebrechlich sein, sondern kann wahrscheinlich Auto fahren, reisen, hübsche Kleider tragen und das Leben genießen. In vielen Köpfen spukt aber noch die Vorstellung, ältere Menschen seien zahnlose, kraftlose, resignierte Wesen, Gruftis und Kompostis eben.

In Ihren medizinischen Ratgebern beschreiben Sie unter anderem den Weg des gesunden Lebens. Kann man so Altern abwenden?Das Altern ist im Bauplan eines jeden Lebewesens enthalten. Allerdings sind wir nicht Sklaven unserer Gene. Wir können vorzeitigem Altern und vielen typischen Erkrankungen entgegensteuern. Wenn ich das Risiko Diabetes von meinen Eltern geerbt habe, dann kann ich durch Vermeidung von Übergewicht und durch viel Bewegung diesem Risiko entgegenwirken. Manche Krankheiten sind schicksalhaft. Aber beispielsweise hoher Blutdruck mit seinen Folgen für Herz und Gehirn, Osteoporose, Arthrose, alles Krankheiten, die die Lebensqualität im Alter massiv einschränken, kann man durch entsprechend kluges Verhalten, richtige Ernährung und körperliche Fitness vorbeugen.

Viele ältere Menschen leiden unter Einsamkeit.In der Tat ist Einsamkeit der größte Feind alter Menschen. Leider ziehen sich viele von ihnen nach persönlichen Verlusten völlig aus dem sozialen Umfeld zurück. Einsam kann ich aber nicht sprechen. Einsam kann ich nicht mehr richtig denken. Die Gedanken, die mir bleiben, haben keine Resonanz, drehen sich nur noch im Kreis. Bei vielen münden sie schließlich in eine Depression, die häufigste und traurigste Folge der Einsamkeit. Es ist deshalb unendlich wichtig, dass Ältere ein stabiles soziales Netz um sich aufbauen.

Jeder, der Sie kennt, der Sie sieht, denkt: Wie bleibt diese Frau nur so agil, so fit und schön? Gibt’s da ein Geheimnis?Ach, ich bin keine Ausnahme und ich habe kein „Rezept“. Ich freue mich darüber, dass ich seit dem Verkauf meiner Praxis als Medizinjournalistin arbeiten kann, dass ich mich für das „Gesundheitsgespräch“ im Bayerischen Rundfunk jede Woche mit einem neuen medizinischen Thema intensiv beschäftigen muss, und dass ich mir bis jetzt eine gewisse körperliche und geistige Beweglichkeit erhalten konnte. Natürlich ernähre ich mich gesund, gehe täglich mit meinen beiden Hunden Charlie und Sally eine Stunde spazieren.

Ein großes Thema ist die Krankheit Alzheimer. Immer mehr Menschen leiden unter dieser Form von Demenz. Wird es bald eine Heilung geben?Es gab vielversprechende Behandlungskonzepte, zum Beispiel eine Impfung, die im Tierversuch erstaunliche Ergebnisse gebracht hat. Leider waren bei der Anwendung am Menschen nicht akzeptable Nebenwirkungen aufgetreten. Dennoch hoffen wir Ärzte alle, dass dieser Weg der richtige war und ist und dass es in absehbarer Zeit möglich sein wird, die Krankheit zu heilen.

Was bedeutet für Sie der Satz: In Würde altern?Würde im Alter hat vor allem mit der gesellschaftlichen Situation alter Menschen zu tun, also mit Dingen, die uns alle angehen: Ausreichende finanzielle Absicherung, öffentlich geförderte Möglichkeit, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung zu bleiben, Achtung vor Pflegebedürftigen und Wahrung ihrer Rechte auch in Pflegeheimen. Außerdem sollten wir endlich aufhören, Ältere in ihrem Äußeren mit den 25-Jährigen zu vergleichen. Es macht meines Erachtens keinen Sinn, den Po zu raffen und Gesicht und Busen hochzuzurren, also die äußere Hülle glattziehen zu lassen, statt den ganzen Menschen in Schwung zu halten. Auch das hat mit Würde zu tun.

Quelle: tz

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