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Mercedes rast in Kinderkrippe

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München - Waldtrudering ist am Dienstag haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt: Ein 80-Jähriger raste mit seinem Auto in eine Kinderkrippe.

Die elf Kinder der Gruppe „Karlsson vom Dach“ feierten gerade Weihnachten. Es war der letzte Tag vor den Ferien, es gab Plätzchen und die beiden Erzieherinnen sangen mit den Kleinkindern Weihnachtslieder. Plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm. Spielzeug, Glasscherben, ein Heizkörper fliegen durch die Luft und nur Zentimeter neben dem Tisch, an dem die Kinder sitzen, kommt ein grüner Mercedes zum Stehen. Die Erzieherinnen reagieren besonnen, bringen die Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren in die Zahnarztpraxis im ersten Stock des Hauses, alarmieren die Eltern. Erst dann begreifen sie langsam, wie knapp sie gerade einer Katastrophe entkommen sind.

Ein 80-jähriger Rentner war mit seinem Auto in die Fensterfront der Krippe „Dorotheas Däumling“ an der Waldtruderinger Straße gerast. Der Mann fährt um 9.15 Uhr auf der Waldtruderinger Straße stadtauswärts. Die Ampel an der Kreuzung zur Wasserburger Landstraße zeigt Rot, einige Autos warten bereits. Dann passiert der Fehler, der beinahe fatale Folgen gehabt hätte: Der 80-Jährige verwechselt das Gas- mit dem Bremspedal, reißt das Steuer nach links, um nicht auf die wartenden Autos aufzufahren und verliert die Kontrolle. Der Wagen schießt von der Fahrbahn, überfährt ein Tempo-30-Schild und rammt zwei zentnerschwere Begrenzungssteine zur Seite – dann kracht er in die Scheibe.

Der lange Heizungskörper hinter dem Fenster fliegt bis an die Rückwand des Gruppenraums, einer der Begrenzungssteine wird durch das Zimmer geschoben, überall liegen zerstörte Spielsachen und Möbel. Nur der Tisch und die Stühle, auf denen die Kinder und Erzieherinnen saßen, stehen wie durch ein Wunder unversehrt an ihrem Ort. Bis auf den Schock bleiben alle Beteiligten – auch der Fahrer – unverletzt.

Polizei, Feuerwehr und die ersten besorgten Eltern treffen ein. Ein Kriseninterventionsteam kümmert sich um die Väter und Mütter, die gar nicht daran denken wollen, was hätte passieren können.

„Wir hatten heute mindestens zwölf Schutzengel“, sagt Iryna Dimou, Betreiberin der Krippe, als sie vor den Trümmern steht. Erst im Juli 2008 hatte sie die Krippe mit zwei Gruppen eröffnet. „Das sah aus, wie man es nur aus amerikanischen Filmen kennt“, beschreibt sie die Szenerie nach dem Unfall. Eine Mutter sei nur zwei Minuten vor dem Unfall vor dem Fenster entlang gegangen, in das der Mercedes krachte, erzählt Dimou. „Die könnte jetzt tot sein“, sagt sie und zündet sich erst einmal eine Zigarette an. „Dass nichts passiert ist, ist unser größtes Weihnachtsgeschenk.“ Manche Eltern reagierten aber auch sehr gelassen auf den Unfall. „Einige haben als erstes gefragt, ob wir das schaffen, pünktlich am 7. Januar wieder zu öffnen“, berichtet Dimou.

Am Fahrer des Wagens lässt die Krippenbetreiberin kein gutes Haar. „In dem Alter muss man nicht mehr Auto fahren, da sollte man daheim sitzen und Tee trinken.“ Alkohol hatte der Fahrer jedenfalls nicht getrunken. Ein Test ergab 0,0 Promille. Auf die Polizisten machte er auch einen „körperlich und geistig gesunden Eindruck“. Der Rentner gab an, dass er mit dem Auto gerade unterwegs zu seinen Enkeln war – um die Weihnachtsgeschenke vorbeizubringen.

Philipp Vetter

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