Jedes zweite Haus hat Mängel

Die Wahrheit über unsere Pflegeheime

München - Missstände in der Pflege! In den vergangenen Wochen gab es in München gleich mehrere Vorfälle mit Todesfolge. Zahlen der Heimaufsicht zeigen nun: Jedes zweite Haus hat Mängel.

Ein 77-jähriger Heimbewohner stirbt nach einer Dekubitus-Operation, eine Seniorin (78) bekommt die falschen Medikamente verabreicht – wenig später ist auch sie tot. Missstände in der Pflege! In den vergangenen Tagen berichtete die tz über mehrere Vorfälle in Einrichtungen in und um München. So mancher stellt da die Frage: „Was macht eigentlich die Heimaufsicht? Warum sind die nicht rechtzeitig eingeschritten?“

Fakt ist: In keiner anderen Großstadt Deutschlands werden Pflegeheime so intensiv und so häufig kontrolliert wie in München – wie auch die neuesten Zahlen zeigen. „Dass wir aber alle Heime immer im Griff haben, das ist illusionär“, gibt Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle gegenüber der tz zu. Zehn Mitarbeiter sind in seiner Heimaufsicht tätig – die Hälfte davon sind Pflegefachkräfte.

Geriet 2014 immer wieder in die Schlagzeilen: das St.-Josef-Heim

Der tz liegen die aktuellen Prüfungszahlen für 2014 vor: Genau 110 unangemeldete Kontrollen nahmen die Experten im vergangenen Jahr in den 60 Altenhilfeeinrichtungen in München vor (zum Vergleich: Auch 2013 waren es gut 100 Nachschauen). Manches Haus wurde nur einmal überprüft (wie gesetzlich vorgeschrieben), manche – wie beispielsweise das St.-Josef-Heim der Münchenstift am Luise-Kiesselbach-Platz – mehrfach. Dort waren vor einem Jahr Missstände sogar per Videokamera dokumentiert und im Fernsehen ausgestrahlt worden.

KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle: „Vieles hat sich verbessert“

Was die Zahlen der Heimaufsicht zeigen: Bei jeder zweiten Kontrolle wurden Mängel in den Einrichtungen festgestellt – exakt 54 Mal. 56 der 110 Prüfungen waren dagegen ohne Ergebnis. Was kritisiert wurde? Teils gab es Hygieneprobleme, teils Lücken bei der Grundpflege. Hauptproblem ist aber „fehlende Mobilisierung“, so der Fachausdruck. Das bedeutet: Vielerorts kümmert man sich zu wenig darum, dass sich Bewohner bewegen, auch mal ihr Bett verlassen. Eine Tatsache, die zwangsläufig mit dem zweiten Hauptproblem verbunden ist. „Was wir auch oft kritisieren müssen, ist die fehlende Prophylaxe von Dekubiti“, erklärt Sebastian Groth von der Heimaufsicht. Experten wissen: Die Versorgung von wunden Stellen bei Patienten ist zeitraubend und schwierig. Groth: „Da müssen sich manche Häuser schnell verbessern.“ Überprüft wurden bei den 110 Kontrollen 736 Bewohner – von 8400 Pflegebedürftigen, die in Münchner Häusern untergebracht sind.

In vier Fällen waren die Mängel so schwer, dass ein Aufnahmestopp für das jeweilige Pflegeheim beschlossen wurde. Bedeutet: Die Einrichtung darf keine neuen Senioren mehr aufnehmen. „Das tut denen sehr weh, weil somit natürlich keine Einnahmen mehr in das Haus fließen“, erklärt Groth. Wie berichtet, war eines der betroffenen Häuser eben das St.-Josef-Haus der Münchenstift.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: So ist die Zahl der fixierten Patienten in München drastisch gesunken. Nur noch 3,9 Prozent aller Heimbewohner wurden durch Bettgitter oder Gurte in ihrer Freiheit eingeschränkt. Vor vier Jahren waren es noch 20 Prozent, also jeder Fünfte! Wie sich diese Verbesserung erklärt? Wohl, weil die Heimaufsicht genau hier in den vergangenen Jahren ganz genau hinschaut. „Dieses Thema lag uns auch sehr am Herzen“, so Blume-Beyerle. „Wir sind froh, hier viel bewegt zu haben. Auch weil wir Heime in dieser Frage beraten.“

Armin Geier

Zahlen und Fakten

Die Zahl der alten Menschen steigt im Land. Ihre Versorgung wird auch für München in den kommenden Jahren eine große Herausforderung. Zahlen und Fakten:

- Nach einer Bertelsmann-Studie wird sich die Zahl der pflegebedürftigen alten Menschen im Landkreis München bis 2030 mehr als verdoppeln. Für das Stadtgebiet wären das dann rund 17 000 Menschen, die versorgt werden müssen.

- Vorbildlich! Die Münchner Heimaufsicht veröffentlicht ihre Prüfberichte und Ergebnisse im Internet (www.muenchen.de). Von den 60 Heimen in München haben sich damit 50 einverstanden erklärt. Damit zehn nicht!

- Gut 70 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause ambulant versorgt.

- Seit vier Jahren herrscht akuter Mangel an ausgebildeten Pflegekräften. Das liegt auch am Einkommen: Eine Altenpflegerin verdient rund 2300 Euro (ohne Zulagen) brutto im Monat.

- Das Risiko der Pflegebedürftigkeit liegt bei Menschen zwischen 60 und 80 Jahren bei 4,6 Prozent. Das Risiko steigt mit dem Alter erheblich: Bei den über 80-Jährigen liegt das Pflegerisiko bei 29,9 Prozent.

Rubriklistenbild: © dpa

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare