Warum macht die Stadt den Tod so teuer?

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Johanna wurde nur vier Tage alt. Vater Hans Lobensommer zahlte für die Grabstelle vor 24 Jahren 90 Mark. Heute sind es 465 Euro (jeweils für fünf Jahre) – eine Steigerung um rund 1000 Prozent. Jetzt hat er das Grab aufgegeben. "Die Stadt nutzt ein Monopol zum Nachteil der sozial schwächeren Bürger aus", sagt er.

Der Tod wird immer teurer. Doch nicht nur die Bestatter drehen an der Preisschraube.

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat jetzt auch die Stadt die Fixkosten für Gräber kräftig erhöht. So kletterten etwa die Gebühren für eine Feuerbestattung von 1096 auf 1161 Euro, die Jahres-Kosten für eine Baumbestattung von 56 auf 205 Euro, die Gebühr für eine anonyme Urnenbeisetzung von 100 auf 450 Euro.

Kaum zu glauben: Ein Münchner soll für das Urnengrab seiner Tochter sogar 1000 Prozent mehr als vor 20 Jahren bezahlen! Seit die tz zu Allerheiligen berichtet hat, dass eine gewöhnliche Bestattung immer mehr zum Luxus wird, stapeln sich in der Redaktion die Leserbriefe. Vor allem zum Thema Gebühren. Was die Friedhofsverwaltung dazu sagt?

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Dort wirbt Chefin Kriemhild Pöllath-Schwarz um Verständnis. Sie erklärt, dass man die Preise „über ein Jahrzehnt lang kaum erhöht hat“. Abgesehen von einer „Rundung“ zur Euro-Umstellung und einer ersten Anhebung 2004. Zweitens: Friedhöfe müssten kostendeckend arbeiten. Drittens: Pro Jahr würden fast 2000 Gräber mehr zurückgegeben, als neu vergeben. Auch das treibe die Kosten in die Höhe.„Ich verstehe die Argumente der Stadt. Doch diese Erhöhung ist unverhältnismäßig“, sagt dazu der Betroffene Hans Lobensommer. Andere wütende Bürger sprechen von Abzocke, einer schreibt: „Die Stadt scheut sich nicht, auch für die einfachste Entsorgung eines Menschen abzukassieren.“

Kriemhild Pöllath-Schwarz betont, dass so manche Leistung früher „viel zu billig“ angeboten worden sei. Dass sie hofft, die Preise „irgendwann wieder senken zu können“. Doch jetzt gehe es darum, alle „möglichst gerecht an den Friedhofskosten zu beteiligen“.

Aber was ist gerecht? Während die anonyme Beisetzung in München seit 1. August besagte 450 Euro Einmal-Gebühr kostet, sind’s in Nürnberg 240 Euro, in Augsburg 160 Euro, in Schweinfurt gar nur 120 Euro. Dennoch: „Im nationalen Vergleich liegt München bei den Gebühren teils im mittleren, teils im oberen Bereich“, heißt es bei der Verbraucher-Initiative Aeternitas. Andere Großstädte wie Köln seien wesentlich teurer.

Zurück nach München. Hier werden bereits mehr als sieben Prozent der Toten anonym bestattet. Die Zahl steigt – trotz Gebührenerhöhung. Die Asche wird dabei auf einer Freifläche im Waldfriedhof beigesetzt. Frühmorgens, vor Öffnung der Friedhofstore. Dann kommt wieder Rollrasen drüber. Für immer. Auch das hat seinen Preis. Der anonyme Tod kostet in der billigsten Variante 2305 Euro. – alles inklusive …

Claudia Detsch

Friedhofs-Gebühr explodiert: Vater nimmt Grabplatte mit nach Hause

Töchterchen Johanna war ein Wunschkind. Sie kam viel zu früh zur Welt. Sie war zu klein, zu schwach, durfte nur vier Tage leben. „Sie hatte damals wohl keine Chance“, sagt Hans Lobensommer (60). Damals, 1984, als seine Frau und er die Babyleiche bestatten mussten. Sie suchten schweren Herzens ein Urnengrab aus, zahlten 90 Mark an Gebühren für fünf Jahre. Doch inzwischen haben sich die Kosten für die Grabstelle um gut 1000 Prozent erhöht!

„Die Preise von heute und damals kann man nicht vergleichen. Semmeln sind seit 1984 auch teurer geworden“, sagt dazu Kriemhild Pöllath-Schwarz von der Friedhofsverwaltung. Die Friedhofs-Chefin spricht von Kostenzwängen. Zudem gelte: Bei den bisherigen Gebühren seien weder die Pflege des Grabes noch der Aufwand für die Reinigung ausreichend berücksichtigt worden.

Beim Wort „Pflegeaufwand“ muss Hans Lobensommer wider Willen schmunzeln. Schließlich ist am Gräberfeld seiner Tochter zwecks Daueranpflanzung „keinerlei Schmückung“ erlaubt, also nicht mal ein Kerzerl zu Allerheiligen. Dann legt er all seine Urkunden und Dokumente vor: Die Graburkunde von 1984 mit der Gebühr von DM 90 für fünf Jahre. Später waren’s 130 Mark, dann 191 Mark, von 2003 bis 2008 bereits 203 Euro. Und schließlich das Schreiben vom September diesen Jahres, als er laut „Friedhofsgebührensatzung“ plötzlich doppelt so viel, nämlich 465 Euro für fünf Jahre, berappen sollte.

Lobensommer wollte es zuerst nicht glauben, wandte sich an die Friedhofsverwaltung, dann an OB Ude. Er spricht von „Verschleierungstaktik“ der Stadt und davon, „dass man hier ein Monopol zum Nachteil vor allem der sozial schwächeren Bürger ausnutzt“.

Er hat aus der Erhöhung seine ganz persönliche Konsequenz gezogen: Er hat das Grab seiner Tochter aufgekündigt, die Kup­ferplatte mit Johannas Lebensdaten abgeschraubt. Sie hat jetzt einen Ehrenplatz. Bei ihm zu Hause.

C. Detsch/ D. Treder

Quelle: tz

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