Der Waisenjunge, der zum ­Mörder ­wurde

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Ein Kinderfoto von Ujal. Heute ist er 21 Jahre alt und steht wegen Mordes vor Gericht.

München - Dr. Erna R. (71) rettete ihn aus einem Waisenhaus in Bangladesch und Ujal (21) hatte die Chance auf ein neues Leben. Er geriet aber auf die schiefe Bahn und tötete seine Adoptivmutter.

Der Hölle eines Waisenhauses im bitterarmen Bangladesch war Ujal (21) entkommen. Die Münchner Kinderärztin Dr. Erna R. hatte ihn und seine beiden Schwestern nach München geholt, hatte ihm alle Chancen gegeben, die er im Slum niemals gehabt hätte. Doch während seine Schwestern die Chancen genutzt haben, geriet er auf die schiefe Bahn. Am 7. August 2010 passierte das Unfassbare: Der Bub erstach seine 71-jährige Adoptivmutter mit einer Schere! Ab Dienstag muss sich Ujal R. wegen Mordes vor dem Landgericht verantworten.

Dr. Erna R. war viel in den ärmsten Ländern dieser Welt gewesen, um für Gottes Lohn kranken Kindern zu helfen. Als sie 1991 in einem Waisenhaus in Bangladesch die traurigen Augen der Geschwister Mary, Maya und Ujal sah, fasste sie einen folgenschweren Entschluss: Sie wollte die Kinder adoptieren und in ihr idyllisches Haus in der Neufriedenheimer Straße (Hadern) holen. Das KVR lehnte dies entschieden ab.

Zwei Jahre lang führte die engagierte Ärztin einen zähen Kampf mit der Ausländerbehörde. Sie zog vor den Petitionsausschuss des Landtags. Schließlich half ein Trick: Durch einen Umzug nach Norddeutschland bekam sie die ersehnten Papiere für die Kinder.

Während Mary und Maya den Sprung in ein eigenständiges Leben schafften, machte Ujal zunehmend Kummer. Er lungerte viel herum, brachte sein Leben nicht auf die Reihe. Der Polizei fiel er wegen Diebstahls und Sachbeschädigung auf. Eine Stelle als Kinderpflege-Praktikant trat er nur widerwillig an.

Was in dem jungen Mann in der Nacht zum 7. August 2010 vorging, können vermutlich auch psychiatrische Gutachter nicht erklären: Mit einer spitzen Schere in der Hand schlich er zu seiner schlafenden Adoptivmutter und stach damit 21 Mal auf die wehrlose Frau ein!

Erna R. bäumte sich noch einmal auf, um den heimtückischen Angriff abzuwehren. Aber sie hatte keine Chance mehr: Ein Stich zerfetzte ihre Lungenhauptschlagader.

Nach der Tat rief er die Polizei an: „Ich habe gerade meine Mutter getötet.“ Der Täter wurde wegen Mordes verhaftet. Aufgrund seiner psychischen Auffälligkeiten ersetzte das Gericht den Haftbefehl durch einen Unterbringungsbefehl. Doch auch im Bezirkskrankenhaus Haar tickte er aus, er verletzte einen Mitpatienten. Danach wurde er ins Bezirkskrankenhaus Straubing verlegt.

Im Prozess geht es um die endgültige Unterbringung Ujals in einem psychiatrischen Krankenhaus. Er stellt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft eine Gefahr für die Allgemeinheit dar.

Eberhard Unfried

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