Walküre: Buhsturm und "Ausziehen"-Rufe

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Klaus Florian Vogt (als Siegmund) und Anja Kampe (als Sieglinde) während der Orchesterhauptprobe

München - Zwei Akte lang ging alles glatt bei Andreas Kriegenburgs "Walküre"-Inszenierung. Doch im 3. Akt folgte ein Buhsturm samt "Ausziehen!"-Rufe.

Andreas Kriegenburgs Inszenierung mag manchen zu unspektakulär gewesen sein, aber gerade darin lag ja ihre Stärke: Seine Sicht auf die Walküre – und überhaupt auf den ganzen Ring, wie er angekündigt hat – funktioniert ohne krampfhaft aktuelle Bezüge, dafür sitzt die Personenregie. Wotans Verzweiflung, Siegmunds Zärtlichkeit zu Sieglinde, Frickas Mix aus Macht und Erotik, Hundings Bösartigkeit und Brünnhilds Wandel von der ungebrochenen Kraftmaid zur Frau voller Mitleid: All das sind starke Ausrufezeichen, selbst wenn sie leise gesetzt sind.

Doch dann, dritter Akt, Beginn: Alles wartet auf den Walkürenritt, stattdessen stampfen und stöhnen wilde Furien einen martialischen Kriegstanz. Minuten vergehen, der Tanz wiederholt sich gar – und bringt das Publikum in Rage: Die Reaktionen reichen von „Das ist doch kein Wagner!“ über „Ausziehen!“ bis zu einem höhnischen „Zugabe!“ nebst ironischem Gelächters. Beste Premierenstimmung eben. Ist ja auch was.

Wollte Kriegenburg Münchens Wagner-Kultstätte provozieren? Das sei ihm unbenommen, aber: Passte diese Einlage ins Konzept? Kriegenburgs Stärke ist doch gerade, dass er die Musik ernst nimmt, sich ganz auf sie einlassen kann. Und dann so ein Schnickschnack? Dieser Tanzstampf schmälert die Wirkung eines der grausamsten, „unmenschlichsten“ Stücke Musik der gesamten Geschichte. Und die anschließenden Peitschenhiebe in die Klänge? Ein genauso großes Ärgernis. Francis Ford Coppola mag nicht einen Bruchteil an Kriegenburgs Wissen über Wagners Ring haben, aber das hat er in Apocalypse Now! erkannt: Diese Musik ist nichts anderes als Krieg. Sie steht für sich.

Matthias Bieber

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