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Wenn Mütter ihre Babys abgeben: Das passiert mit einem Findelkind

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Von: Johannes Heininger

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Findelbabys in Deutschland und Niederlanden sind Geschwister
Wenn Mütter ihre Babys abgeben: Das passiert mit einem Findelkind (Symbolbild). © picture alliance / dpa / dpa Picture-Alliance / Politie Noord Limburg

Nur der Zufall hat dem kleinen Justus am vergangenen Sonntag das Leben gerettet.  Hier erfahren Sie, was mit Kindern wie Justus passiert und was Ordensschwestern damit zu tun haben.

München - Am vergangenen Sonntag hat eine Spaziergängerin in einem Gebüsch an der Therese-Giehse-Allee in Neuperlach einen Säugling gefunden. Die Mutter, eine 27-Jährige aus dem hessischen Gießen, hatte den Buben kurz zuvor zur Welt gebracht – und ihn seinem Schicksal überlassen. Das Kind hatte mit 26 Grad eine gefährlich niedrige Körpertemperatur, war aber ansonsten gesund.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes gegen die Mutter. Was die junge Frau zu der Tat getrieben hat, ist unklar. Verzweiflung, Angst, psychische Probleme? Dabei gibt es in München mit dem Klinikum Schwabing und dem Kloster St. Gabriel gleich zwei Orte, an denen Mütter ihre Kinder anonym und ohne Angst abgeben können.

Babyklappe in München: Ja oder Nein? 

Im April 2000 diskutierte München, ob es in der Stadt eine Babyklappe geben soll. Die Meinungen in der Gesellschaft waren gespalten. Die einen sprachen von einem Segen, die anderen kritisierten, dass Mütter dadurch animiert werden, ihr Kind wegzugeben. Schwester Daniela (76) erinnert sich noch genau an den Moment, als sie in der Zeitung erfuhr, dass München nach einem Standort für eine solche Babyklappe suchte. Es war die Geburtsstunde für die Lebenspforte am Kloster St. Gabriel in Solln.

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Das Wort kommt ihr nur schwer über die Lippen. „Babyklappe“, sagt Schwester Daniela. „Das klingt so scheußlich. Man könnte meinen, es geht um einen Abfalleimer.“ Dabei sei die Lebenspforte in der Außenmauer des Klosters nicht die Endstation, sondern der Anfang eines neuen Lebens. „Bei uns beginnen die neuen Wurzeln zu wachsen“, sagt Schwester Daniela. Vor 18 Jahren glaubte sie deshalb fest daran, dass das Kloster St. Gabriel der ideale Ort ist, an dem Mütter ihren Kindern ein neues Leben schenken können. Wenige Monate später, im Oktober 2000, öffnete die Lebenspforte. Seitdem haben zehn Säuglinge die schützenden Hände von Schwester Daniela gespürt. „Das sind meine Kinder, sage ich immer“, erzählt sie. Noch immer klopft ihr Herz, wenn ihr Handy klingelt und die Nummer auf dem Display mit der Zahl 20 endet. Dann weiß sie, dass die Babyklappe gerade geschlossen wurde. „Da lasse ich alles stehen und liegen“, sagt die 76-Jährige entschlossen.

Sie flüstert dem Baby entgegen: „Du darfst leben“

Wenn Schwester Daniela auf dem Wärmebettchen ein Neugeborenes sieht, sagt sie immer denselben Satz: „Oh lieber Gott, ich danke Dir, dass du der Mutter diese Kraft gegeben hast.“ Und sie flüstert dem Baby entgegen: „Du darfst leben.“ Erst nimmt sie das Kind in den Arm, drückt es fest an sich. „Und dann weine ich“, sagt Schwester Daniela. Zur Routine werden diese Erfahrungen auch nach 18 Jahren nicht.

