Warum in München die Masern-Gefahr so groß ist

München - Nach dem Tod eines 26-Jährigen, der an den Masern starb, herrscht in München helle Aufregung: Stadt und Umland verzeichnen die Hälfte aller deutschen Fälle von Masern! Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen.

Ein junger Mann (26) stirbt im Uni-Klinikum Großhadern an Masern, drei Menschen stecken sich an. Neben einem Patienten (72) fingen sich ein Oberarzt und eine Krankenschwester die Viren ein, sagte Klinik-Sprecher Philipp Kreßirer der tz.

Herr Doktor, Sie haben die Masern!

Kein Einzelfall: Bereits im vergangenen Jahr sei in der Innenstadtklinik ein Mitarbeiter der Inneren Medizin erkrankt, ein Zivi. Das kranke Personal habe keine weiteren Patienten angesteckt. Doch die Gefahr bleibt: Aktuell haben sich auch in einer anderen Klinik in München Mitarbeiter infiziert. Das Gesundheitsamt warnt immer eindringlicher: „Mittlerweile sind die Masern in München endemisch.“

Die seltensten Krankheiten der Welt

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Das heißt: Die Viren haben sich bei uns eingenistet. „Ein Ende des starken Infektionsgeschehens ist derzeit nicht abzusehen.“ Mehrere schwere Fälle seien bisher stationär aufgenommen worden. Der Masern-Todesfall überrascht die Behörde darum nicht. „Das ist sehr tragisch, aber mit so einem Ausgang muss man leider rechnen“, sagt der Chef-Infektiologe der Stadt, Dr. Ingo Bachem.

Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen zur Situation:

Wie ist die Lage? Die Masern gehen immer schneller um. Heuer verzeichnet das Gesundheitsamt schon 108 Kranke – bis Freitag. „Ich habe heute schon wieder Fälle reinbekommen“, sagte Bachem am Montag. Weitere 30 Menschen holten sich die Krankheit im Umland, nochmal 30 kommen in Bad Tölz und Garmisch dazu.

Sind das nicht wenige Kranke? Jeder ist einer zu viel, darum wollte die Weltgesundheitsorganisation die Masern bis 2010 ganz ausrotten. Dennoch registriert das Robert-Koch-Institut bundesweit heuer bislang 368 Fälle. Das heißt auch: Fast jeder zweite Kranke in Deutschland holte sich die Masern in München und Umland! Und nach einer Studie melden Ärzte nur jeden dritten Masern-Kranken ans Gesundheitsamt.

Warum grassieren die Erreger ausgerechnet bei uns derart? Aus mehreren Gründen: Im Ballungsraum rücken die Menschen enger zusammen – etwa in der U-Bahn. Außerdem beklagt das Gesundheitsamt Schlamperei und Meldeverzögerungen. Ärzte hätten Masern-Kranke schon zum Hautarzt überwiesen und weitere Ansteckungen riskiert. Dazu kommt Impfmüdigkeit: Nach Zahlen des Landesamts für Gesundheitsschutz waren zuletzt nur 85 Prozent der Münchner Kindl vollständig geimpft. Damit liegen sie zwar im Schnitt des Freistaats, aber weit unter dem bundesweiten Wert von 90 Prozent und den geforderten 95 Prozent.

Wie kommt das? Das hat einen münchnerischen Grund: Impfgegner aus Prinzip. „Die gibt es am häufigsten im gut situierten Bildungs­bürgertum“, sagt Infektiologe Bachem. Und dieser Menschenschlag ist in Stadt und Umland überdurchschnittlich vertreten. Impfgegner halten die jedes Jahr millionenfach verabreichten Spritzen für gefährlich oder Krankheiten wie die Masern für ungefährlich oder gar förderlich.

Das ist doch auch eine Kinderkrankheit! Das stimmt nicht, wie der Münchner Masern-Tote zeigt. Derzeit stecken sich immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene an, weil es in deren Kindheit keine Standard-Impfung gab. Jeder vierte bis zweite von ihnen muss wegen Komplikationen in die Klink, einer von 1000 stirbt an einer Gehirnentzündung. Wer die Masern nicht durchmachen musste, soll die Impfung dringend nachholen, raten Ärzte und Behörden. Nebenwirkungen seien extrem selten – im Vergleich zu Komplikationen bei Masern, Todesfälle sind gar nicht bekannt.

David Costanzo

Rubriklistenbild: © dpa

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