So wird im Frauengefängnis Weihnachten gefeiert

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Beim Weihnachtsgottesdienst im Frauengefängnis: Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler predigt für die Inhaftierten.

München - Weihnachten ist nicht nur für die heile Welt reserviert: Die Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler feierte am Freitagnachmittag im Münchner Frauengefängnis einen ökumenischen Festgottesdienst.

Die Neonröhren sind aus. Dafür erleuchten ein großer Adventskranz, eine Osterkerze und die elektrische Lichterkette des Christbaums den hellen Raum mit den dunklen Fliesen. Das große Zimmer besitzt das Ambiente eines Tagungsraums, dabei handelt es sich um eine dezente Kirche. Um eine Kirche im Frauengefängnis München-Neuharlaching.

Vor dem Altar singen 40 Buben des Tölzer Knabenchors „Es wird schon glei dumpa“. Unter den Zuhörern: Justizministerin Beate Merk und etwa 70 Häftlinge. In der Frauenabteilung der Justizvollzugsanstalt gestalteten die Knaben am Freitag die ökumenische Weihnachtsfeier.

Bei Liedern wie „Gloria“ haben einige der Gefangenen ein Lächeln auf dem Gesicht, anderen treiben die Kinderstimmen Tränen in die Augen. Die Predigt der evangelischen Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler stimmt sie nachdenklich. „Weihnachten macht schmerzlich deutlich, wie schön es sein könnte – und wie viel daran fehlt“, sagt Breit-Keßler. Bei einigen der Gefangenen seien die Karten von Anfang an schlecht gemischt gewesen, andere seien in etwas hineingestolpert und wieder andere hätten es einfach vermasselt, sagt sie. Von den 175 Frauen in der Schwarzenbergstraße sitzt der Großteil wegen Betäubungsmittel-, Diebstahl- und Betrugsdelikten, der Rest wegen Körperverletzung und Mordes. In Straf- und Untersuchungshaft.

Für die 26-jährige Verena J. (alle Namen geändert) ist es das erste Fest hinter Gittern. Die Mutter eines sechs Monate alten Sohns ist seit März wegen Drogen in Haft, bis voraussichtlich Oktober 2012. „Natürlich ist es an Weihnachten nicht schön, aber wir wollen es uns schön machen“, sagt die Münchnerin. Auf der Mutter-Kind-Station bereiten die neun Frauen an Heiligabend Salat, Pizza und Tiramisu zu. Das Beste sei aber, dass ihr Sohn bei ihr leben darf – und nicht bei einer Pflegefamilie. Und: Es ist ihr erstes Fest, an dem die 26-Jährige clean ist – nach zehn Jahren Heroinabhängigkeit. Aber zum Fest geht sie nicht in den Gottesdienst, der Glaube fehlt.

Auch Nadja S. bezeichnet sich nicht als besonders gläubig. Trotzdem besucht die 28-Jährige jedes Jahr den Weihnachtsgottesdienst. Das gebe ihr Geborgenheit. „Man ist doch nicht so allein und einsam, wie man sich zum Teil fühlt.“ Zudem ist es ein Ritual: Früher ging die Münchnerin auch immer in die Christmette. Dann kamen Diebstahl und Heroin-Missbrauch. Seit Oktober 2010 ist sie inhaftiert, erst im Juli 2012 darf sie raus. Ihr zweites Weihnachten im Gefängnis sei schlimmer, „weil ich nochmal von Familie und Freunden getrennt bin“. Sie denke oft darüber nach und bereue, was sie anderen genommen habe – gerade zu Weihnachten. Doch damals sei die Sucht stärker gewesen.

Birgit F. (44) braucht zum Nachdenken kein Weihnachten. Die Münchnerin denkt täglich über ihre Geschichte nach. Das habe auch ihre Einstellung verändert. „Ich kann es mehr verstehen als früher“, sagt sie. In Freiheit zählte für sie das Materielle, seit dem Knast sind es Werte wie Gemeinschaft. Seit Mai ist die Schwarzenbergstraße ihr Zuhause, bleiben muss sie bis Februar 2013. Wegen Sozialbetrugs. Ihre Kinder (13 und 18) leben jetzt beim Vater. Über Weihnachten bleibt sie alleine in ihrer Einzelzelle, neun Quadratmeter groß. Besuch bekommt sie keinen, das geht nur zweimal pro Monat. Den weihnachtlichen Geschenkestress vermisst sie überhaupt nicht, aber die Kinder. Ohne sie ist es einsam.

Doch manchmal ist es selbst im Gefängnis wie draußen: Am Ende der Feier singen die Frauen „Stille Nacht“.

Vera Markert

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