Gefangen im Paragrafendschungel 

Wegen Gerüst: Stadt lässt schwerbehinderten Mann nicht arbeiten

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Alustangen, ein Trittbrett und vier Pylonen: Was Thomas Gistl die Arbeit erleichtert, ist laut Stadt eine genehmigungspflichtige Baustelle.

Seit 19 Jahren reinigt und repariert Thomas Gistl (55) Markisen von Geschäften. Da er schwerbehindert ist, benötigt er dazu Klappgerüst, das ihm die Stadt nicht erlaubt. Nun droht die Pleite.

München - Ist München die schönste Stadt der Welt? „Da kann ich nur drüber lachen“, sagt Thomas Gistl sarkastisch. „Das gilt anscheinend nicht für saubere Markisen.“ Seit 19 Jahren reinigt und repariert der 55-Jährige die Stoffüberdachungen vor Geschäften. Egal ob an der Maximilianstraße oder in Obersendling – viele nehmen Gistls Dienste gerne in Anspruch. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Weil das Ordnungsamt in seinem kleinen Klappgerüst eine Wanderbaustelle sieht, droht dem schwerbehinderten Gistl die Pleite.

Thomas Gistl steht in seiner erdbraunen Arbeitshose neben seinem Gerüst und hebt seinen linken Arm. Auf Brusthöhe ist Schluss. „Weiter geht’s nicht“, sagt der Ur-Münchner. Früher war Gistl Lastwagenfahrer. „Die Sitzerei hat mich fertiggemacht.“ Unzählige Bandscheibenvorfälle, mehrere Operationen waren die Folge. Gistl verlor seinen Job, gilt seit drei Jahren als schwerbehindert. „Zumindest zu 50 Prozent“, sagt er. Hartz IV, Leben am Existenzminimum. Doch Gistl wollte dem Staat nicht nur auf der Tasche liegen. „Seit fast 20 Jahren putze ich Markisen und verdiene mir etwas dazu“, erzählt er stolz. Bis zu 100 Kundschaften hat er im Jahr. Für seine Arbeit hat sich Gistl ein Klappgerüst gekauft. Maße: 67 Zentimeter breit, 1,84 Meter lang und 1,68 Meter hoch. „Ich stehe viel stabiler als auf einer Leiter, kann bequemer putzen und halte dabei auf Gehwegen sogar die geforderte Restbreite (Anm. d. Red.: 1,30 Meter) ein“, sagt Gistl.

Gistl: „Da sagt doch jeder kleine Geschäftsmann ‚Wiederschaun!‘“

Und trotzdem: Seit etwa einem Jahr ist das Gerüst der Stadt ein Dorn im Auge. Laut Vorschriften fällt die Mini-Konstruktion aus Alustangen und einem Trittbrett in die Kategorie „Wanderbaustelle“. Das heißt: Gistl müsste jedes Mal, bevor er eine Markise putzt, einen Antrag beim Kreisverwaltungsreferat (KVR) stellen. Kosten: bis zu 200 Euro. Dauer bis zur Genehmigung: mehrere Wochen. Gistl ärgert sich: „Ich arbeite wetterabhängig. Ich weiß doch nicht einen Monat vorher, wie das Wetter wird. Und die Kosten müsste ich auf die Rechnung schlagen. Da sagt doch jeder kleine Geschäftsmann ‚Wiederschaun!‘“

Thomas Gistl ist verzweifelt. In einem Schreiben an die Stadt hat er seine missliche Lage geschildert. Sogar ein ärztliches Attest hat der 55-Jährige vorgelegt. Doch das KVR blieb hart und hat Gistl bereits zu einer Geldstrafe von 150 Euro verdonnert. Zwei Klappleitern und ein Holzbrett darübergelegt, wären laut Gistl erlaubt.

Auf Nachfrage erklärt KVR-Sprecher Johannes Mayer: „Wer im Straßenraum Leitern, Hebebühnen oder Klappgerüste aufstellen möchte, braucht grundsätzlich eine Sondergenehmigung.“ Eine pauschale Genehmigung über einen längeren Zeitraum für verschiedene Stellen sei aber seit 2014 nicht mehr möglich. Damals wurde die Satzung geändert, weil nicht an jedem Ort die minimale Restbreite auf Gehwegen eingehalten wurde. Seitdem wird jeder Standort einzeln geprüft und genehmigt. Laut Mayer gibt es aber eine Chance für den Markisenreiniger: „Herr Gistl kann uns eine Liste mit all seinen Kunden zusammenstellen. Dann wird jeder Standort geprüft, und es besteht die Möglichkeit, dass er eine Jahresgenehmigung bekommt.“

Johannes Heininger

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