Geburtsurkunde Amerikas entdeckt

Sensationsfund in der Münchner Uni-Bibliothek

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Das Foto zeigt die Waldseemüller-Karte, die in der Universitätsbibliothek München gefunden wurde. Zwei Forscherinnen entdeckten das bislang unbekannte Exemplar der berühmten Globuskarte in einem unscheinbaren Bibliothekseinband aus dem 19. Jahrhundert.

München - Sie gilt als Geburtsurkunde Amerikas und schlummerte jahrhundertelang unbemerkt in der Münchner Uni-Bibliothek: die Waldseemüller-Weltkarte!

Sie ist wertvoll und liefert der Wissenschaft eine zusätzliche Erkenntnis: Mitarbeiterinnen der Bibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität haben eine bislang unbekannte Variante der „Geburtsurkunde“ von Amerika entdeckt – durch einen Zufall!

„Wir machen jeden Tag Funde, aber nicht so einen. Es ist schon ein erhebendes Gefühl, etwas Neues entdeckt zu haben“, sagt Klaus-Rainer Brintzinger, Direktor der Universitätsbibliothek. Die Mitarbeiterinnen entdeckten die etwa DIN-A4-große Karte aus handgeschöpftem Papier, die aus zwölf surfbrett-förmigen Lamellen besteht, in einem unscheinbaren Bibliotheksband – bei der Korrektur von Katalogen, einer in Bibliotheken übliche Tätigkeit. „Sie könnte versehentlich reingerutscht sein“, sagt Brintzinger.

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Es handelt sich um eine so genannte Globus-Segment-Karte, die jenen des Kartographen Martin Waldseemüller ähnelt. Im Jahr 1507 hatten der Gelehrte und sein Kollege Matthias Ringmann die Landmasse im Westen als eigenständigen Kontinent karthographiert und erstmals Amerika genannt – wobei ihnen ein Irrtum unterlaufen ist: Sie hielten Amerigo Vespucci für den Entdecker des Kontinents und benannten ihn nach dem florentinischen Seefahrer.

Die Globus-Segment-Karte war nicht als Karte konzipiert, sondern sollten einem Bastelbogen ähnlich ausgeschnitten und zu einem Pappmaché-Globus von elf Zentimetern Durchmesser zusammengebaut werden. Pappmaché diente damals eigentlich der Herstellung von Krippenfiguren, wie Sven Kuttner, Leiter der Abteilung Altes Buch erklärt.

Kuttner verglich die Karte mit den digitalisierten Globus-Segment-Karten von Waldseemüller – und stellte fest: „Bis auf wenige Ausnahmen gleicht sie denen aufs Haar.“ Noch ist er sich bei der Datierung nicht hundertprozentig sicher, er geht aber anhand des Wasserzeichens der Karte – ein Kleeblatt und der Buchstabe P – davon aus, dass sie um 1518 in einer elsässischen Papiermühle entstand. Damit wäre sie gute zehn Jahre jünger als die Waldseemüller-Karten. Von den Erstdrucken unterscheidet sie sich unter anderem kartographisch: Die Stadt Calicut an der indischen Malabarküste zum Beispiel liegt im vierten Kartensegment und nicht im fünften. Und Madagaskar ist um 1518 kleiner als 1507.

Gerade diese Unterschiede machen den Fund für Brintzinger und Kuttner so interessant: „Anhand der Karte kann man feststellen, wie sich das Weltbild verändert hat. Wir sehen, welche neuen Erkenntnisse die Menschen damals hatten und wie rasch sie die gewonnen haben“, sagt Brintzinger.

Die Karte, die mit Ausnahme eines kleinen Wasserschadens perfekt erhalten ist, wird nun als besonders wertvoll eingestuft und kommt in einen speziellen Tresor. Am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, wird sie der Öffentlichkeit in digitalisierter Form zugänglich gemacht.

B. Stuhlweissenburg

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