Der verzweifelte Kampf einer Münchnerin

Ich warte seit einem Jahr auf eine neue Leber

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Mutter Rita (61) besucht Sabine (43) jeden Tag im Klinikum Großhadern

München - Sabine Stielfried (43) ringt seit einem Jahr mit dem Tod. Sie braucht dringend eine neue Leber. Aber: Sabine hat eine seltene Blutgruppe. Außerdem ist die Bereitschaft zur Organspende zuletzt gesunken.

Ohne das Krankenhaus kann sie nicht mehr leben. Sabine Stielfried (43) ringt seit einem Jahr mit dem Tod – ihre Leber ist von Abszessen zerfressen. Die Münchnerin braucht dringend ein neues Organ. Aber: Sabine hat eine seltene Blutgruppe. Außerdem ist die Bereitschaft zur Organspende zuletzt gesunken – eine Folge des Skandals, bei dem Mediziner Patientendaten manipuliert hatten. So sollten ihre eigenen Patienten schneller an eine Spenderleber gelangen. Menschen wie Sabine Stielfried sind deswegen jetzt in einer verzweifelten Lage.

Der Horror: Er beginnt im Juli 2012. Sabine kommt damals mit starken Magenschmerzen ins Klinikum Großhadern. Diagnose: Verstopfung der Gallengänge. Keime wandern in die Leber ab, Abszesse streuen. Die Ärzte machen Sabine wenig Hoffnung: „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.“

Heute geht es Sabine den Umständen entsprechend. Gerade hat sie eine Lungenentzündung überstanden – Wasser im Bauch und tiefe Augenringe erzählen von Sabines Todeskampf. Früher wog sie 62 Kilo, heute sind es kaum 45. Hunger hat Sabine schon lang nicht mehr. „Ab und zu darf ich zwei Tage nach Hause. Dann werden die Schmerzen aber zu heftig und ich muss wieder in die Klinik.“ Intravenöses Antibiotikum und Morphium-Pflaster sind mittlerweile Sabines treue Begleiter durch den Alltag. „Das Antibiotikum verhindert, dass sich die Abszesse weiter ausbreiten – zurückbilden werden sie sich aber nie mehr.“ Die Leber ist zerstört: Sabine braucht eine Spende! Bald.

Unglaublich: Sabine hat vor gut neun Jahren schon einmal eine neue Leber bekommen. Eine Familienkrankheit hatte die Spende nötig gemacht. Jetzt bangt sie wieder um ihr Leben: „Ich mache niemandem Vorwürfe. Aber: Ein Jahr Wartezeit – das ist schon sehr lang. Manchmal frage ich mich, wie lange ich das noch schaffe.“ Kraft geben ihr die Besuche ihrer Mutter Rita (61) und ihres Sohnes Hakan (18), der den Haushalt allein schmeißt und nebenbei eine Ausbildung zum Bäckerei-Fachverkäufer macht.

Mittlerweile stehe Sabine oben auf der Warteliste, erzählt ihre Mutter. Aber: „Die seltene Blutgruppe A macht die Sache kompliziert.“

Sabine trägt über ihrem ausgezehrten Körper ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Love, Peace, Harmony“ (Liebe, Frieden, Harmonie). Man wünscht ihr vor allem eines: Hope. Hoffnung.

Tobias Scharnagl

 

„30 Prozent weniger Spender“

tz-Interview mit Dr. Thomas Breidenbach, Geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Region Bayern

Herr Dr. Breidenbach, der Organspende-Skandal hat für viel Misstrauen gesorgt. Welche Auswirkungen zeigen sich heute?

Breidenbach: Es sterben mehr Patienten! Bundesweit sind die Spenden um 15 Prozent zurückgegangen. In Bayern sind es sogar 30 Prozent. Zum Vergleich: Zwischen Januar und Juli 2012 haben 101 Menschen in Bayern ihre Organe gespendet. 2013 sind es im selben Zeitraum nur 71.

Wie kann man das Vertrauen der Bevölkerung stärken?

Breidenbach: Nur durch absolute Transparenz und vollständige Aufklärung der Bevölkerung. Die Politik hat hier bereits Maßnahmen ergriffen. So werden die Transplantations-Zentren nun durch eine unabhängige Komission geprüft – immer wieder auch unangekündigt. Dazu wurde das Sechs-Augen-Prinzip verpflichtend eingeführt: Entscheidungen müssen immer von mehreren Ärzten getroffen werden. Auch das Bundesgesundheitsministerium muss heute die Richtlinien der Ärtzekammer kontrollieren. Außerdem stehen Manipulationen jetzt unter Strafe – es drohen Haftstrafen von bis zu zwei Jahren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in Zukunft keine Manipulationen mehr geben wird.

Wer kommt für eine Spende überhaupt in Frage?

Breidenbach: Voraussetzung für eine Spende ist der eindeutig festgestellte Hirntod. Nur wer auf der Intensivstation im Krankenhaus stirbt, kommt demnach in Frage. Die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst ein neues Organ braucht, ist übrigens drei mal höher, als ein Organ spenden zu müssen.

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