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Wenn Krankenkassen auf Kosten der Patienten sparen

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Patientin Eva E. muss am ganzen Körper verbunden werden. Die Kasse zahlt trotzdem nur 4 Euro
Patientin Eva E. muss am ganzen Körper verbunden werden. Die Kasse zahlt trotzdem nur 4 Euro © Westermann

Müde fährt sich Eva E. mit der Hand über die Augen. "Das ist jetzt eine schwere Zeit – aber da muss ich durch", sagt die 48-Jährige leise.

Über drei Jahre ist es nun her, dass der Arzt in der Klinik zu ihr sagte: „Sie haben Leukämie. Lymphatische.“ Von einer Sekunde auf die andere änderte sich alles – seit dieser Sekunde kämpft Eva. E. gegen die Krankheit, gegen die Angst, gegen das Leid – und gegen ihre gesetzliche Krankenkasse. Denn die will sparen.

Nur ein Beispiel: Eva E. hat seit Monaten nach einer Abstoß-Reaktion tiefe offene Stellen am ganzen Körper, mehrfach täglich muss sie daher über eine Stunde verbunden werden. Die Kasse aber sagt: Egal, wie lange es dauert, es gibt eine Grundpauschale von vier Euro – den Satz für fünf Minuten. „Mehr nicht!“

Der Fall von Eva E. ist einer von vielen, der die Sparwut vieler gesetzlicher Krankenkassen dokumentiert. Während in Berlin mit der Bundesregierung gefeilscht wird, dass man doch den Beitrag unbedingt auf 15,9 Prozent erhöhen müsse, damit das System funktionieren könne – klagen auf der anderen Seite zig Kranke, dass die Leistungen immer weniger werden. „Es entsteht immer mehr der Eindruck, dass von den Kassen prinzipiell erstmal alles abgelehnt wird, um dann zu sehen, ob der Patient reagiert – oder selber bezahlt“, schimpft auch Joachim Görtz, Bayern-Chef vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. „Da wird argumentiert und diskutiert ohne Ende.“

Dabei ist die Lage bei Eva E. klar: Nach einer Stammzellen-Transplantation, um die Leukämie zu besiegen, reagiert nun ihre Haut. Bedeutet: Diese wird teils abgestoßen – die Tutzingerin leidet an offenen Stellen am Rücken, an den Beinen, am Bauch. „Einen Tag bin ich in der Tagesklinik, den nächsten zu Hause“, erklärt die Krankenschwester. Wenn sie daheim ist, kümmert sich ein Pflegedienst um die Wunden. Rund 70 Minuten dauert das Verbinden – natürlich mit Reinigen, Einsalben und Pudern. Aber die große Kasse hat dafür eine Pauschale: Ab drei Mal verbinden zahlt sie übrigens 10,90 Euro.

„Ein Unding“, wie der Chef des Pflegedienstes Armin Heil kritisiert. „Damit werden die Kosten auf die Patientin und auf uns abgewälzt.“ Um die Krankenkasse zum Einsehen zu bewegen, ging Eva E. – zusammen mit dem Dienst – sogar so weit, Fotos von den schrecklichen Wunden an ihre Kasse zu schicken. Die Absicht: Da müsse jeder einsehen, dass das nicht in fünf Minuten verbunden werden kann. Doch auch dies brachte keinen Erfolg.

Welches unnötige Leid so manche Sparmaßnahme auslöst, zeigt auch der Fall von Doris M. (Name geändert). Die Mitfünzigerin aus München ist an Multiple Sklerose erkrankt und seit Anfang des Jahres auf einen Rollstuhl angewiesen. Im Mai beantragte sie daher einen Rollstuhl-Sicherheitsgurt, da sie Gefahr lief, aus ihrem Stuhl zu fallen. Eigentlich ist so ein spezieller Gurt (rund 100 Euro) nichts Ungewöhnliches. Dennoch: Der Antrag lag erstmal monatelang bei der Kasse, wurde nicht bearbeitet – mit drastischen Folgen: Mehrmals fiel Doris M. im Sommer aus ihrem Rollstuhl – und musste per Alarmknopf den Notdienst rufen. Die Kosten dafür: Jedes Mal mehrere hundert Euro!Sparwahn – zu Lasten der 51 Millionen Mitglieder hierzulande? Bei den Kassen will man davon nichts wissen: „Die Ausgaben für Medikamente, für Hilfsmittel steigen immer weiter an“, lautet ein Hauptargument. Aber dennoch würden immer mehr Menschen immer mehr Leistungen beziehen. Von Sparen könne da nicht die Rede sein. Tatsache ist: Rund 940 Millionen Euro haben die Kassen in diesem Jahr schon Miese gemacht, im vergangenen Jahr schlossen sie immerhin mit einem Plus von 1,8 Milliarden Euro ab. Übrigens: Durch die von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt beschlossene Beitragserhöhung auf 15,5 Prozent steigen die Einnahmen um rund 11 auf 167 Milliarden Euro im Jahr 2009. „Großzügig“ nannte das die Ministerin, die Kassen meinten „zu wenig“.Summen und Zahlen, die Eva E. kaum begreifen kann. „Ich weiß nur, dass ich viele meiner Verbände, auch meiner Medikamente, jetzt selber zahle. Ohne die Hilfe meiner Eltern, meiner Familie wäre ich wahrscheinlich ein Sozialfall.“

Viele zahlen aus eigener Tasche

Auch Elisabeth Solchenberger vom Verein Dahoam – Häusliche Krankenpflege und Altenbetreuung hat täglich mit dem Sparwahn der Kassen zu tun. Besonders der „Windel-Skandal“ ärgert sie: So entschied eine große Krankenkasse vor wenigen Monaten, dass Windeln für Inkontinenz-Patienten nur noch von einem gewissen Hersteller in Berlin bezogen werden dürfen. „Wohl, weil sie mit denen irgend einen Handel abgeschlossen hatten“, vermutet die Münchnerin. „Auf jeden Fall hatte die Firma urplötzlich Lieferschwierigkeiten – und die Patienten hatten keine Windeln mehr.“ Einfach zur nächsten Apotheke gehen und welche kaufen? „Das klingt einfach – man musste aber jede Windel eines anderen Herstellers erstmal absegnen lassen.“ Schriftlich, versteht sich. Und das dauerte. Die Folge: Viele zahlten das notwenige Hilfsmittel aus eigener Tasche.

Quelle: tz

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