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Schwester Daniela hat dafür gesorgt, dass im Jahr 2000 die Lebenspforte an der Außenmauer des Klosters St. Gabriel in Solln eröffnete. Seitdem wurden zehn Säuglinge abgegeben. © bn

Eine Krankenschwester aus dem Orden untersucht den Säugling. Dann legt Schwester Daniela das Kind in eine Tragetasche und geht in die Kirche. Die Katholikin schreitet an den Altar. „Ich spreche zu Gott und sage ihm dann: Jetzt bist du dran.“ Maximal fünf Stunden bleibt ein Kind in der Regel im Kloster. So bald wie möglich nimmt Schwester Daniela Kontakt mit dem Jugendamt auf. In einem Krankenhaus wird das Kind schließlich an Bereitschaftspflegeeltern übergeben. Sollte die leibliche Mutter ihr Kind doch behalten wollen, hat sie acht Wochen nach Abgabe an der Lebenspforte Zeit, um sich mit dem Jugendamt in Verbindung zu setzen. Danach wird das Kind zur Adoption freigegeben.

Schwester Daniela bewundert Mütter, die sich zu diesem Schritt entscheiden. Sie sagt: „Das sind keine Rabenmütter. Sie treffen eine schwere Entscheidung. Es kostet sie viel Kraft. Und das Wichtigste ist, dass sie ihrem Kind die Chance auf ein bessere Leben geben möchten.“

Auch diese drei Fälle sorgten für Aufregung in München

2013: Mutter setzt Kind in Korb in der Borstei aus

In einem geflochtenen Weidenkorb lag die kleine Raquel Anfang August 2013 vor der Tür einer schwangeren Bewohnerin in der Borstei (Moosach). Das kleine Mädchen war in Decken eingewickelt, ihr Kopf sanft auf ein Kissen gebettet. Im Korb lag ein Zettel. Darauf stand geschrieben: „Bitte kümmern Sie sich gut um sie. Ich kann es nicht! Ein Tag alt und heißt Raquel“. Ärzte untersuchten das Kind, bis auf eine leichte Unterkühlung war das Mädchen gesund. Die Polizei suchte nach der Mutter, konnte sie aber bis heute nicht auffinden.

2015: Flughafen-Baby

Eine 24-jährige Erzieherin aus Heidenheim (Baden-Württemberg) hat am 30. Juli 2015 in einer Parkhaustoilette am Münchner Flughafen ein Mädchen zur Welt gebracht. Die Mutter, so die Meinung des Landshuter Landgerichts, habe sich in einem Ausnahmezustand befunden. Anders sei es nicht zu erklären, dass die junge Frau ihr Neugeborenes in die Toilette gestopft und sogar noch die Spülung betätigt hatte. Die Mutter wurde zu fünf Jahren Gefängnis wegen versuchten Totschlags verurteilt. Das kleine Mädchen überlebte.

2010: Fund am Landtag

Das kleine Mädchen wurde entsorgt wie Müll. Eingewickelt in Plastiktüten haben Spaziergänger im November 2010 in den Grünanlagen hinter dem Maximilianeum ein totes Baby entdeckt. Nach Auskunft der Mordermittler war die Leiche bereits stark verwest. Bis heute konnte nicht aufgeklärt werden, wer die Mutter des toten Kindes ist. Gerichtsmediziner haben herausgefunden: Das Baby hat gelebt. Wie lange, ist nicht klar. In einem kleinen weißen Sarg wurde das Kind am Ostfriedhof in einem würdevollen Rahmen beigesetzt.

Das passiert mit einem Findelkind

    Welche Aufgaben hat das Jugendamt?

Wird ein Kind aufgefunden oder in einer Babyklappe abgegeben, erfolgt nach der medizinischen Untersuchung die Inobhutnahme durch das Jugendamt gemäß dem Paragrafen 42 Sozialgesetzbuch. Danach beantragt die Bezirkssozialarbeit im Sozialbürgerhaus beim Familiengericht eine Vormundschaft für das Kind. Kann das Baby aus den verschiedensten Gründen nicht zur Mutter zurückkehren, etwa weil diese noch nicht identifiziert ist oder sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet, kommt das Kind zu einer sogenannten Bereitschaftspflegefamilie. In dieser Zeit klärt das Jugendamt ab, ob das Kind wieder zur Mutter zurückkehren kann. Sollte dies nicht der Fall sein, kann das Kind langfristig bei der Pflegefamilie bleiben oder aber auch zur Adoption freigegeben werden.

