Warum zahlt die Klinik nicht für Zarinas (19) Schmerzen?

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Zarina Z. (19) sitzt wegen eines Ärztepfuschs in der Haunerschen Kinderklinik seit sechs Jahren im Rollstuhl. Obwohl die Mediziner ihren Fehler eingestehen, bekommt sie ihr Schmerzengeld nicht.

München - Ihre Schmerzen, ihre Lähmungen in den Füßen hatten die Ärzte nicht ernst genommen. „Die haben mir gesagt, das seien psychische Probleme“, sagt Zarina Z. Fünf Tage lag die 19-jährige Schülerin im Haunerschen Kinderspital.

Fünf lange Tage, in denen sich ihr Zustand dramatisch verschlechterte. Als die Mediziner endlich den Ernst der Lage erkannten, war es zu spät. Deshalb muss Zarina seit sechs Jahren im Rollstuhl sitzen, ist für den Rest ihres Lebens querschnittsgelämt, Jetzt wendet sie sich mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit:

Warum zahlt ihr der Freistaat kein angemessenes Schmerzensgeld?

Am 30. April 2003 war Zarina in die Kinderklinik der Universität eingeliefert worden, als Notfall. „Ich hatte ein Kribbeln in den Beinen und konnte kaum noch stehen“, erinnert sie sich. Sie sei untersucht worden. „Man hat mir gesagt, das sei die Psyche.“ Wie sie später erfuhr, hatte ein Student als Einziger die Gefahr erkannt, doch die Ärzte hörten nicht auf ihn. Am Folgetag ging es ihr schlecher. Von einer kurzen Untersuchung abgesehen sei nichts passiert.

2. Mai: „Eine Psychologin kam zu mir an Bett. Sie hat nur kurz über Psychotherapie geredet.“

3. Mai: Trotz weiterer Verschlechterung passierte wieder nichts. Zarinas Onkel, selbst ein Arzt, bestand auf eine gründliche Untersuchung. Die Ärzte hätten ihn aber abgewimmelt: „Wir wissen schon was wir tun.“

4. Mai: „Ich konnte nicht mehr aufstehen“, erzählt Zarina. Sie habe nach den Beschwichtigungen der Ärzte an sich selbst gezweifelt: „Ich kam mir doof vor.“

Erst am 5. Mai sei eine Computertomografie durchgeführt worden. Erst jetzt wurde entdeckt, dass ein schnell wachsendes Krebsgeschwür, ein so genanntes ­Ewing-Sarkom, ihr Rückenmark abdrückte. Eilig wurde sie nach Großhadern gebracht, wo eine Notoperation durchgeführt wurde. Der Tumor konnte restlos entfernt werden. Aber: Der Druck auf ihr Rückenmark war so stark gewesen, dass die Nervenbahnen zerstört sind. Eineinhalb Jahre musste Zarina noch im Krankenhaus verbringen, mit Strahlen- und Chemo-Therapie. Der Krebs wurde besiegt.

Zumindest eine gute Nachricht, denn die Heilungs-Chancen liegen etwa bei zwei Dritteln. Die Querschnittslähmung hätte bei einer Behandlung zwei Tage früher nicht sein müssen, betont der Chef des Haunerschen Kinderspitals, Professor Dr. Dietrich Reinhardt, gegenüber der tz. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die beteiligten Ärzte Fehler gemacht haben: „Es haben mehrere die Symptome nicht richtig gedeutet.“ In einem ärztlichen Gutachten heißt es: „Für diesen Fehler sind die betreuenden Ärzte, insbesondere die konsiliarisch hinzugezogenen Kinderneurologen, verantwortlich zu machen.“ Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass ein Schmerzensgeld von 350 000 Euro angemessen sei. Eigentlich ein klarer Fall für die Rechtsanwaltskanzlei Putz & Steldinger, die seit 2004 für Zarinas Interessen eintritt. Von einer Abschlagszahlung über 50 000 Euro abgesehen sei jedoch nichts passiert, sagt der Medizin-Fachanwalt Wolfgang Putz.

Schriftsätze seinen unbeantwortet geblieben. Putz: „Wir haben es mit einer Universitätsverwaltung zu tun, die schlicht nicht mehr arbeitsfähig ist.“ Auch Professor Reinhardt kämpft für Zarina: „Es muss eine Entschädigung bezahlt werden. Ich habe die Klinik-Leitung eindringlich gebeten, das jetzt zu regeln.“ Klinik-Sprecher Philipp Kreßirer erklärte auf Nachfrage der tz, es seien weitere 50 000 Euro unterwegs. Mehr gehe aber nicht.

Eberhard Unfried

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