Wann sucht er sich sein nächstes Opfer?

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Das Phantombild – so beschrieb die Frau ihren Peiniger: Er ist 40 bis 45 Jahre alt, ca.1,75 Meter groß und spricht bairisch.

Am Morgen des 25. November 2006 spricht ein etwa 45-Jähriger Mann in Jeans und blauem Anorak in der Oberlandbahn von München nach Lenggries eine 67-Jährige, zierliche Wanderin an.

Er sucht Anschluss beim Wandern. Der Mann ist freundlich, in keiner Weise aufdringlich. Und doch hat die Frau plötzlich ein ganz schlechtes Gefühl. Sie erfindet eine Ausrede und steigt in Bad Tölz aus.

Die Münchner Wanderin Maria Fuchs (Name geändert) ist ebenfalls 67 Jahre alt, klein, zierlich – und allein. Sie trifft den selben Mann nur wenig später auf ihrer Wander-Tour am Brauneck von Obergries nach Längental. Sie denkt sich nichts bei dieser scheinbaren Zufallsbegegnung. Und durchlebt noch am selben Tag ein grauenvolles Martyrium. Halbnackt, geknebelt und gefesselt wird Maria Fuchs kurz vor Einbruch der Dunkelheit fast wahnsinnig vor Angst gerade noch rechtzeitig entdeckt.

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Als „Das Monster vom Brauneck“ machte dieser bis heute unbekannte Vergewaltiger und Sadist wochenlang Schlagzeilen. Europaweit halten Verbindungsleute des Bundeskriminalamts seitdem die Augen auf nach einem vergleichbaren Fall. Denn dass dieser Mann wieder etwas ähnlich Monströses tun wird – daran haben die Ermittler kaum einen Zweifel. Die Frage ist nur: Wann und wo?

Nachdem ihm das erste potenzielle Opfer in Bad Tölz durch die Lappen gegangen war, fuhr der Mann weiter nach Obergries und lungerte eine Weile am Bahnhof herum. Um 10.45 Uhr kam der nächste Zug, in dem Rentnerin Maria Fuchs aus Obergiesing saß und sich auf ihre Wanderung freute. Die sportliche Frau schritt zügig aus.

Schon am ersten Wegweiser spricht ein junger Mann sie an. Beide stellen fest, dass sie „zufällig“ den selben Weg haben, laufen jedoch jeder für sich meist in Sichtweite bergan. Maria Fuchs merkt nicht, dass das schon längst kein Zufall mehr ist. Eine Stunde lang läuft sie hinter dem Fremden her, der sich an ihrer Arglosigkeit zunehmend ergötzt. Maria Fuchs sieht auch nicht, wie er einen Wegweiser aus der Erde reißt und an der nächsten Weggabelung auf sie wartet: „Da geht‘s lang,“ sagt er sinngemäß und deutet hinauf ins Leitenberg-Gebiet – ein einsames Gelände, in dem er sich auszukennen scheint.

Oben auf einer Lichtung mitten im Wald verstellt er ihr plötzlich den Weg. Und er hat ein Messer: „Ich will Geld!“, sagt er. Schreien ist zwecklos. Kein Mensch kann sie hier oben hören. Maria Fuchs muss ihren Rucksack ablegen und sich ausziehen. Der Täter fesselt ihr die Hände mit Handschellen auf den Rücken und wickelt ihr ein breites, leuchtend rotes Industrie-Klebeband um Augen und Mund. Dann zerrt er sie in den Wald und vergewaltigt sie. Hinterher zerrt er sie noch tiefer ins Gehölz und kettet sie mit der Handschelle an eine Wurzel.

Ohne eine Chance auf Hilfe überlässt der potenzielle Mörder die Frau bei Temperaturen um den Nullpunkt halbnackt auf gut 1000 Meter Höhe ihrem Schicksal, Die nächste Nacht hätte Maria Fuchs nicht überlebt.