    Wann kann ein Kind in eine Pflegefamilie kommen?

Darüber, ob ein Kind dauerhaft in einer Pflegefamilie leben kann, entscheidet ein standardisiertes Verfahren. In der Regel stellt der Sorgeberechtigte des Kindes, also zum Beispiel die Mutter einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung. Die Experten der Bezirkssozialarbeit prüfen, wie dringend die Eltern oder der Elternteil eines Kindes diese Hilfe braucht. Ein Fachteam entwickelt im Rahmen eines Hilfeplanverfahrens die geeignete Maßnahme für den speziellen Einzelfall. Erst wenn die Eltern des Kindes mit dem erstellten Plan zufrieden sind, kümmert sich ein Vermittlungsteam um eine geeignete Pflegefamilie. Deshalb sei es wichtig, dass es eine unterschiedliche Auswahl an Pflegeeltern gibt, teilt das Jugendamt mit. Erst wenn die leiblichen Eltern oder andere Sorgeberechtigte mit den künftigen Pflegeeltern einverstanden sind, beginnt die Anbahnung in die Pflegefamilie.

    Wie werden die Pflegeeltern ausgewählt?

Hat sich ein Paar dazu entschieden, ein Pflegekind aufzunehmen, muss es sich zunächst an das örtliche Jugendamt wenden. Das Stadtjugendamt München prüft beispielsweise alle Pflegebewerberinnen und -bewerber nach einem qualifizierten und einheitlichen Verfahren. Ob die Bewerber als Pflegeeltern geeignet sind, entscheiden Experten nach einer Informationsveranstaltung, mehreren Paar- und Einzelgesprächen und einem zweitägigen Bewerberseminar. Auch bei Hausbesuchen verschafft sich das Jugendamt einen Überblick über die privaten Verhältnisse des Paares. Erst nach diesem Prozess fällt eine Entscheidung. Informationen für interessierte Familien gibt es im Internet unter www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Sozialreferat.

    Welche Rechte haben leibliche Eltern und Pflegefamilien?

Pflegeeltern gehen zum Pflegekind eine besondere Beziehung ein, teilt das Sozialreferat mit. Die Kinder werden in ihrer neuen Heimat umfassend betreut und erzogen. Damit haben die Pflegeeltern für die Dauer der sogenannten Vollzeitpflege die Rechte der leiblichen Eltern übernommen. All das regelt der Paragraf 1688 im Bürgerlichen Gesetzbuch. Außerdem haben Pflegeeltern ein Recht auf Beratung und Unterstützung. Auch falls das Kind aus der Familie herausgeholt werden sollte und die Pflegefamilie der Meinung ist, dass das Wohl des Kindes dadurch in Gefahr ist, können die Pflegeeltern einen Antrag beim Familiengericht stellen – und eventuell erzwingen, dass das Kind in ihrer Obhut bleibt. Leibliche Eltern hingegen haben das allgemeine Recht auf Hilfe bei der Erziehung und einen Anspruch auf Beratung. Sehen sich Eltern gezwungen, Hilfe in Form einer Pflegefamilie in Anspruch zu nehmen, dürfen diese einen Wunsch äußern und sogar mitentscheiden, in welche Pflegefamilie das Kind kommt. Eine leibliche Mutter kann beim Familiengericht einen Antrag auf Rückführung stellen. Für diese Entscheidung ist die Lebenssituation der Mutter ausschlaggebend. Voraussetzung ist, dass sie die elterliche Fürsorge erfüllen kann.

joh

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