Warum Stadt und Umland ein Masern-Herd sind

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Ein Grund für das vermehrte Aufkommen von Masernfällen rund um München. Die Bayern und besonders die Münchner im Umland lassen sich laut Landesamt für Gesundheit seltener impfen als im Rest der Republik

München - Die Masern sollten in Europa ausgerottet werden - doch das misslang in Deutschland und vor allem in München: Stadt und Umland sind ein Masern-Herd.

Alles andere als eine Kinderkrankheit: Die Masern führen häufig zu Komplikationen, auch zu lebensgefährlichen, bis hin zum Tod – dabei könnten sich alle mit einer Impfung schützen. Darum wollte die Weltgesundheitsorganisation die Infektion bis Ende vergangenen Jahres in Europa ausrotten, scheiterte damit jedoch in Deutschland und besonders in München. Stadt und Umland sind ein Masern-Herd!

Von den 780 gemeldeten Infektionen im Jahr 2010 steckte sich jeder fünfte Kranke in München und den angrenzenden Landkreisen an. Allein das Gesundheitsamt der Stadt meldete 67 Fälle, so viele wie seit Jahren nicht mehr. Dadurch verfünffachten sich die Zahlen im Freistaat, wie Statistiken des Robert-Koch-Instituts (RKI) belegen. Und die Epidemie geht weiter: Vor zwei Wochen warnte das Gesundheitsamt vor 17 Infektionen in der Stadt, bis Ende letzter Woche trafen die Viren 29 Menschen in München und Umland. Die Masern kehren zurück.

Doch das ist kein Schicksal: Die Bayern und besonders die Münchner im Umland lassen sich laut Landesamt für Gesundheit seltener impfen als im Rest der Republik. Dieser Nährboden für Viren wird kultiviert durch Fehler und Skandale:

- Im Frühjahr schrammte eine Münchner Klinik an einer Katastrophe vorbei: Ein 29-Jähriger musste nach dem Südafrika-Urlaub mit Entzündungen und Durchfall ins Krankenhaus. Weder der behandelnde Arzt noch das Labor meldeten das dem Gesundheitsamt! In der Folge erkrankten laut RKI zwei Klinik-Mitarbeiter so schwer, dass auch sie stationär aufgenommen wurden. Einer von beiden hatte kurz davor in der ansteckenden Phase noch auf einer Station mit immungeschwächten Patienten gearbeitet. „Sie wurden dadurch einem vermeidbaren Infektionsrisiko ausgesetzt“, diagnostiziert das RKI. Das Gesundheitsamt will den Namen der Klinik nicht nennen. Seinerzeit ermittelte die Behörde über 100 Personen, die mit dem Virus in Kontakt geraten sein konnten, und sprach bei den Umgeimpften teilweise Tätigkeitsverbote aus. Kein Patient steckte sich an.

- Von Juni bis August fingen sich 48 Menschen in München eine andere Masern-Variante ein: Zuerst erwischte es laut RKI einen 34-jährigen Bulgaren so schwer, dass die Ärzte erst eine Tuberkulose vermuteten. Bulgarien plagt seit zwei ­Jahren eine Epidemie mit 24 000 Kranken und 24 Toten. In der Folge gab es immer mehr Infektionen in Stadt und Umland – eine 33-Jährige aus einem Nachbarlandkreis erlitt eine Gehirnentzündung.

- Bei dieser Epidemie infizierte sich auch ein 17-Jähriger, den die Eltern laut RKI zur Heilpraktikerin schickten. Die riet davon ab, den Fall zu melden – weder an die Schule, noch ans Amt, obwohl das Gesetz es vorschreibt! Der Bursche steckte mindestens neun Menschen an.

- Im Oktober erwischte es den Landkreis Fürstenfeldbruck: Ein französischer Austauschschüler brachte die Viren wohl mit. Wieder erfuhr das dortige Gesundheitsamt erst von den Ansteckungen der Klassenkameraden, sagt der Leiter Dr. Rudolf Summer der tz: „Wir waren dadurch 14 Tage zu spät dran.“ Bis in den Dezember infizierten sich 37 Menschen, vor allem ungeimpfte Schüler aus Gröbenzell. Acht Patienten mussten zeitweise ins Krankenhaus – jeder fünfte Kranke. „Masern sind eben keine harmlose Kinderkrankheit“, sagt Dr. Summer. Die Viren treffen immer mehr Erwachsene, die häufiger Komplikationen wie Lungen- und Gehirnentzündungen erleiden. Neu seien Erkenntnisse, dass sich Komplikationen erst nach Jahren zeigen können. Darum sollte niemand die Infektion auf „natürliche Weise“ durchmachen, sondern die „sehr gut verträgliche“, zweifache Impfung erhalten.

Dennoch glauben viele das Gegenteil: Laut Landesamt für Gesundheit zeigen Studien, dass besonders gebildete Eltern ihren Kindern den Schutz verweigern. Das könnte die schlechten Impfraten im reichen Süden Bayerns erklären. Dabei immunisiert die Impfung nicht nur den Impfling – sondern auch alle, die zu jung oder zu krank dafür sind. Auf diese Herdenimmunität dürfen etwa Krebskranke derzeit nicht hoffen.

David Costanzo

tz-Stichwort Masern

Masern ist eine der ansteckendsten Infektionen. Nach acht bis zehn Tagen beginnen Fieber, Schnupfen und Husten – Kranke sind schon ansteckend. Nach weiteren drei bis sieben Tagen kommt der Ausschlag, der eine Woche bleibt. Dabei entwickelt jeder fünfte Kranke Entzündungen, bei einem von 1000 trifft es das Gehirn. Dann bleiben in jedem zweiten Fall Schäden, jeder fünfte führt zum Tod. Zwar kann auch die Impfung ­Nebenwirkungen haben – meist Fieber –, die sind aber mehr als tausend Mal seltener, und Todesfälle sind nicht bekannt.

So viele erkrankten im Umland an Masern – und so wenige sind geimpft

Ort Infektionen 2010 Infektionen Januar 2011 Impfquote
Stadt München 67 22 84,8%
Landkreis München 11 0 86,6%
Fürstenfeldbruck 37 1 83,5%
Dachau 11 4 80,8%
Freising 12 2 85,4%
Erding 0 0 79,0%
Ebersberg 3 0 74,5%
Starnberg 0 0 78,5%

Quellen: Robert-Koch-Institut: SurvStat-Datenbank, Stadt München, Landratsämter, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit: Gesundheitsreport Bayern 1/2010 Anmerkung: Die Impfquote wurde bei Untersuchungen im Schuljahr 2008/2009 ermittelt und bezieht sich auf die zweite Impfung.

Die Rückgang der Masern seit 2001 – und die Rückkehr 2010

Infektionen in … 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010
München 145 69 8 2 59 2 33 17 11 67
Bayern 2223 1606 45 16 324 71 211 306 45 219
Deutschland 6037 4656 777 123 781 2308 566 915 571 780

Quelle: Robert-Koch-Institut: SurvStat-Datenbank

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