Doch ein unglaublicher Zufall rettet sie: Ein Jäger auf dem Weg zur Wildfütterung sieht durchs Fernglas einen roten Fleck im Unterholz und steigt auf. Als Maria Fuchs seine Schritte hört, gerät sie in Todesangst. Sie denkt, der Täter kommt zurück, um sie zu töten. Minutenlang redet der Jäger begütigend auf sie ein. Mit seinem Jagdmesser durchtrennt er die Wurzel und das Klebeband um Maria Fuchs’ Kopf. Sehr vorsichtig steigt er mit ihr ab, bis er endlich Handy-Empfang hat. Sein Notruf erreicht die Polizei um 16 Uhr.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Täter längst auf dem Weg nach München. Sein Ziel: Die Wohnung von Maria Fuchs in Obergiesing, zu der er nun den Schlüssel hat. Im Viertel scheint er sich gut auszukennen. Zielstrebig erreicht er die Wohnung und beginnt mit der Durchsuchung. Er findet 20 Euro, Schmuck, den Ehering des verstorbenen Mannes, eine (ungültige) EC-Karte. Fast nichts weist später auf seine Anwesenheit in der Wohnung hin – die Handschrift eines Einbruchs-Profis.

Gegen 17.45 Uhr verlässt er das Haus. Die erste Polizeistreife verpasst ihn um höchstens zehn Minuten. Wo der Täter die Nacht verbracht hat, ist bis heute unbekannt. Am nächsten Morgen versucht er, mit der EC-Karte an der Giesinger Post Geld abzuheben. Der Bankomat hat keine Kamera und er versucht es auch kein zweites Mal. Danach verliert sich seine Spur.

Maria Fuchs ist nur noch einmal in Polizeibegleitung in ihre mittlerweile aufgelöste Wohnung gegangen. Sie kann seit jenen schrecklichen Ereignissen nicht mehr allein leben. Sie wohnt jetzt bei ihrer Tochter in Norddeutschland und wird nie mehr nach München zurückkehren.

Eine Serie von Dorita Plange

9000 Spuren und bisher kein Treffer

Die Weilheimer SoKo Leitenberg hat bis zum heutigen Tage rund 9000 Spuren abgearbeitet, ist 600 Hinweisen nachgegangen und hat von 500 Sexualstraftätern im Raum München Speichelproben genommen. Ein Treffer war nicht dabei. Doch SoKo-Chef Bernd Putzer und sein Team werden nicht aufgeben. Denn: „Wir haben seine DNA-Spur. Das ist unser Riesen-Joker!“ Zudem fertigten Zeichner des Landeskriminalamtes ein Phantombild des Täters an. Die Redaktion der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY… ungelöst verfilmte den Fall. Die wichtigste Zeugin, die dem Täter in der Bahn 30 Minuten gegenüber saß und mit ihm sprach, wurde sogar unter Hypnose vernommen.

Zu den greifbaren Spuren gehören das Wurzelstück mit der Handschelle, das rote Klebeband und ein Vergleichsmodell des Eisenbahner-Rucksacks, den der Täter trug. Das Telefon der SoKo Leitenberg (0881/640-229) ist für Hinweise rund um die Uhr besetzt.

Das geschah am 25. November ‘06

Der 25. November 2006 war ein ungewöhnlich warmer Samstag – perfekt zum Wandern bei Temperaturen um die 16 Grad. Der Saisonstart in vielen Skigebieten wurde verschoben. Auch am Brauneck fiel kein einziges Flöckchen Schnee. Udo Jürgens gab abends in der Olympiahalle ein umjubeltes Konzert. Moderatorin Nina Ruge nahm Abschied von ihrer Sendung „Leute heute“. In London war der mit radioaktivem Pollonium ermordete, russische Ex-Agent Alexander Litwinenko gestorben. Und in Halle/Westfalen ging das Comeback des Boxers Axel Schulz gegen den Nobody Brian Minto komplett daneben.

Quelle: tz

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